PDF DOWNLOAD

Manche Begriffe werden förmlich wie Waffen eingesetzt, meistens, um Ängste zu erzeugen. Die Inflation als eine Bedrohung des Wohlstands ist immer öfter und heftiger als Teufel an die Wand gemalt. Ursprünglich reichte es sogar aus, nur vom Teufel zu sprechen, und schon kam er höchstpersönlich vorbei. Später wollte man ihn nicht durch entsprechende Gemälde anlocken, schon gar nicht über der Haustüre. Deshalb bringt man auch heute noch häufig die Segensformel „C+M+B“ an, die lateinischen Ursprungs („Christus mansionem benedicat“) besagt: Christus segne dieses Haus.

Heute würde man auch sagen, man redet das Unheil förmlich herbei. Dabei handelt es sich dann um das bekannte Konzept der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Dahinter steckt tatsächlich wissenschaftlicher Gehalt, zurückgehend auf den amerikanischen Soziologen Robert K. Merton, der dieses Phänomen in einer bahnbrechenden Arbeit (1948) beschrieb. Dort benutzte er ein Wortspiel, wobei er aus „reign of terror“ (Terrorherrschaft) „reign of error“ machte, also die Herrschaft des Irrtums.

Der Ausgangspunkt dabei ist in der Regel ein Irrtum, eine falsche Bestimmung der Situation. Damit wird dann ein Verhalten initiiert, sodass die ursprünglich falsche Auffassung richtig („wahr“) wird. Das Perfide an diesem Spiel ist nun, dass der ursprünglich falsch liegende Prophet am Ende für sich in Anspruch nehmen kann, er hätte von Anfang an richtig gelegen. Beispiele dafür gibt es in der Tat genug. Gerüchte über die mögliche Finanznot einer Bank, ob wahr oder falsch, lassen Kunden abwandern und die Pleite naht.

In unseren Zeiten wird jetzt ja jede Menge an Insolvenzen und Notständen herbeigeredet, was am Ende zu einer Überkompensation führen kann. Gas und Strom sind da prominente Beispiele. Was dabei herauskommen kann, sieht man an der „Gasumlage“. Diese sollte ursprünglich als „saldierte Preisanpassung“ an die Wand gemalt werden, und man diskutierte anscheinend mehr den Namen als den tatsächlichen Inhalt. Als Rettungsanker wurde dann die „Übergewinnsteuer“ in den Ring geworfen. Damit soll wohl aber noch lange nicht Schluss sein ...

Das klassische Experiment zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen wurde 1965 von Robert Rosenthal an amerikanischen Grundschulen durchgeführt. Zu Schuljahrsbeginn wurde die Intelligenz der die Schule Besuchenden (dem Gendern sei Dank!) getestet. Dann wurden den Lehrenden einige zufällig ausgewählte Kinder (unabhängig vom Testergebnis) als besonders intelligent ans Herz gelegt und es wurde behauptet, von diesen seien besondere Leistungen zu erwarten. Und siehe da, am Ende des Schuljahres ergab ein erneuter Test tatsächlich, dass sich diese ausgewählte Gruppe stärker als der Rest verbessert hatte.

Bekannt ist ja auch der Einfluss von Informationen vor – oder besser – auf Wahlen in Form von Umfrageergebnissen. Es ist halt in diesen Systemen nicht wie in der Naturwissenschaft mit zweiwertiger Logik üblich, auf Fragen nur mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten, sondern es gibt häufig noch weitere Möglichkeiten. Schon Aristoteles wusste davon, und heute bezeichnet man dieses System mit mehr als zwei Werten als „Günther-Logik“ (nach dem deutschen Philosophen und Logiker Gotthard Günther). Ein einfaches Beispiel hierfür ist die Prophezeiung, ein Schiff würde bei einer Überfahrt untergehen. Der Kapitän könnte losschippern und die Frage, ob „Ja“ oder „Nein“ zutrifft, einfach beantworten. Aber er könnte auch einfach im Hafen liegen bleiben und die Fahrt erst gar nicht antreten. In gesellschaftlichen Fragestellungen gilt eben der aristotelische Satz vom „ausgeschlossenen Dritten“ nicht.

Um das Thema zu komplettieren, muss man ehrlicherweise auch die sich selbst zerstörenden Prognosen erwähnen, hat man doch im Verkehr ein schönes Beispiel dafür. Denn die Prognose eines großen Staus führt am Ende durch die Abschreckung erst gar nicht zu seiner Entstehung. Dass das Ganze aber nicht wirklich zutreffend ist, sieht man ja auf unseren Straßen, insbesondere beim Urlaubsverkehr. Gerne wird auch das Beispiel einer hoch ansteckenden Krankheit genannt, die sich durch geeignete Schutzmaßnahmen erst gar nicht ausbreitet. Wie akademisch und theoretisch das ist, sieht man ja überdeutlich an Corona.

