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Die verknoteten Beine meiner Beifahrerin ließen zunächst auf langstreckenbedingt notwendige Lockerungsübungen im Yoga-Stil schließen. Klarheit verschaffte allerdings dann der kurze Hinweis: „Schatz, ich müsste mal.“ Um die Feuchtigkeitsresistenz der Sitzheizung meiner Gattin nicht unnötig auf Praxistauglichkeit zu testen (mir gingen da gleich Szenen von der desaströsen Hinrichtung des zum Tode verurteilten Eduard Delacroix aus „The Green Mile“ durch den Kopf), folgte die galante Frage: Drehkreuz, Parkplatzklo oder Bäumchen? Gut, bevor man Letzteres anbietet, sollte man sich vergewissern, dass man für die Gnädigste eine Stehpinkelhilfe im Handschuhfach hat. Diese Erfindung hat übrigens rein gar nichts mit dem Drang nach Gleichberechtigung zu tun, wonach Frauen angeblich unbedingt im Stehen pinkeln wollen. Vielmehr soll dieses Gadget dabei helfen, das zu vermeiden, was sich bei Frauen biologisch bedingt nicht vermeiden lässt: das Klo sitzend zu benutzen.

Szenenwechsel. Für Klogänge an Rastplätzen musste man in Deutschland gefühlt schon immer bezahlen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, in denen im Vorraum zu den WCs ein kleiner Picknicktisch mit Gartenstuhl stand. Auf dem Tisch ein Teller mit Münzgeld, auf dem Stuhl sitzend die wirklich freundliche Reinigungskraft, die sich um die Sauberkeit der Toiletten bemüht hat. Und anders als bei der Formulierung im Arbeitszeugnis – Sie wissen schon, „er/sie war stets bemüht“ – waren die Bemühungen hier wirklich von Erfolg gekrönt. Da hat man dann gerne ein kleines Trinkgeld in Form von Münzen auf den Teller gelegt. Meistens waren die Reinigungskräfte Angestellte der Raststätte und durften sich mit dem Teller im Vorraum etwas dazu verdienen. Wenn ich die Zustände heutiger Parkplatz-WCs betrachte, würde ich das übrigens im Nachhinein noch als „Gefahrenzulage“ bezeichnen.

In der Übergangszeit zum Drehkreuz-Klosett änderte sich das Personal. Diese Kräfte waren teilweise nicht mehr Angestellte und – nennen wir es mal so – eher freiberuflich unterwegs. Entsprechend groß war der Druck des Geldverdienens. Die Folge: Als „Müsser“ verspürte man bisweilen die Angst, man würde das WC nicht unbeschadet verlassen, würde man beim Hinausgehen auch bei fragwürdigem Sauberkeitszustand nicht ein ordentliches Münzgeld auf den Teller legen. Hat man die schlechte Reinigungsleistung tatsächlich mit Nichtzahlung „gewürdigt“, kam es durchaus vor, dass man entweder mit einem überlauten „Wiedersehn“ oder einem unzweifelhaft ironisch gemeinten „Ich wünsch Iiiihnen einen schöööönen Tag“ oder mit fremdländischen Flüchen hinauskomplementiert wurde, wobei man Letztere schon der Kinder wegen nicht übersetzen wollte.

Heute herrschen an den Raststätten vermeintlich moderne DrehkreuzWCs vor. Man wirft Geld in einen Automaten, schlanke 70 Cent, und darf dann in die „moderne Sanitärwelt“ eintauchen. Hintergrundrauschen, welches nicht von den WC-Spülungen stammt, sondern via Lautsprecher als Meeresrauschen eingespielt wird, soll auch Prostatageschädigte zur absoluten Entspannung animieren. Alles soll sauber und frisch und vor allem hygienisch rein sein. Gerade in Zeiten heimtückischer Viren ein nicht zu unterschätzendes „Verkaufs“-Argument. Die Praxis ist anders: Unsauberkeit, strenger Geruch, mangelnde Funktion. Gut, von den gezahlten 70 Cent darf man 50 Cent als Verzehrbon verwenden. Blöd nur, wenn der Kaffee mal eben dreifuffzich kostet. O. k., Vielreisende können die Gutscheine ja sammeln. Aber mal ehrlich: Mir ist noch niemand begegnet, der einmal im Jahr seiner Frau und zwei Kindern ein festliches Essen in einer Raststätte kredenzt und dann mit gefühlten 250 Gutscheinen zur Bedienung geht und sagt „Stimmt so.“

Abgesehen davon ist vielen diese Art der WC-Gänge schlichtweg zu teuer. Also: Parkplatz-WC. Positiv: Zwischenzeitlich gibt es auch in Deutschland immer mehr Parkplätze mit modernen WC-Anlagen, hübsch aus Edelstahl und beleuchteten Räumlichkeiten. Allerdings, Sie ahnen es, wir sind bei den negativen Aspekten, gleicht die Suche nach einer entsprechend sauberen Anlage dann doch wieder einem Lotteriespiel.

