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Flottenmanagement: Herr Seithel, seit April verfügt Geotab über mehr als zwei Millionen Abonnenten. Welche Produkte und auch Lösungen haben zu dieser Entwicklung beigetragen? Wie unterscheidet sich Geotab dabei von anderen Telematikanbietern? 

Fabian Seithel: Wir haben uns natürlich über diese Entwicklung sehr gefreut, da sie gleichermaßen eine Bestätigung für eines unserer zentralen Themen bei Geotab ist: eine offene Plattform zu bieten. Wir sagen bewusst, dass wir uns nicht auf einen Bereich, einen Kundentyp oder eine Branche spezialisieren, sondern bieten eine offene Plattform für Partner und Spezialanbieter in der Branche. Dadurch ist es uns möglich, uns als Partner der gewerblichen Flotten in allen Bereichen zu positionieren. Über unser Partnernetzwerk „Geotab Marketplace“ oder über unsere Wiederverkäufer, die sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert haben, können wir ganz gezielt auf die unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Fuhrparks eingehen, wenngleich auf der Technologieseite die Lösungen sowohl im elektrischen Smart als auch im 40-Tonner eingesetzt werden können. Dadurch haben wir quasi keinerlei Einschränkung beim Kundenzugang und können in allen Flottensegmenten Wachstum generieren. Und das alles unabhängig von der geografischen Lage – sei es nun der starke Wachstumsmarkt Europa oder Lateinamerika und Australien, wo sich die Märkte für uns sehr gut entwickeln.

Flottenmanagement: Bereits auf der IAA im vergangenen Jahr haben wir über die Möglichkeiten eines Zusammenspiels von Telematik und Elektromobilität gesprochen. Im November 2019 wurde in Europa auch ein entsprechendes Tool – Electric Vehicle Suitability Assessment (deutsch: Eignungsbewertung für Elektrofahrzeuge) – präsentiert. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff und wie kann es Fuhrparkverantwortliche bei der Umstellung auf Elektromobilität unterstützen? 

Fabian Seithel: Das Electric Vehicle Suitability Assessment, kurz EVSA, setzt bei Flotten an, die heute noch keine oder wenige E-Fahrzeuge im Einsatz haben und hauptsächlich mit konventionellen Verbrennermotoren unterwegs sind. Die Fahrzeuge mit konventionellem Antrieb werden innerhalb des EVSA über einen statistisch validen Zeitraum analysiert. Das Minimum für den Analysezeitraum beträgt drei Monate, sollte jedoch idealerweise sechs Monate betragen, um das Fahrverhalten noch genauer beurteilen zu können. Aus diesen realen Daten zum Fahrverhalten entsteht dann eine Machbarkeitsstudie, welcher Prozentsatz der Flotte elektrifiziert werden kann. Aus den Resultaten dieser Analyse lässt sich nicht nur ableiten, wie viel Geld sich durch die Umstellung auf elektrifizierte Antriebe einsparen lässt, sondern auch, in welchem Umfang die CO2-Emissionen innerhalb der eigenen Flotte reduziert werden können. Das EVSA verfolgt damit den Ansatz einer Entscheidungshilfe für den Bereich der gewerblichen Elektromobilität: Wie viel Prozent des Fuhrparks können mit Fahrzeugen mit einem elektrischen Antrieb ersetzt werden, ohne dabei die Nutzungsfähigkeit einschränken zu müssen? Welche aktuell verfügbaren, elektrifizierten Fahrzeugmodelle eignen sich hierfür?

Insbesondere in den letzten Monaten haben wir gemerkt, welchen Wert diese Entscheidungshilfe für gewerbliche Flotten hat. Denn in diesem Bereich geht es vor allem um die Themen Kosten und Reichweite: So eignen sich elektrifizierte Fahrzeuge vor allem für Unternehmen, die im Bereich der „Letzte-Meile-Logistik“ und im Service in Ballungsgebieten unterwegs sind. Unter Einbeziehung der kundenspezifischen Fahrzeuganforderung in Bezug auf Ladevolumen und/oder Zuladung und der Realdaten aus der Analyse kann Geotab dann eine Empfehlung für ein elektrisch angetriebenes Fahrzeugäquivalent aussprechen. In den bisherigen Analysen hat sich gezeigt, dass sich in den Flotten ohne Einschränkungen Elektrofahrzeuge und Plug-in-Hybride einsetzen lassen. Gleichzeitig lässt sich auf Grundlage des EVSA auch eine kaufmännische Entscheidung treffen: Denn neben der Aussage zu möglichen CO2-Einsparungen im Fuhrparkbereich sind auch die zu erwartenden Kosten beziehungsweise Kosteneinsparungen Teil der Analyse. 

