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Denn während die Wissenschaft sich noch streitet, oben Viren eigentlich Lebewesen sind oder nicht (nach herkömmlicher Definition wohl eher nicht), kostet doch dieses allein nicht mal existenzfähige Coronavirus laut Finanzministerium die öffentlichen Kassen in den Jahren 2020 und 2021 zusammen schlappe 1,5 Billionen Euro. Da ist man geneigt, mit De Bläck Fööss in den Refrain einzustimmen: „Häs de och kei Jeld, dat es janz ejal, drink doch met un kümmer dich nit dröm.“ So scheint es ja auch zu funktionieren! Schade nur, dass man aufgrund der Karnevalsabstinenz nun allein einen ‚metdrinken‘ muss … 

Nun, ein Ring für den Hut ist ja eigentlich auch nicht mehr da, außer vielleicht auf Sportkanälen online, denn Boxen gilt als Ausgangspunkt dieser Redewendung. Seinerzeit (erstmals 1805) erklärte man mit dem Wurf seine Bereitschaft, an Schauwettkämpfen teilzunehmen. Kein geringerer als Theodore Roosevelt machte den Ausdruck 1912 bei Bekanntgabe seiner Kandidatur zum USPräsidenten salonfähig, als er sagte: „my hat’s in the ring.“

Dieser Theodore Roosevelt (wohl zu unterscheiden von Franklin D. Roosevelt) war immerhin Präsident der Vereinigten Staaten von 1901 bis 1909 (der andere von 1933 bis 1945). Von ihm stammt der auch gerade heute so passende Ausspruch in Bezug auf seine Außenpolitik, basierend auf einem afrikanischen Sprichwort: „Sprich sanft und trage einen großen Knüppel, [dann] wirst du weit kommen.“ Den ersten Teil der Aussage haben aktuellere US-Präsidenten vielleicht etwas anders interpretiert, denn der Knüppel (aus dem Sack?) gehört mittlerweile eigentlich überall zum Tagesgeschäft.

Doch so hoch nach den Sternen würden die Verkehrsauguren natürlich nicht greifen wollen, zu nah daran ist das in den Ring geworfene Handtuch als Zeichen der (ungelösten?) Aufgabe. Aber wie schon gesagt, es fehlt die Arena mit Publikum. In der nun häufig vorkommenden Homeoffice- Atmosphäre kann man natürlich den Gedanken freien Lauf lassen, ohne dass sofort Widerworte fallen. Mit Kampf hat das eh nicht mehr viel zu tun, der findet ja sowieso auf politischer Ebene schon statt (und endet vorübergehend nach der nächsten Wahl). 

Man wird in der Zukunft sehen, wie stark der Einfluss nur noch medialer Interaktion bei der Umsetzung von Projekten ist und ob wir einfach nur den Stillstand verwalten, und das auch noch in Zeitlupe. Gebannt schaut man jeden Abend auf die neuen Infektionszahlen, die Inzidenzen und R-Werte, der Rest bleibt unter dem Motto ‚Mal sehen, was noch alles kommt“ im Nebulösen, erst mal abwarten.

Aber auch ohne Corona, also ganz ohne Not, wurde vorher schon Stillstand erzeugt. Vor zwei Jahren wurde ja bekanntlich „Die Autobahn GmbH des Bundes“ gegründet, um die Autobahnen in Deutschland komplett aus einer Hand zu planen, zu bauen, zu betreiben, zu erhalten und zu finanzieren. Zudem wurde parallel am 1. Oktober 2018 das Fernstraßen-Bundesamt (FBA) mit Hauptsitz in Leipzig „als unabhängige Aufsichts- und Genehmigungsbehörde im Geschäftsbereich des Bundesverkehrsministeriums“ aus der Taufe gehoben. Also ist noch ein Papiertiger (nicht der im Tank!) auf den Autobahntrassen unterwegs. Umsetzen soll alles aber Die Autobahn GmbH.

Das Erste, was sie machte, war, mit zu hoch dotierten, außertariflichen Arbeitsverträgen (mit überzogenen Abfindungsregelungen) für Schlagzeilen zu sorgen. Sorgen hatte man sich nämlich darum gemacht, nicht genügend (qualifiziertes) Personal aus den Ländern anzuheuern. Die Sorge war berechtigt, statt erhoffter 15.000 waren es nur etwa 10.000, die unter den (unklaren) Bedingungen mitarbeiten wollten. Schwerer wog allerdings der Plan, zugerichtet à la Scheuer, die DEGES mit der Autobahngesellschaft zu verschmelzen. 

Sie erinnern sich, die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, kurz DEGES, sollte ab 1991 für die Beschleunigung (!) der Planung und Baudurchführung der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit (VDE) zuständig sein. Und das würde sie dann in der Autobahn GmbH für ganz Deutschland übernehmen. Das Ganze sollte sich zur „größten Verwaltungsreform in der Geschichte der Autobahn“ (BM Scheuer) entwickeln.