Die Wissenschaft kennt viele sich selbst verstärkende Prozesse („positive Rückkopplung“), beim Klimawandel wird dieser Umstand ständig diskutiert. Eine Erhöhung der Temperaturen weltweit führt zu weiteren Emissionen von Treibhausgasen, beispielsweise durch Abtauen der Permafrostböden mit Emission des besonders stark schädigenden Gases Methan. Und damit steigt die Temperatur weiter. Aber auch gesellschaftlich gibt es offensichtlich diesen Effekt. Die vermehrten Messerattacken der letzten Zeit deuten stark darauf hin. Durch Berichte darüber rückt das Messer als Waffe immer mehr ins Bewusstsein, insbesondere junger Männer. Um sich zu schützen, wird deswegen immer häufiger ein Messer eingesteckt. Und dann greift der alte kriminologische Grundsatz: Wo Waffen sind, werden sie auch eingesetzt.

Dass das „Ja“ oder „Nein“ in den Naturwissenschaften selbst bei nicht sehr tiefsinnigen und anscheinend simplen Fragestellungen nicht einfach zu finden ist, mag auf den ersten Blick verwundern. Erst beim zweiten Hinschauen erkennt man dann die ganze Vertracktheit. So ist es beispielsweise bei dem auch aktuell noch diskutierten „Mpemba-Effekt“, benannt nach seinem „Wiederentdecker“ Erasto B. Mpemba, der 1963 als Schüler auf die Fragestellung aufmerksam machte. Man nehme einfach zwei Tassen, eine mit heißem, die andere mit kaltem Wasser gefüllt und stelle beide in einen Gefrierschrank. So simpel das klingt, so paradox, man ahnt es schon, ist das Ergebnis: Das vormals heiße Wasser gefriert anscheinend (häufig) schneller als das kalte.

Dazu sind viele Theorien und Messungen gemacht worden, die aber nur zeigen, dass man nur mit „Ja“ oder „Nein“ nicht weit kommt. Zu sehr hängen die Ergebnisse von den Randbedingungen und den Messungen selbst ab. Physikalisch betrachtet ist das ein typisches System im Nichtgleichgewicht. Und dieses hat man bis heute tatsächlich nicht sonderlich gut verstanden. Verkehr gehört übrigens auch dazu. Man kann das Experiment ja trotzdem einfach mal selbst zu Hause ausprobieren.

Die Erklärungen sind auch nur ansatzweise befriedigend: Heißes Wasser würde schneller verdunsten oder die Unordnung im heißen Wasser wäre größer, was den Energieaufwand zum Abkühlen verringert. Nur eines ist klar: Nichts ist wirklich klar. Aber schon Aristoteles (schon wieder!) gab auch sein Wasser dazu, indem er (im 4. Jahrhundert v. Chr.!) konstatierte, dass „viele Menschen, wenn sie Wasser schnell abkühlen wollen, es zunächst in die Sonne stellen“. Na denn, die Flasche Bier erst in die Sonne und danach in den Kühlschrank stellen!

Übrigens gibt es anscheinend auch den umgekehrten Prozess: Kältere Substanzen erreichen schneller die Endtemperatur als wärmere. Vielleicht hilft dies ja bei Temperaturproblemen aufgrund von Gas- und Strommangel/-preis. Aber insgesamt ist auch festzustellen, dass die subjektive Wahrnehmung jedes Einzelnen für seine Handlungen entscheidend ist und daraus dann entsprechende Konsequenzen resultieren. Das ist schon lange bekannt unter dem Namen „Thomas-Theorem“ (1928), das einfach besagt: „Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.“ Dies ist die Grundlage für die selbsterfüllende Prophezeiung nach Merton.

Welche dramatischen Konsequenzen daraus erwachsen können, sieht man am Krieg in der Ukraine. Subjektive Einschätzungen, geprägt von Fake News, Lügen, Manipulationen, Verschwörungstheorien und Selbsttäuschung prägen das Bild und die Stimmung. Der Selbstbetrug wird ja aktiv von uns selbst betrieben und diese „Fähigkeit“ scheint Psychologen zufolge sogar angeboren zu sein. Dass wir heute darüber reden, hängt auch, aber nicht nur mit der weltweiten Vernetzung zusammen. Denn gerade dort ist Manipulation an der Tagesordnung, von politischer Agitation bis hin zu sehr persönlichen Einflussnahmen.

