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Mitte Mai dieses Jahres hat ein MercedesBenz 300 SLR Uhlenhaut Coupé aus dem Jahr 1955 einen neuen Allzeit-Rekord auf einer Automobilauktion erzielt. Das Coupé aus der Mercedes-Benz Classic Collection wurde für 135 Millionen Euro an einen privaten Sammler versteigert und ist damit das wertvollste Auto aller Zeiten. Diese Ikone der Automobilgeschichte ist eine absolute Rarität und eine von nur zwei Prototypen, die damals gebaut wurden. Obwohl die alten Fahrzeuge der Unternehmensflotten in Deutschland mit Sicherheit nicht so rar sind, steckt in ihnen eine Menge Geld. Und das nicht erst, seitdem durch die fehlenden Neuwagenauslieferungen die Nachfrage auf dem Gebrauchtwagenmarkt explodiert.

Herausfordernde Lage 
Kaum scheinen Einflussfaktoren wie Dieselgate und die dadurch erschwerte Wiedervermarktung von Dieselfahrzeugen an Bedeutung verloren zu haben, steht die Automobilbranche vor weit größeren Herausforderungen: „Fehlende Neuwagenauslieferungen haben in den vergangenen zwei Jahren einen ähnlich massiven Einfluss auf den Gebrauchtwagenmarkt wie zuletzt zu Wendezeiten. Der Nachschub an Gebrauchten, speziell aus dem Leasingund Vermietrücklauf, fehlt und führt zwangsläufig zu einer Angebotsverknappung und steigenden Preisen in allen Segmenten. Vermeintlich könnte der Handel sich über steigende Preise freuen; doch weit gefehlt. Der noch günstig eingekaufte Bestand ist längst vermarktet. Ein erneuter Zukauf gleicht aktuell einem ‚Cherrypicking‘, ist zeitaufwendig und teuer. Es werden Traumpreise erzielt, aber leider nicht immer Traumrenditen“, erklärt Marc Berger, Geschäftsführer von AUTOproff Deutschland. Anders als noch vor einigen Jahren ist somit nicht die fehlende Nachfrage das Problem, sondern das fehlende Angebot an Gebrauchtwagen in Kombination mit einer steigenden Nachfrage auch in diesem Segment. Gleich mehrere Einflussfaktoren treffen hier zusammen, wie Dr. Hubertus Mersmann, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Leasing AG, Geschäftsfeld Mobility, erläutert: „Neben den aktuellen Themen COVID-19 und Ukraine-Krieg spüren wir auch noch die Engpässe im Halbleiterbereich und bei weiteren Vorprodukten (beispielsweise Kabelbäume). Die Angebotsverknappung an Neuwagen hat auch zu einem spürbaren Preisanstieg im Gebrauchtwagenmarkt geführt. Das gilt insbesondere im Segment der Kompaktund Mittelklasse. In der Oberklasse sind die Verfügbarkeiten im Neuwagensegment wesentlich besser – deshalb sind hier die Gebrauchtwagenpreise moderater gestiegen. Insgesamt sehen wir aktuell eine Plateaubildung auf vergleichsweise hohem Niveau.“ Dass sich eine gestiegene Nachfrage dabei nicht nur im Bereich der Gebrauchtwagen im Topzustand abzeichnet, gibt Florian F. Stumm, Sales Director bei der Copart Deutschland GmbH, zu verstehen: „Die genannten Engpässe haben hohe Strahlkraft auf den Gebrauchtwagenmarkt, aber auch auf Unfallfahrzeuge. Die anfängliche Schockstarre durch den Krieg in der Ukraine löst sich langsam und die Nachfrage nach Unfallfahrzeugen sowie gebrauchten Ersatzteilen nimmt wieder deutlich zu. Außerdem nehmen die Reparaturen von Unfallfahrzeugen deutlich zu, da Neuwagen nur schwer beziehungsweise mit langen Lieferzeiten zu beziehen sind. Gebrauchtwagen sind knapp und zu Höchstpreisen verfügbar.“