Das Konstrukt mit der DEGES entpuppte sich aber als größter Konstruktionsfehler in der Geschichte der Autobahnverwaltung. Niemand geringerer als der Bundesrechnungshof sah erhebliche verfassungsrechtliche Risiken in der Verschmelzung, denn Gesellschafter von der DEGES sind der Bund (knapp 30 Prozent) und zwölf Bundesländer (es fehlen Bayern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Saarland), die damit offensichtlich die Mehrheit besitzen. 

So bleiben Planung und Bau wortwörtlich erst mal auf der Strecke. Die Länder hatten zuvor auch schon nicht viel Neues auf den Weg gebracht, um nicht bereits laufende Projekte übergeben zu müssen. Das Verkehrsministerium wird jetzt Mit- AUTOR te 2021 über das weitere Vorgehen entscheiden, die DEGES bleibt daher vorerst, was sie ist. Leider sind auch die IT-Strukturen der Länder nicht kompatibel (welche Überraschung!), doch die Vereinheitlichung soll (in Rekordgeschwindigkeit) bis „längstens“ Ende 2023 erfolgen. Vorher machen die Länder eben auch weiter wie bisher. Würde unser antidigitales Hygienekonzept (inklusive Abstand halten!) bei Corona genauso gut funktionieren, müsste man sich wegen des Virus wirklich keine weiteren Gedanken mehr machen. Wir haben ja dazu immerhin schon die (kostengünstige!) Corona-App!

Insgesamt kommt das dann praktisch einem Baustopp auf den Autobahnen gleich, inklusive Schadensersatzforderungen (diesmal von Bauunternehmen), aber damit haben Minister Scheuer und seine Mitstreiter schon genügend Erfahrung! Natürlich wird eifrig abgewiegelt, doch die Bauindustrie ist verunsichert. Auch hat man Angst, dass Probleme entstehen, die die Autofahrer sofort bemerken, sogar Winterdienst und Baustellen soll es weiterhin geben, „pragmatische Zwischenlösungen“ werden gesucht. Meistens bleibt es dann ja dabei … 

Eine solche Lösung wird auch für die durch den Brand zerstörten Eisenbahnbrücken auf der A40 gesucht. Ein Tanklaster mit angetrunkenem Fahrer touchierte in einem Baustellenbereich die seitlichen Abweiser und fing just unter einer wichtigen Eisenbahnverbindung (zwischen Duisburg und Essen) Feuer mit desaströsem Ausgang. Drei von fünf Brücken sind zu ersetzen, ein Abriss ist unabwendbar. Hier kann man nicht auf Verwaltungsreformen warten, schnelles, pragmatisches Handeln ist gefragt. Die Unwahrscheinlichkeit für das Unglück genau an der unglücklichsten Stelle (auch noch unter der mittleren der fünf Brücken) hilft einem da wenig weiter. Auch nicht der Hinweis eines anwohnenden Bauingenieurs, die Baustelle wäre nicht sachgerecht gesichert gewesen.

Man kann das Thema Autobahn aber noch deutlich radikaler angehen. Unter dem Motto „Wir brauchen eine andere Verkehrspolitik“ (Parteivorsitzende Annalena Baerbock) wird von den Grünen ein Moratorium für den Neubau von Autobahnen und Bundesstraßen gefordert. Erst müsse eine Prüfung auf Klimaziele und Wirtschaftlichkeit hin erfolgen. Faktisch würde das natürlich einen kompletten (vorläufigen) Stopp aller diesbezüglichen Neubauprojekte bedeuten. Damit wäre das Thema DEGES eigentlich elegant vom Tisch gefahren. Allerdings fand sich im Bundestag für diese innovative Idee keine Mehrheit … 

Überhaupt gibt es interessante Entwicklungen auch rein sprachlicherseits. Die Grünen und die SPD haben in Berlin erfolgreich die Umbenennung der „Mohrenstraße“ in „Anton-Wilhelm- Amo-Straße“ (er war der erste Rechtsgelehrte und Philosoph afrikanischer Herkunft in Deutschland, geboren um 1700 in Ghana) vorangetrieben. Darüber hinaus hat der Berliner Senat im Rahmen eines „Diversity-Landesprogramms“ einen Leitfaden für Mitarbeiter der Berliner Verwaltung („Vielfalt zum Ausdruck bringen!“) verabschiedet. Dort wird das Vokabular zur Kommunikation im wahrsten Sinne des Wortes bereinigt. Denn verpönt ist nun „schwarzfahren“, nicht nur sowieso, sondern auch als Ausdruck. Denn jetzt heißt das „Fahren ohne gültigen Fahrschein“. Noch härter trifft es die Nachbarn, denn die darf man nicht mehr „anschwärzen“, sondern muss sie jetzt denunzieren/melden oder ihnen etwas nachsagen. Mit welcher Farbe die Mitarbeiter jemanden ansprechen dürfen, der schlicht „Schwarz“ heißt, lässt der Leitfaden allerdings offen. Auch in der Physik muss man sich für die so beliebten „schwarzen Löcher“ etwas Neues einfallen lassen …

