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Die Automobiltechnik hat sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt: Digitalisierung, Vernetzung und Echtzeitdaten sind die Schlagworte der neuen Zeit. Schon jetzt kommunizieren moderne Fahrzeuge mit dem Smartphone, spielen Musik aus dem Internet und finden selbstständig Parkplätze. Es ist der Anfang einer Entwicklung, die das Auto zu einem ganzheitlichen mit der Umwelt und dem Menschen vernetzten Mobilitätsprodukt verwandelt. Doch welche Auswirkungen hat die zunehmende Konnektivität der Fahrzeuge auf die Branche und deren Kunden? Welchen Stellenwert haben Kooperationen und das Teilen von Daten? Dies sind Fragen, mit denen sich die Automobilwirtschaft sicherlich auch noch Jahre auseinandersetzen muss.

Es geht dabei, wie so oft bei der Vernetzung, auch um Verdrängung. Betrachtet man beispielsweise den Service- und Reparaturmarkt genauer, zeigt sich, dass die Fahrzeughersteller nach Möglichkeit an ihren Fahrzeugen über die gesamte Lebensdauer verdienen wollen. Und dies obwohl 2019 die Hälfte aller Reparaturarbeiten (ohne Service) von freien Werkstätten durchgeführt wurde. Das zeigt der gerade erschienene DAT-Report 2020. Zum Ärger der Automobilhersteller betreuen freie Betriebe die attraktiveren Fahrzeuge: Autos, die älter als vier oder fünf Jahre sind, haben die höchsten Reparaturaufwendungen. Und gerade bei diesen lassen sich durch jede Werkstatt mit entsprechendem Equipment die sogenannten statischen Daten auslesen, denn wie von der EU 2010 gefordert, müssen diese Daten auch für den freien Reparaturmarkt zugänglich sein: Daher werden Fehlercodes beispielsweise von Motor, Getriebe, Gemischaufbereitung, Abgasregelung oder Komfortsystemen in den zentralen Rechnern der Fahrzeuge abgelegt und können über Schnittstellen wie beispielsweise die On- Board-Diagnose-II (kurz: OBD-II) ausgelesen werden. 

Doch eine Vielzahl von Fahrzeug- und Fahrdaten kommt an einer anderen Stelle zusammen – dem E-Call-System: Seit 2018 müssen alle Neufahrzeuge in Europa mit dem Notrufsystem ausgestattet sein. Über diese Funkverbindung werden permanent dynamische Daten aus dem Fahrzeug ausgelesen und gesendet. Neben den für die Notfallrettung relevanten Daten verarbeiten alle Steuergeräte im Fahrzeug Datensignale, die ebenfalls via Telematik an einen Empfänger übertragen werden. Bei einem Mittelklassefahrzeug sind das schätzungsweise 7.000 verschiedene Datenpunkte, die permanent Fahrdaten, Zustände von Betriebsstoffen und einzelnen Komponenten, aber auch Umgebungsdaten des Fahrzeugs senden (Position, Wegstrecke, gefahrene Geschwindigkeit). Die Kommunikation funktioniert in beide Richtungen. Die Systeme im Fahrzeug können Daten von außen empfangen und verarbeiten. Beispielsweise für temporäre Karten-Updates des Navigationssystems oder eben für das digitale Angebot über die Reparatur eines sich ankündigenden Schadens. Der vorausschauende Wartungshinweis poppt direkt auf dem zentralen Fahrzeugdisplay auf – und lenkt den Kunden in die Werkstätten der Hersteller.

Für den Automobilkunden bedeutet die schöne neue Datenwelt vor allem mehr Komfort: Keine telefonische Terminvereinbarung, kein Anstehen vor einem Werkstatt-Annahmetresen, keine Diskussionen über Preise. Und keinerlei Verantwortung des Fahrers für die Überwachung des technischen Zustands: „Das zentrale Display wird im digitalen und vernetzten Fahrzeug zur neuen Verkaufsstelle für Reparatur- und Serviceleistungen“, erklärte Frank Schlehuber, Director Aftermarket bei der CLEPA (europäischer Dachverband der Automobilzulieferer), schon 2015. Das Prozedere ist dem Kunden aus den smarten Kommunikationsmitteln wie Smartphone, Tablet, Laptop und auch Smartwatch bereits bekannt, denn auch hier bekommt man Angebote direkt auf den Bildschirm. Da aber Daten aus dem Fahrzeug ständig über eine Datenverbindung wie das E-Call-System ausgelesen werden können, wissen insbesondere Automobilhersteller zu jeder Zeit um den technischen Zustand des Fahrzeugs und können gezielt individuelle Angebote auf jeden Autobesitzer zuschneiden. Das alles ergänzt um Zusatzangebote für Mobilität, Garantie, Versicherungsschutz, Finanzierung oder sonstige Dienstleistungen. Der Stellenwert dieser dynamischen Daten ist daher für die Hersteller enorm.