Manchmal allerdings wird einem klar, dass im Netz, das ja bekanntlich nichts vergisst, durch „Überinformation“ versucht wird, gezielt Verwirrung zu schaffen. Man hat es dabei mit real existierenden, virtuellen Parallelwelten zu tun. Ein Widerspruch? Keineswegs, denn wie lautet der häufigste Anhang bei Meldungen aus der Ukraine? Genau: Die Angaben lassen sich nicht unabhängig bestätigen. Zumindest wird dies den Meldungen häufig angefügt. Vieles wird aber ungeprüft zur angeblich objektiven Wahrheit.

Ich selbst war als Student mal einer netten, aber geschickten Täuschung „ausgesetzt“. Sobald Wissenschaft bei einer „Geschichte“ eine Rolle spielt, wird das Skepsis-Level deutlich abgesenkt. Es ging um eine Promotion, die sich mit dem Honigverlust von Bienen beim Rückwärtsflug aufgrund zu enger Blüten auseinandersetzen sollte. Die Empfehlung sollte daher zur Züchtung größerer Blütenkelche dienen. Natürlich war das Ganze ausgemachter Humbug, aber gut vorgetragen eine Erfolgsgeschichte. Kann ja auch jeder selbst versuchen, selbst erfundene wissenschaftliche Ergebnisse glaubhaft zu vermitteln. Passiert auf der politischen Ebene häufig genug.

So neu ist das eben alles nicht. Auch vor dem Internet-Zeitalter passierte dies. Teilweise sogar noch einfacher, da die Überprüfung deutlich schwieriger war und der Überbringer der Nachricht auf „geheime“ Quellen verweisen konnte. Diese Art der Vermarktung funktionierte in den 1970er-Jahren ganz hervorragend, ob bei Erich von Däniken mit seinen Götterkontakten in Europa oder Charles Berlitz mit seinem Bermuda-Dreieck oder dem Roswell-Zwischenfall in den USA. Wie reine Fiktion auf einmal durch Weiterverbreitung zur Realität wird, kann man am Buch „Spurlos verschwunden“ (engl. „Thin Air“) von George E. Simpson und Neal R. Burger sehen, beides hollywoodnahe Leute, mit solidem Hightech-Plot oder besser: Science-Fiction-Garn. Das ist aber so gut gesponnen, dass daraus wie aus einem Lexikon in den Medien weiter gestrickt wurde. Es ging dabei übrigens um das plötzliche Verschwinden von Schiffen und Menschen, Bermuda lässt grüßen.

In dieser ganzen Informationszerfaserung soll man sich einem Rudergang auf dem vernebelten See der Nachhaltigkeit stellen. Nachhaltigkeit erscheint mehr als Befehl denn als verhandelbar. Das erinnert ein wenig an die Diskussion um „Intermodalität“. Das Schlüsselwort zum Verkehr der Zukunft. Was ist davon geblieben? Das X-Euro-Ticket, Parkplatzbeschränkung oder E-Bike?

Wir tun heute so, als wüssten wir, was gut für die nächsten Generationen ist. Das ist das am häufigsten genannte Kriterium für Nachhaltigkeit. Ohne dieses Label haben Projekte heutzutage kaum Chancen zur Verwirklichung. Jeder interpretiert das Wort (natürlich) in seinem Sinne und verkauft seine Ideen maximal gewinnbringend. Wer aber maßt sich an, die Grenzen zu setzen? Die Wissenschaft versucht, mit diversen Szenarien mit unterschiedlichen Annahmen mögliche Entwicklungen aufzuzeigen. Die Politik sieht sich aufgrund anderer (teilweise verständlicher) Verpflichtungen nicht an solche wissenschaftlichen Prognosen gebunden.

Es ist zu befürchten, dass die politischen Zwänge die Rolle der Wissenschaft weiter zurückdrängen und internationale strategische Überlegungen überwiegen. Wie geht es dann weiter mit der Elektromobilität und den Brennstoffzellenfahrzeugen in Deutschland? Planungssicherheit sieht anders aus und Bundesverkehrsminister Wissing sorgt für alles andere als Planungssicherheit in seinem Sektor.

Schade eigentlich, könnten wir die Zeit doch wirklich dafür nutzen, grundsätzlich etwas zu ändern, beispielsweise im ÖPNV. Präsentiert wird spät und dann auch noch unausgegoren nur ein Stückwerk als Nachfolger vom 9-Euro-Ticket. Sozusagen der Handschuh in den Ring geworfen. Mal sehen, wie groß der Aufschrei ist. So könnte ich nicht mal als Dekan an der Uni wirtschaften. Denn eines ist klar: NICHTS ist wirklich klar.

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf.

Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.