Für Fuhrparkverantwortliche und Firmenwagennutzer stellt sich damit die Frage, wie sie auf die angespannte Lage auf den Automobilmärkten richtig reagieren sollen. Ein oft genutztes Mittel ist hierbei die Laufzeitverlängerung des bestehenden Leasingvertrags und somit auch die Weiternutzung des bisherigen Fahrzeugs. Doch löst dieses Mittel die Probleme auch langfristig? „Tatsächlich verschärft eine verlängerte Nutzung von Dienstfahrzeugen die angespannte Preissituation auf dem Gebrauchtwagenmarkt zusätzlich, weil dadurch immer weniger Fahrzeuge zurück in den Handel kommen. Die Preise sind deutlich gestiegen und auch die Restwerte sind temporär auf sehr hohem Niveau. Das wird sicherlich so bleiben, bis die Rahmenbedingungen für eine reibungslose Automobilproduktion wieder stimmen und sich dadurch die Angebotssituation normalisiert. Allerdings wird dies nicht auf einen Schlag, sondern über einen graduellen Verlauf erfolgen“, so Günter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender der Auktion & Markt AG. Martin Peters, Director Remarketing bei Holman, gibt dennoch zu bedenken: „Nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine ist die Nachfrage nach Fahrzeugen mit hohen Laufzeitund Laufleistungskombinationen leicht rückläufig, da wichtige Exportmärkte im Osten weniger Fahrzeuge einkaufen.“ Somit scheint auch die Verlängerung der Laufleistung nicht die Lösung aller Probleme zu sein, zumindest nicht auf lange Sicht und mit Blick auf mögliche Erlöse aus der Wiedervermarktung von Firmenwagen.

Gebrauchte Elektrofahrzeuge 
Nachdem in den letzten Monaten und Jahren der Bereich Elektromobilität sowohl in der privaten als auch in der geschäftlichen Mobilität an Bedeutung gewonnen hat, stellt sich vielfach die Frage, wie es in diesem speziellen Automobilbereich um die Restwerte beziehungsweise Gebrauchtwagenpreise bestellt ist. „Aufgrund der weiterhin hohen Förderprämie (aktuell noch bis zu 9.000 Euro) ist es für viele Menschen interessant(er), ein neues E-Auto zu kaufen und nicht ein gebrauchtes (teilweise herrscht ein sehr geringer Preisunterschied zwischen neuen, geförderten E-Autos und den gebrauchten). Nun ist aufgrund der Lieferengpässe für viele Endverbraucher nicht mehr klar, ob sie noch in den Genuss einer Prämie kommen werden. Zudem ist die Prämiensituation über das Jahr 2022 hinweg noch nicht finalisiert. Dieses, die mangelnde Verfügbarkeit und das noch recht kleine Angebot sorgen aktuell auch hier für stailere und teilweise steigende Preise“, erläutert Martin Weiss, Leiter der DAT-Fahrzeugbewertung.