Doch anders als bei den statischen Daten ist ein müheloser Zugriff auf die dynamischen Daten oft nicht gestattet und das hat einen triftigen Grund: Alle Daten aus den Fahrzeugen landen direkt auf den Servern der jeweiligen Hersteller. Durch diese zentrale Speicherung sind die Fahrzeugsysteme zugleich vor Manipulationen von außen geschützt. Und Manipulationen sind bei zunehmend vernetzten Fahrzeugen ein Schreckensszenario: So gelang es Teilnehmern einer Hacker-Konferenz in den USA 2015, den zentralen CAN-Datenbus eines Chrysler Jeep über die WLAN-Verbindung des Multimediasystems zu entern. Fahrzeuge könnten somit mittels Smartphone aus der Ferne gehackt werden, wodurch der Fahrer zum Passagier in seinem eigenen Fahrzeug würde. Manipulationssicherheit ist tatsächlich ein starkes Argument. Allerdings spricht nichts gegen standardisierte, interoperable Schnittstellen für Drittanbieter – solange sie den Sicherheitserfordernissen der Autohersteller nachkommen. Zumal Apple, Google und andere über Schnittstellen längst tief in die Systeme moderner Fahrzeuge eingebunden sind.

Gerade bei der Öffnung der Schnittstellen hat sich in den letzten Monaten einiges getan: Zwar kann heutzutage nahezu jeder Automobilhersteller sein eigenes Telematiksystem durch den Zugriff auf statische wie auch dynamische Daten realisieren, und das ganz ohne Zusatzgerät. Jedoch spüren Fahrzeughersteller zunehmend das Interesse von Flottenverantwortlichen, ein einheitliches Telematiksystem in ihrem gesamten Mehrmarkenfuhrpark zu etablieren. So gab die Mercedes-Benz Connectivity Services GmbH im August des vergangenen Jahres bekannt, ihr Produktportfolio für die markenunabhängige Nutzung ihrer Telematikdienste zu erweitern. Mit der nachrüstbaren Hardware „connect business GENIUS“ sollen Fuhrparkmanager Telematikdienste für alle Fabrikate nutzen können. Die Nachrüstlösung wird fest in das Fahrzeug verbaut. Damit ergänzen dynamische Fahrzeugdaten wie Verbrauch und Laufleistung die bereits angebotenen Ortungsdienste: Durch Echtzeit-Kilometerstände und Diagnosedaten können beispielsweise Wartungsarbeiten vorausschauend geplant und Ausfallzeiten reduziert werden – ein hohes Einsparpotenzial für die Flotte. Der Dienst „Vehicle Logistics“ ermöglicht zusätzlich ein effizientes Einsatz- und Auftragsmanagement durch aktives Fahrzeugtracking in Verbindung mit einer automatischen Gebietsbeobachtung, dem sogenanntem Geofencing. Auch der Volkswagen Konzern öffnet sein We Connect Fleet anderen Marken: Jeder neue Crafter und Transporter 6.1 (Anmerkung der Redaktion: beim Transporter 6.1 teilweise serienmäßig) ist direkt mit der sogenannten VW TelematikBox bestellbar, worüber die dort integrierte SIM-Karte die Übertragung der Fahrzeugdaten an das Connect Fleet WebPortal ermöglicht. Seit ein paar Monaten können aber auch viele Fahrzeuge anderer Automobilhersteller ganz einfach über eine Nachrüstlösung an das VW-Fuhrparkmanagementsystem angeschlossen werden. Hierfür muss nur das Steuergerät „LINK 610“ bestellt werden und ein Vertrag zur Nutzung von We Connect Fleet mit dem Fahrzeug abgeschlossen werden. Das Steuergerät kann von einem Dienstleister auch direkt beim Flottenkunden vor Ort fest eingebaut werden. Der Fuhrparkverantwortliche braucht danach nur noch das Fahrzeug im WebPortal hinzuzufügen.

Dem einen oder anderen dürfte der Name des Steuergerätes „LINK 610“ bekannt vorkommen. Das hat einen Grund, denn dahinter steckt eine Lösung des Unternehmens Webfleet Solutions, welches sich natürlich bestens mit Telematiknachrüstungen auskennt. Im April 2019 hat Webfleet Solutions noch unter dem Namen TomTom Telematics das OEM.connect-Programm gestartet. Das Programm nutzt einen mehrstufigen Ansatz, um Fahrzeugherstellern die Anbindung an die Webfleet Solutions Service Plattform zu ermöglichen. So können dann auch Daten von Flotten, die aus Pkw, leichten Nutzfahrzeugen oder Lkw verschiedener Hersteller bestehen, auf die gleiche standardisierte Weise über dieselbe Schnittstelle präsentiert werden. Dies soll laut Webfleet Solutions vor allem dem Vergleich und der Analyse dienen.