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Also mal eben einen Blick in die Unfallstatistik geworfen. Dieser ist zu entnehmen, dass es in den Jahren 2017 bis 2019 jeweils etwa 2,6 Millionen Verkehrsunfälle gegeben hat, wovon jeweils 2,3 Millionen ohne Personenund „nur“ mit Sachschaden waren. 2020 gingen die Zahlen – Corona sei Dank – um etwa 400.000 zurück, nur um bereits 2021 wieder moderat auf ein Niveau zu steigen, welches aber noch immer unter Vor-Corona-Niveau liegt. Positiver Nebeneffekt: Ein niedrigeres Schadenaufkommen bedeutet weniger Ausgaben für die Versicherungen, bedeutet sinkende Versicherungsbeiträge. Letzteres konnten die meisten ihren Beitragsrechnungen für dieses Jahr mit Freude entnehmen. Umso heftiger schnellen die Zahlen nun wieder nach oben. Und ganz ehrlich? Schalten Sie mal den Verkehrsfunk ein. Unfälle ohne Ende. Als notorischer Frühaufsteher höre ich, wenn ich morgens um kurz nach fünf das Haus verlasse, zur Sicherheit die Staumeldungen und bin bisweilen über die ersten Unfallmeldungen zu so früher Zeit erstaunt. Blicken wir mal weniger auf die durchschnittliche Schadenhöhe (etwa 2.500 Euro pro Fahrzeug) und die am häufigsten in Unfälle verwickelten Marken (BMW auf Platz 1 ganz dicht gefolgt von Audi), sondern mehr auf mögliche Ursachen. Da gibt eher nur eine.

Beobachtet man die Verkehrsteilnehmer, dann ist man auch nicht wirklich verwundert. Blinkmuffel, Mittelspurschleicher, Fahrer, bei denen offenbar die Führerscheinprüfung viel zu lange zurückliegt oder die ihre Fahrerlaubnis als Beilage in der Cornflakes-Packung gefunden haben. Oder vielleicht hat es Änderungen bei den Regeln gegeben, die nicht ausreichend kommuniziert wurden und an mir vorübergegangen sind. Seit wann gilt auf Autobahnauffahrten rechts vor links? Achten Sie mal drauf, aber halten Sie bitte vorher genügend Abstand, wenn Sie sich brav ans Rechtsfahrgebot halten. Viele bremsen teilweise heftig auf der Autobahn ab, nur um den Verkehr von der Autobahnauffahrt einfließen zu lassen, obwohl dort so ein Verkehrsschild hängt, Sie wissen schon, Dreieck verkehrt herum montiert und mit rotem Rand ...

Es ist die Summe aus Achtlosigkeit, Dreistigkeit und Egoismus, die es krachen lässt. Gefühlt hat Corona den Egoismus-Level noch mal nach oben geschraubt. Gefühlt gibt es kein Unrecht mehr. Mit aller Gewalt will man sein Recht (welches man eigentlich teilweise nicht hat) durchsetzen und hält zum Teil gnadenlos drauf. „Stinkefinger“ und wüste Beschimpfungen sind da noch harmlos. Ehrlich? Ich möchte nicht wissen, was auf unseren Straßen los wäre, wenn wir in Deutschland ähnlich laxe Waffengesetze wie in den Staaten hätten.

Bisweilen habe ich das Gefühl, dass wir den vernünftigen Umgang miteinander völlig verlernt haben, wozu die Zwangsisolation sicher einen Teil beigetragen hat. Jetzt aber alles auf die Pandemie zu schieben, wäre völlig falsch. Stammleser erinnern sich vielleicht noch an den Beitrag „Zum Teufel mit den Gesetzen“. Liegt zwar schon etwas zurück, schildert aber im Kern das gleiche Problem: Ich, ich, ich. Was interessieren mich Vorgaben? Ich mache meine eigenen Gesetze. Wenn da „50 km/h“ steht, dann fahre ich 55 oder 60. Macht ja keinen großen Unterschied und ist auch nicht so teuer, wenn ich erwischt werde. Hierzu mal Folgendes, was ich in einem Fahrsicherheitstraining bei meinem guten Bekannten Tommy vorgeführt bekommen habe: Auf abgesperrter Strecke drei Vollbremsungen. Einmal mit 50 km/h, dann mit 55 und dann mit 60. Auch ohne Abitur konnte sich jeder das Ergebnis ausmalen: drei unterschiedliche Anhaltepunkte. Tommys Kommentar hierzu war Spitzenklasse, als er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigte, was „die paar km/h“ ausmachen. Auf die drei hintereinanderstehenden Pylonen hingewiesen, fragte er die Teilnehmer, was sie sehen, um dann zugleich die Antwort trocken vorwegzunehmen: „Nix passiert, verletzt, tot!“

Jetzt fahren Sie mal durch den Baustellenbereich mit den dort vorgeschriebenen 80 km/h. Sie werden feststellen, dass es einige idiotische Zeitgenossen gibt, welche das vorgegebene Limit weitaus deutlicher als mit 5 oder 10 km/h überschreiten. Wenn man dann im Verkehrsfunk von einem „Unfall im Baustellenbereich auf der linken Spur“ hört, kennt man die Ursache.

Apropos Ursache: Kürzlich meldete im Verkehrsfunk die Dame den täglichen Stau auf der A8 bei Pforzheim und nannte als Ursache die Baustelle. Echt jetzt? Eine Baustelle als Ursache für den Stau? Wer, wenn nicht die Autofahrer, verursacht Staus? Was bitte kann eine Baustelle dafür, wenn sich die Autofahrer an vorgegebene Regeln partout nicht halten können, Geschwindigkeitstunnel (das sind die schrittweise abgesenkten Tempolimits vor den Baustellen) einfach missachten und noch mit 120 Sachen in die Baustelle hinein brettern? Ich behaupte, dass praktisch alle Unfälle vermeidbar wären, wenn mehr Disziplin und Rücksicht herrschen würden. Mehr Miteinander und vor allem bitte mehr Konzentration aufs Autofahren. Dann würde es auch keine 1.000 Mal am Tag krachen. Und die Versicherungsprämien würden unten bleiben.

 

AUTOR

Peter Insam ist seit rund 30 Jahren im Einkauf für Betriebsmittel und Investitionsgüter unterwegs, von denen er seit mehr als 25 Jahren die Geschicke verschiedener nationaler und internationaler Fuhrparks gelenkt hat. Heute ist er als Head of Corporate Procurement und zwischenzeitlich auch als Prokurist unter anderem für die knapp 700 Firmenfahrzeuge der Hays AG verantwortlich. Zuvor war er rund zehn Jahre für den Einkauf von Betriebsmitteln und Investitionsgütern für den Medizintechnik-Hersteller Maquet GmbH in Rastatt tätig. Hierzu gehörte auch die Leitung des Fuhrparks mit 350 Fahrzeugen am Standort Rastatt. Darüber hinaus sammelte er zahlreiche Erfahrungen im Rahmen von Auslandsaufenthalten in Frankreich und Australien.