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Die im März vorgelegten Marktzahlen für das Jahr 2019 des Zweirad-Industrie-Verbands e. V. (ZIV) sind beeindruckend: Der Verkauf an Fahrrädern, E-Bikes und Pedelecs lag 2019 mit 4,31 Millionen Einheiten 3,1 Prozent über dem Vorjahresergebnis. Vor allem der Verkauf von E-Bikes konnte wieder stark zulegen. Mit 1,36 Millionen verkauften E-Bikes und Pedelecs steigerte sich der Marktanteil demzufolge auf 31,5 Prozent. Der Verband rechnet mittelfristig sogar mit einem Anteil am Gesamtmarkt von 40 Prozent und langfristig von 50 Prozent. Die Gründe für diesen Boom sind vielfältig: Ein gesteigertes Umweltbewusstsein und der Drang nach Outdoor-Events tragen dem ebenso Rechnung wie die Mobilitätswende und die zunehmende Urbanisierung. Auch verschiedene Dienstrad- und Leasingmodelle sorgen für die starke Nachfrage nach Fahrrädern in Deutschland. Die Corona-Krise, die den Urlaub im Grünen vor der Haustür wieder populär gemacht hat, wirkt hier sogar als Katalysator, gleichwohl man sich zu Beginn des Shutdowns auch innerhalb der Zweirad-Branche Sorgen gemacht hatte. Doch es kam anders: Anstelle eines teuren Urlaubs außerhalb Europas schafft man sich eben ein E-Bike oder Pedelec an. Die gestiegene Nachfrage geht Hand in Hand mit einer rasanten technischen Weiterentwicklung des Fahrrads, von der insbesondere das Pedelec profitiert, sodass der interessierte dienstradberechtigte Mitarbeiter schnell den Überblick verlieren kann. Im Folgenden gibt Flottenmanagement ein paar grundsätzliche Tipps, worauf man bei der Anschaffung achten sollte.

Grundsätzliches 
Zunächst einmal sollte zwischen E-Bike und Pedelec unterschieden werden, denn streng genommen ist das, was die meisten unter einem E-Bike verstehen, ein Pedelec. Letzteres besitzt einen Elektromotor, der als Trittunterstützung funktioniert. Ein reines E-Bike könnte auch ohne Pedalumdrehung das Fahrrad beschleunigen. In diesem Fall muss ab einer fahrbaren Geschwindigkeit von sechs Kilometern in der Stunde ein versicherungspflichtiges Nummernschild am Fahrrad montiert sein. Dennoch hat sich der Begriff E-Bike im Sprachgebrauch als Sammelbegriff etabliert, wenngleich auch deutlich mehr Pedelecs verkauft werden als E-Bikes.

Fahrräder mit Elektromotor gibt es in fast allen Segmenten: vom City-Rad über das Mountainbike bis hin zum Rennrad. Die eigenen Interessen, vor allem aber der Einsatzzweck geben hier bereits die Richtung vor. Also bloß die passende Rahmengröße ermitteln und los gehts? Na ja, ganz so einfach ist es nicht. Denn anders als beim nicht motorisierten Fahrrad gibt es mit dem Motor und dem Akku noch zwei weitere Dinge, die in die Rahmengeometrie passen müssen. Dies hat erheblichen Einfluss auf das Fahrverhalten. Der Motor kann beispielsweise an drei Stellen am Rad angebracht werden: in der Vorderradnabe, in der Hinterradnabe oder im Tretlager. Letzteres hat sich aufgrund der besseren Fahreigenschaften im Markt etabliert. Das zusätzliche Gewicht des Motors ist am besten in der Mitte direkt unter dem Fahrer im Tretlager untergebracht, so bleibt das Rad auch bei rasanter Kurvenfahrt stabil. Der Akku war lange Zeit unter dem Gepäckträger angebracht, sofern natürlich ein solcher vorhanden war. Doch wie beim Elektroauto ist dies auch beim Fahrrad das schwerste und teuerste Bauteil. Über dem Hinterrad angebracht sorgt das Gewicht des Akkus für ein schwammiges Fahrgefühl, das bei zusätzlicher Last, beispielsweise durch einen Kindersitz, zum Flattern des Fahrrads führen kann. Am besten ist der Akku also im Rahmendreieck oder am Unterrohr des Rahmens angebracht. Überhaupt sollte man das Gewicht eines Pedelecs nicht außer Acht lassen. Die meisten Modelle wiegen deutlich über 25 Kilogramm, das hat nicht nur Auswirkungen auf das Fahrverhalten, sondern auch auf die Praktikabilität. Zugfahrten, steile Kellertreppen oder ein leerer Akku auf halber Wegstrecke können so zu einem unerwarteten Hindernis werden.