Wie wichtig das Thema Infrastruktur ist, zeigt sich auch an dem Vorzeigeprojekt „Stuttgart 21“. Dieser unterirdische Bahnhof wird irgendwann vielleicht sogar mal fertig, von 2025 war da zuletzt die Rede. Doch nun fällt plötzlich auf, dass noch zwei weitere Tunnel fehlen, oha. Zu den aktuell geschätzten Kosten von 8,2 Milliarden Euro kämen dann mindestens noch 0,002 Billionen hinzu. Wer sich erinnert: Ursprünglich sollte das Bahnprojektle „lediglich“ 4,526 Milliarden Euro kosten.

Überhaupt erzeugen die raren Flächen in den Städten und ihre Nutzung immer mehr Begierden. Nicht nur mit Pop-up-Radwegen (mittlerweile auch Corona-Radweg genannt) und Umweltspuren ist der Kampf eröffnet, mit alternativer Nutzung von Parkplätzen für gastronomische Zwecke und verkehrsberuhigenden Maßnahmen geht er weiter. In Düsseldorf ist bei der OB-Wahl Verkehr ein zentrales Thema gewesen und hat den Amtsinhaber zu Fall gebracht, der neue lässt als Erstes die Umweltspuren beseitigen, sogar die Deutsche Umwelthilfe hängt nicht daran, sieh mal einer an. In Berlin tobt ein Streit um die Pop-up-Radwege, die das Verwaltungsgericht rückbauen lassen wollte, das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg sah das (natürlich!) anders, sie dürfen (vorerst, bis zu einer Entscheidung im Hauptsacheverfahren) bleiben. 

Derweil sich Die Grünen weiter in das Thema Tempolimit verbissen haben. Nachdem sie mit der Forderung nach einer bundesweiten Obergrenze von 130 km/h nicht erfolgreich waren, versuchen sie nun, in die auf der Stelle tretende Novellierung der StVO eine Experimentierklausel einzuschleusen. Diese soll es allen Bundesländern ermöglichen, in zwei ausgewählten Städten drei Jahre lang flächendeckend Tempo 30 zu erproben, natürlich mit abschließender wissenschaftlicher Untersuchung. Interessant wird sein, für welche Städte sich Bremen und Hamburg entscheiden … 

In der Zwischenzeit tummeln sich auf Straßen und Plätzen demonstrativ die „Aluhüte“, diese seltsame Spezies der Maskenverweigerer, Querdenker und Verschwörungstheoretiker. Wenn das Alu nicht auf dem Kopf Platz findet, dann zumindest als Bommel an einer Kette um den Hals.

Zurück geht dieser ganze Zauber auf eine Kurzgeschichte des Biologen und Autors Julian Huxley (Bruder von Aldous Huxley) aus dem Jahre 1926 mit dem Titel „The Tissue-Culture King“ (siehe archive. org). Dort beschreibt er die abenteuerliche Reise des Arztes Dr. Hascombe nach Afrika, wo er in die Hände von Schwarzen fällt (in Berlin ist hier Ende). Mit allerhand Gewebekulturen Verstorbener („Tissue Culture“) und Monsterzüchtungen (zweiköpfige Kröten, dreiköpfige Schlangen) imponiert er den religiösen Stammeshäuptlingen und entgeht so dem Tod.

Schließlich wendet er sich der Massen-Telepathie (Hypnose) zu, mit der man dem ganzen Volk Gedanken „einpflanzen“ kann, auch Schlafbefehle oder Ähnliches. Er stellt aber fest, dass eine Kappe aus Metallfolie (Blech) die Wirkung zunichte macht. Später wurde daraus der Aluhut, dem eine hohe Abschirmwirkung unterstellt wird. So geschützt kann man nicht mehr „von oben“ beeinflusst werden. Heute ist Aluhut ein Schimpfwort, das sich die Betroffenen zum Markenzeichen gemacht haben („Geusenwort“). 

Vielleicht mehr Menschen haben so einen Aluhut (versteckt) auf als gedacht, vor allem Verkehrsämtler und Planer, dadurch bleiben sie nahezu unbeeinflussbar. Übrigens schützt so ein Aluhut auch vor Überhitzung, aber da droht wahrscheinlich bei ihnen keine Gefahr.

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. 

Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.