Flottenmanagement: Aktuell sind rein, aber auch teilelektrische Pkw gefragter denn je und trotzen damit der allgemeinen Marktentwicklung. Auf welche Einflüsse ist diese Entwicklung zurückzuführen? Wie wird sich die Nachfrage nach elektrifizierten Fahrzeugen Ihrer Meinung nach in Zukunft entwickeln? 

Fabian Seithel: Auch wir bei Geotab nehmen einen großen Push im Bereich der Elektromobilität wahr. Jedoch muss man hier zwischen der privaten und der gewerblichen Mobilität unterscheiden: Denn gerade in gewerblichen Flotten stellt die Elektromobilität Fuhrparkverantwortliche vor neue Herausforderungen. Und wir als Dienstleister sehen uns in der Verantwortung, unsere Kunden bei der Bewältigung dieser neuen Herausforderungen zu unterstützen. Daten, die wir beispielsweise über das EVSA verarbeitet haben, können dabei ein wichtiges Instrument sein, die Entwicklung von konventionell angetriebenen Fahrzeugen hin zu einer elektrifizierten Flotte zu bereiten und auch damit erfolgreich zu sein. Aber natürlich spielen auch eigentlich triviale Themen eine wichtige Rolle auf dem Weg hin zur erfolgreichen Elektromobilität: Beispielsweise muss man Firmenwagennutzer noch viel mehr sensibilisieren, insbesondere rein elektrische Fahrzeuge nach der Nutzung auch wieder zu laden. Denn während das Tanken von konventionell angetriebenen Fahrzeugen nur wenige Minuten in Anspruch nimmt, kann das Laden während der Arbeitszeit oder womöglich kurz vor einem Termin das operative Geschäft erheblich stören. Daher ist beispielsweise eine Anpassung der Car-Policy bei der Einbettung von (teil-)elektrischen Fahrzeugen unerlässlich.

Wenn wir dann ein wenig in die Zukunft schauen, werden sich unserer Meinung nach die Themen Elektromobilität und Digitalisierung noch weiter miteinander verbinden. Das zeigt sich aktuell beispielsweise beim EVSA oder auch beim EV-Monitoring, über das wir sicherstellen können, dass elektrifizierte Fahrzeuge in der Flotte nicht zum „Troublemaker“ werden. Vielleicht kann man die aktuelle Pandemie daher auch als Chance verstehen, sich mit innovativen Themen auseinanderzusetzen und einen neuen Blickwinkel einzunehmen, um am Ende für die Zukunft gut aufgestellt zu sein. Und dies zeigt sich auch in der Nachfrage in den letzten Monaten. 

Flottenmanagement: Über Monate hinweg begleitet uns die Corona- Pandemie bereits und hat weitreichende Auswirkungen auf nahezu alle Bereiche des Lebens. Wie haben sich die Einschränkungen und sogar der „Lockdown“ auf die Flottenaktivitäten in Deutschland ausgewirkt? Wie sind diese Ergebnisse im Vergleich zu anderen europäischen Ländern oder den USA zu werten? 

Fabian Seithel: Als Anbieter einer offenen Plattform sehen wir natürlich ganz differenzierte Auswirkungen je nach Kundensegment. So konnten wir im Bereich der „Letzte-Meile-Logistik“ oder dem Versandhandel insbesondere in Zeiten, in denen Geschäfte geschlossen waren, keinerlei Einschränkungen vernehmen – vielmehr sogar einen Anstieg der Flottenaktivitäten beobachten. Demgegenüber standen starke Einschränkungen in Bereichen wie Autovermietung oder Tourismus, in denen die Flottenaktivitäten fast zum Erliegen kamen. Insgesamt konnten wir aber gerade in den harten Lockdown-Phasen einen Rückgang der Flottenaktivitäten über unseren Gesamtkundenstamm verzeichnen. Dabei haben sich die Flottenaktivitäten in den einzelnen Regionen zeitversetzt voneinander entwickelt, je nachdem, welche Einschränkungen erfolgten und wie groß deren Ausmaß war: So waren die Auswirkungen beispielsweise in Frankreich, Italien oder Spanien drastischer als in Deutschland und erst später war ein deutlicher Rückgang der Flottenaktivitäten in Nordamerika zu spüren.

Bei der Kategorisierung der Flottenaktivitäten halfen uns insbesondere Big Data beziehungsweise Machine Learning. Anhand der unterschiedlichen Bewegungsmuster werden die Fahrzeuge über einen Algorithmus in unterschiedliche Kategorien eingeordnet: So können wir beispielsweise Fahrzeuge eines „Letzte-Meile-Lieferanten“ aufgrund der Vielzahl von Stopps in einem eingeschränkten Bewegungsradius ausmachen. Diese anonymisierte Erfassung hat für den Flottenverantwortlichen zugleich den großen Vorteil, dass er seine Daten mit anderen Kunden vergleichen kann, ohne diese zu kennen. Allein aufgrund der Kategorisierung kann er somit Unterschiede zu ähnlichen Flotten ausmachen.