Ausstattung 
Natürlich variiert die Ausstattung eines Fahrrads, je nachdem welchem Segment es angehört. Dennoch gibt es hinsichtlich eines Pedelecs ein paar Dinge zu beachten. Auch hier muss man die Motorisierung beachten: Was beim Auto die PS sind, ist beim Pedelec das Drehmoment. Bis 120 Newtonmeter Drehmoment sind bei einem Fahrrad derzeit möglich. Doch braucht es das? Ist diese Leistung für die eigenen Zwecke dienlich? Zum Vergleich: Das deutsche Unternehmen Pendix hat in Kooperation mit VSC.Bike ein Briefzustellrad entwickelt und mit einem Pendix eDrive Elektromotor ausgestattet. Eigentlich ist das Zwickauer Unternehmen auf Nachrüstantriebe bei Fahrrädern spezialisiert – mit dem A01 und dem B01 gibt es aber jetzt auch Kompletträder Made in Germany. Die genannten Modelle haben ein zulässiges Gesamtgewicht von maximal 210 beziehungsweise 250 Kilogramm und werden von einem Motor mit maximal 50 Newtonmetern Drehmoment angetrieben. Das Beispiel zeigt: Bei einem Drehmoment von 120 Newtonmetern dürfte man in den meisten Fällen von einer Übermotorisierung sprechen, zumal die Leistung auch zulasten der Batteriereichweite geht und den ungeübten Fahrer im Stadtverkehr eher vor Probleme stellt, als ihm nützt. Da, wie beim Auto auch, der Preis mit der Leistung steigt, sollte man genau überlegen, was man in Sachen Motorisierung braucht. Gleiches gilt auch für die Batteriekapazität, bei der mit wachsender Kapazität jedoch nicht nur der Preis, sondern auch das Gewicht steigt. Die tatsächliche Reichweite des Pedelecs hängt zudem nicht allein von der Batteriegröße ab. So lassen sich im E-Bike-Reichweiten- Assistenten von Bosch 13 Parameter einstellen, um die Reichweite des Pedelecs zu berechnen, darunter Reifenprofil, Fahrergewicht und Streckenprofil (www.bosch-ebike.com/de/service/reichweiten-assistent/). Das Tool kann auch als Anhaltspunkt für die Suche nach der passenden Batteriegröße dienen.

Ein weiterer zentraler Bestandteil eines Pedelecs ist das Bremssystem. Auch hier gab es in den letzten Jahren eine Art Wettrüsten. Oft werden hydraulische Scheibenbremsen mit einem Scheibendurchmesser von bis zu 180 Millimetern verbaut. Wie bereits bei der Motorleistung stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Denn je nach Gesamtgewicht und Streckenprofil würden auch weniger bissig greifende Systeme, wie hydraulische Felgenbremsen oder mechanische Scheibenbremsen mit Bowdenzug, ausreichen. Nicht falsch verstehen: Dies soll kein Ratschlag zum Sparen auf Kosten der Sicherheit sein – im Gegenteil. Es ist schlicht so, dass auch das Bremsen geübt sein will, Gefahrenbremsungen mit dem Fahrrad sollten genauso wie mit dem Pkw trainiert werden, sonst sind auch allzu stark zupackende Bremsen ein Sicherheitsrisiko.

Zukunft: Assistenzsysteme 
Um die beschriebene Leistungsexplosion beim Pedelec für die größte Zielgruppe dieser Räder, die älteren Menschen, beherrschbar zu machen, werden immer mehr Assistenzsysteme entwickelt. Kommt Ihnen bekannt vor? Stimmt, das ist beim Pkw auch nicht anders. Sogar die Technologie aus der Automobilbranche wird hier adaptiert. So verhindert ein ABS das Blockieren der Reifen bei der Gefahrenbremsung, die Traktionskontrolle dosiert die Leistung, die der Motor abgibt, beispielsweise auf losem Untergrund, und verhindert so ein Durchdrehen der Reifen. Umgekehrt gibt der Motor kurzzeitig mehr Leistung ab, wenn die Software anhand des Pedaldrucks erkennt, dass ein kleines Hindernis, wie eine hohe Bordsteinkante, überrollt werden soll. Navigation, Ladeassistent und digitale Geschwindigkeitsanzeige sind selbstverständlich ebenfalls Standard. Kein Wunder eigentlich, denn der Marktführer unter den Pedelec-Zulieferbetrieben ist, wie schon beim Automobil, Bosch. Das Pedelec hat im Stadtverkehr das Potenzial, das ein oder andere Auto zu ersetzen, insbesondere dort, wo Infrastrukturprojekte den Radverkehr fördern. Wer allerdings jetzt überlegt, sich ein Pedelec anzuschaffen, muss bei einigen Modellen mitunter längere Lieferzeiten in Kauf nehmen. Denn die Corona-Krise hat nicht nur die Nachfrage befeuert, sondern auch die Lieferketten der meisten in Asien produzierten Bauteile unterbrochen.