Mal ehrlich: Ich fasse es bisweilen nicht, wie Menschen mit fremdem Eigentum umgehen. Zwar wirken manche aufgemalten Sprüche auf dem Männer-WC wie „Suche nicht nach einem Witz an dieser Wand, denn den Größten hältst du in der Hand“ ja noch irgendwie belustigend, sie sind aber unnötige Schmierereien und damit Sachbeschädigungen öffentlichen Eigentums. Was läuft bei manchen Menschen eigentlich falsch, dass sie diese offensichtliche Lust auf Vandalismus verspüren? Wie oft muss man eigentlich vom Wickeltisch gefallen sein, um diese Art des Verhaltens toll und richtig zu finden? Auch sollte man den Nutzern einfache Bedienungsanleitungen zur Verfügung stellen. Also ins Klo und nicht daneben. Und bitte danach spülen. Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht nur von Urin. Nähere Details, liebe Leserinnen und Leser, erspare ich Ihnen hier. Glauben Sie mir, Ihnen würde noch das Frühstücksbrötchen von vor drei Tagen hochkommen. Außerdem stellt man sich nebenbei die Frage: Sieht das bei den Leuten zu Hause auf dem Klo auch so aus?

Bleibt Variante drei: Bäumchen. Hier fasse ich mich kurz: Diese Variante wird wohl am häufigsten von allen und bei allen (!) Möglichkeiten genutzt. Klare Indizien hierfür sind zahlreiche Taschentücher am Fuße ehemals grüner Bäume, die sich unweit von Picknicktischen und Bänken im Halbschatten befinden. Und nein, es ist eben kein Naturdünger. Die Bäume leiden extrem unter der Harnsäure. Das Ergebnis ist eindeutig mit stark saurem Regen zu vergleichen. Essen möchte man an den in der Nähe befindlichen Tischen auch nicht, erst recht nicht, wenn der Wind etwas ungünstiger steht. Das alles ist derart widerlich, dass selbst der Vierbeiner angeekelt unverrichteter Dinge hilfesuchend (um nicht zu sagen winselnd) ins Auto springt.

Was hat das alles nun mit der in der Überschrift zitierten „Klofrau“ zu tun? Nun, manchmal bedarf es etwas sorgfältigerer Beschreibungen, um das eigentliche Problem verständlich zu erläutern. WCs an Raststätten sind überteuert und bieten nicht die Gegenleistung, die man fürs Geld erwarten kann. Unabhängig vom Preis: Wenn ich für eine Leistung zahle, dann möchte ich sie auch in Anspruch nehmen. Eigentlich ist es schlichtweg eine Unverschämtheit, dass man überhaupt für diesen Service zahlen muss. Oder ist Ihnen schon mal der Gedanke beim Restaurantbesuch gekommen? Haben Sie dem Wirt tatsächlich 50 Cent mit den Worten „Hier, für die ,Klofrau‘, hat ‘nen echt guten Job gemacht.“ zusätzlich gegeben? Die wirklich Leidtragenden sind sicher nicht nur wir Männer, die hier ihre Blase bis zum Exzess trainieren und dabei den inneren Wasserspiegel so stark steigen lassen, dass man nur noch alles verschwommen sieht. Es sind die Frauen, die eben auch die kleine Notdurft sitzend durchführen müssen und dabei auf absolute Sauberkeit und Hygiene angewiesen sind – Sauberkeit, die es gefühlt seit dem Verschwinden der „Klofrau“ nur noch in den seltensten Fällen gibt.

 

AUTOR

Peter Insam ist seit rund 30 Jahren im Einkauf für Betriebsmittel und Investitionsgüter unterwegs, von denen er seit mehr als 25 Jahren die Geschicke verschiedener nationaler und internationaler Fuhrparks gelenkt hat. Heute ist er als Head of Corporate Procurement und zwischenzeitlich auch als Prokurist unter anderem für die knapp 700 Firmenfahrzeuge der Hays AG verantwortlich. Zuvor war er rund zehn Jahre für den Einkauf von Betriebsmitteln und Investitionsgütern für den Medizintechnik-Hersteller Maquet GmbH in Rastatt tätig. Hierzu gehörte auch die Leitung des Fuhrparks mit 350 Fahrzeugen am Standort Rastatt. Darüber hinaus sammelte er zahlreiche Erfahrungen im Rahmen von Auslandsaufenthalten in Frankreich und Australien.