Doch nicht nur die staatlichen Förderungen bei neuen Elektrofahrzeugen und auch Lieferengpässe in diesem Bereich beeinflussen die Restwertprognosen, sondern auch die verbaute Technik: „Grundsätzlich muss man sagen, dass mit der staatlichen Förderung bei Elektro-Neufahrzeugen ein starker Eingriff in den Sekundärmarkt einhergeht. So sehr die Förderungen bei der Elektrifizierung der Fahrzeugflotte auf Deutschlands Straßen helfen, so sehr werden dadurch die Restwerte für das gebrauchte E-Fahrzeug nach unten verzerrt. Zudem beobachten wir aktuell auf Konsumentenebene noch eine gewisse Skepsis gegenüber gebrauchten E-Fahrzeugen. So zweifeln Endkonsumenten oftmals an der Lebensdauer der Batterien. Auch wenn diese in der Praxis meist auch nach ein paar Jahren noch sehr gut ist, fehlt es hier an transparenten Prüfmechanismen, die dem Verbraucher ein gutes Gefühl geben. Ein weiterer Aspekt ist in den enormen Verbesserungen bei der Reichweite von E-Fahrzeugen begründet. [...] In Summe sehen wir der Zukunft auf dem EGebrauchtwagenmarkt aber mehr als positiv entgegen. Die aktuellen Effekte sind eher temporärer Natur und je mehr die Akzeptanz und das Wissen über Elektromobilität steigen, desto eher hat das gebrauchte E-Fahrzeug auch eine Chance auf ein zweites und drittes Leben“, so Maximilian Schilling, Chief Commercial Officer (CCO) bei CarOnSale. Auch Werner König, Managing Director Remarketing bei der Allane SE und Geschäftsführer der Autohaus24 GmbH, prognostiziert auf Dauer bessere Restwerte für Elektrofahrzeuge: „Die Vermarktung der Elektrofahrzeuge wird sich auch in Zukunft als schwierig darstellen. Zum einen schreitet die Entwicklung in diesem Sektor weiter voran, wodurch gebrauchte Elektrofahrzeuge für den innovativ getriebenen E-Fahrzeuginteressenten schnell veraltet sind. Zum anderen wird durch die staatliche Förderung der Restwert zusätzlich unter Druck gesetzt. Die technologischen Sprünge werden mit zunehmender Zeit jedoch kleiner und somit werden die Unterschiede bei Reichweiten und Ladezeiten im Vergleich zu den gebrauchten EVs immer geringer. Auch die Entwicklung der staatlichen Förderungen bleibt abzuwarten, da mit der Einstellung der Förderung der PHEVFahrzeuge Ende 2022 bereits ein Umdenken eintritt. All dies und der weitere Aufbau der Ladeinfrastruktur wird zur Verbesserung von Restwerten bei EVs beitragen.“

Für Flottenverantwortliche, insbesondere im Bereich von Kauffuhrparks, sind Restwerte seit jeher ein Thema. Das ändert sich auch nicht mit der Einführung von neuen Antriebskonzepten. Doch worauf sollten sie mit Blick auf die Wiedervermarktung besonders achten? Das Thema Akkukapazität hat bei der Nachfrage einen hohen Stellenwert – die Auswahl eines E-Fahrzeugs erfolgt deutlich differenzierter und angepasster an die konkrete Nutzung des Fahrzeugs als bei Benzinern/Diesel. Der Zustand der Batterie und die korrekte Beschreibung des Akkuzustands werden zukünftig maßgeblich den Verkaufswert steuern und damit auch Einfluss auf die Restwertprognosen haben. Dies betrachten wir ebenfalls mit hoher Relevanz und wir erwarten in Kürze erste anwendbare und marktreife Systeme für Zustandsbeschreibungen, Gutachten und Verkaufsberichte“, erklärt Martin Peters von Holman. Die Akkukapazität sieht auch Guido Rickert, Sales Director bei INDICATA Deutschland, als eine der maßgebenden Größen für den Restwert von Elektrofahrzeugen: „Akkukapazität ist mit Sicherheit ein starker, kaufentscheidender Faktor, legt man die vom Kunden häufig geforderte Mindestreichweite von 300 Kilometern zugrunde. Durch die Möglichkeit von ‚over the air‘-Updates, die in den meisten neuen Premium-BEVs vorherrscht, ist hier keine signifikante Restwertminderung zu erwarten.“

Fazit: Der Gebrauchtwagenmarkt ist herausfordernder denn je, und das obwohl sich die Nachfrage auch in diesem Marktsegment auf einem sehr hohen Niveau befindet. Lieferengpässe bei Fahrzeugkomponenten und Neuwagen führen dazu, dass immer weniger gebrauchte Fahrzeuge ausgesteuert werden. Hinzu kommt, dass vor allem der technologische Fortschritt im Automobilsektor den Beratungsaufwand bei den Remarketingspezialisten erhöht: „Bei der Wiedervermarktung im Gebrauchtwagenmarkt wird der Beratungsumfang, vor allem im Endkundengeschäft, voraussichtlich steigen. Durch den immer weiterwachsenden technologischen Fortschritt der Hersteller, vor allem in Bezug auf die Reichweite, könnte es für das Elektrofahrzeug von heute in Zukunft schwierig werden stabile Preise bei der Wiedervermarktung zu erzielen“, wie Florian Kracheel, Sales Manager bei der ADESA Deutschland GmbH, abschließend zu verstehen gibt.