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Die Automobilindustrie hat in vielen Bereichen ihre Hausaufgaben gemacht. Milliarden wurden und werden in die Sicherheit der Fahrzeuge investiert. Was mit passiven Sicherheitssystemen wie Knautschzone, Sicherheitsgurt, Sicherheitslenksäulen, Pralltopf im Lenkrad (vor der Einführung des Airbags) schon sehr früh startete, gipfelt heute in der Ergänzung durch aktive Sicherheitssysteme wie zum Beispiel ESP, Brems-, Spurhalte- und Lenkassistenten. Ein Blick auf die Statistiken zeigt eindrucksvoll, wie sehr sich diese Investitionen bezahlt machen. So konnten wir vom Statistischen Bundesamt im Juli in den Zahlen von 2019 ablesen, dass die Zahl der Verkehrstoten auf den niedrigsten Stand seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen vor 60 Jahren gesunken ist: auf 3.046. Auch die Zahl der Verletzten ging weiter zurück, und zwar auf 384.000 Personen. Bedenkt man dabei die stetig zunehmende Zahl an zugelassenen Fahrzeugen und die damit verbundene Zunahme der Verkehrsdichte, kann das praktisch nur als Indiz für immer sicherer werdende Fahrzeuge gelten. Somit alles o. k.? Keineswegs.

Während die Automobilhersteller einerseits immer sicherere Autos bauen, steigern sie andererseits das Risiko eines Unfalls durch den Einbau von immer mehr ablenkenden Spielereien, nach denen der potenzielle Kunde offensichtlich ruft. Die Folge: Immer mehr Bildschirme halten Einzug in moderne Pkw und bringen immer neue Funktionen, von denen man für das reine Autofahren nicht einmal einen Bruchteil benötigt. Die Wahlmöglichkeit zwischen sieben verschiedenen Farben der Ambiente-Beleuchtung ist hierfür nur ein banales Beispiel. Übrigens kurios hierbei: Wenn Sie mit dem Notebook auf dem Schoß vom Freund und Helfer gestoppt werden, greift § 23 Abs. 1a Satz 1 der StVO, welcher die (rechtswidrige) Benutzung eines elektronischen Geräts beim Führen eines Kraftfahrzeugs regelt. Hierzu zählt eben nicht nur das Mobiltelefon am Ohr, sondern auch ein Notebook. Ein Bußgeld ist hier die logische Konsequenz. Mails oder WhatsApp-Nachrichten hingegen darf man sich bedenkenlos von im Auto verbauten Systemen vorlesen lassen und darüber auch Nachrichten diktieren. Übrigens: Im Verbotsfall wären die Systeme während der Fahrt inaktiv. Ob digitale Cockpits, Bildschirme im Tablet- Format in der Mittelkonsole oder neuerdings auch Displays im Lenkrad oder alles kombiniert – sie alle haben eines gemein: Sie bieten zu viele Funktionen, die genau das tun, was für die Fahrsicherheit alles andere als förderlich ist. Sie lenken auf gefährlichste Weise vom Autofahren ab. Warum das alles? Weil der Kunde die Funktionsvielfalt auch im Fahrbetrieb will. Glauben Sie nicht? Dann erlaube ich mir eine Frage: Wie reagieren wohl Autofahrer, wenn bestimmte Funktionen wie zum Beispiel die Adresseingabe ins Navigationssystem während der Fahrt vom Hersteller abgeschaltet werden? Na ja, wenn es hierzu schon unter einigen Autotestern für diese Sicherheitsmaßnahme Kritik am Hersteller hagelt, sagt das schon alles aus.

Komisch auch: Wir regen uns als Fußgänger über Zeitgenossen auf, die mit ihren Köpfen im Bildschirm ihres Smartphones versunken ihre Umwelt nicht wahrnehmen und andere über den Haufen rennen, wollen aber selbst auf eingehende Mails und WhatsApp-Nachrichten (Letztere mit meist unwichtigen/banalen Inhalten) im Auto nicht verzichten. Um dem nachgehen zu können, verlassen wir uns auf die modernen Assistenzsysteme, deren Aufgabe jedoch darin besteht, dem Autofahrer – wie es der Name suggeriert – zu assistieren (also ihn zu unterstützen) und nicht ihn zu ersetzen. Als Bestätigung für die ganze Ablenkung im Straßenverkehr und die offensichtlich wachsende Unfähigkeit einiger Autofahrer, sich ausschließlich auf das Autofahren zu konzentrieren, kann man die Statistik für die reinen Unfallzahlen heranziehen. Im Gegensatz zur Zahl der Verkehrstoten nimmt die Zahl der Unfälle praktisch kontinuierlich zu. Allein 2019 gab es gemäß den Zahlen des Statistischen Bundesamtes gegenüber 2018 einen Zuwachs von 1,9 Prozent auf rund 2,7 Millionen Unfälle, von denen es bei etwa 2,4 Millionen bei Sachschäden blieb. Unachtsamkeit durch Ablenkung, zu schnelles Fahren und Fahren unter Alkoholeinfluss sind hier die maßgeblichen Treiber. Hier nun die Verbindung zur Schule – oder besser zur Fahrschule. Waren das eigentlich nicht genau die Punkte, die uns als Grundlagen für das Autofahren beigebracht wurden? Achtsamkeit, Konzentration und vorausschauend fahren, Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalten, kein Alkohol am Steuer. Punkte, die uns auch nach der Prüfung mit auf den Weg gegeben wurden – quasi als Dauerhausaufgabe. Fazit: Was also bringt es, wenn Automobilhersteller die Autos immer sicherer machen, der Autofahrer aber während der Fahrt seine Hausaufgaben aus der Fahrschulzeit „vergisst“?

 

AUTOR

Peter Insam ist seit nunmehr 27 Jahren im Einkauf für Betriebsmittel und Investitionsgüter unterwegs, von denen er seit 25 Jahren die Geschicke verschiedener nationaler und internationaler Fuhrparks gelenkt hat. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er als Head of Corporate Procurement und zwischenzeitlich auch als Prokurist unter anderem für die knapp 700 Firmenfahrzeuge der Hays AG verantwortlich. Zuvor war er rund 10 Jahre für den Einkauf von Betriebsmitteln und Investitionsgütern für den Medizintechnik-Hersteller Maquet GmbH in Rastatt tätig. Hierzu gehörte auch die Leitung des Fuhrparks mit 350 Fahrzeugen am Standort Rastatt. Darüber hinaus sammelte er zahlreiche Erfahrungen im Rahmen von Auslandsaufenthalten in Frankreich und Australien.