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Wollen wir das Ganze einmal mit einem kleinen geschichtlichen Exkurs starten und schauen ein wenig auf die Pick-up-Historie zurück. Wirklich ins Rollen kamen die Kraftpakete in den USA in den 1960er-Jahren. Denn hatte Ford dort anfänglich noch Modelle von Drittherstellern umrüsten lassen, brachten jetzt auch große Marken wie Dodge und Chevrolet eigene Fahrzeuge auf den Markt. Begründet lag dies vor allem in der sogenannten Chicken Tax (zu Deutsch: Hühnchen- Steuer), eines der skurrilsten politischen Manöver der Wirtschaftsgeschichte. Kurz zusammengefasst: Es ging ein Handelsstreit um Billighühnchen voraus, den sich die USA mit Deutschland und Frankreich lieferte. Letzten Endes vergolten die USA die Importhürden für Hühner ihrerseits mit Strafzöllen auf bestimmte Autos. Der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson führte die Hühnchen-Steuer mit 25 Prozent für leichte Nutzfahrzeuge aus dem Ausland ein. Somit konnten die US-amerikanischen Autobauer hier den heimischen Markt quasi allein bespielen. Befeuert wurde das Ganze durch die Ölkrise 1973, in deren Folge die US-amerikanische Regierung den CAFE-Standard (Corporate Average Fuel Economy) für Pkw und leichte Lkw einführte, um den Flottenverbrauch zu reduzieren. Die Regelung galt für alle Hersteller ab 1978 verbindlich. Vor allem für Pkw schrieb sie geringere Verbräuche vor und so wurden die beliebten Muscle-Cars zunehmend durch Pick-ups ersetzt. In den 1990ern erwuchs mit SUVs dann eine neue Konkurrenz für die Lastenträger, nach wie vor sind sie aber sehr beliebt. So führt beispielsweise der Ford F-150 in den USA das Ranking der meistverkauften Fahrzeuge seit fast 40 Jahren (!) an.

Blick nach Deutschland 
In Deutschland bewegen sich die Zulassungszahlen von Pick-ups auf einem anderen Niveau als in den USA. So ist dieses Segment hierzulande eher eine Nische, die Absatzzahlen steigen jedoch seit geraumer Zeit. Im Unterschied zu den USA sind es hierzulande nicht die ganz großen Vehikel, sondern in erster Linie die Midsize Pick-ups (siehe Tabelle), die für Kunden interessant sind. So werden die Fahrzeuge vor allem im Gewerbeeinsatz genutzt und/oder dienen dazu, sich von der breiten Masse an SUVs abzuheben.

Längst hat sich das Segment der Pick-ups in Europa etabliert, wenngleich auch auf beschaulichen Niveau. Dabei ist zu beobachten, dass die Ansprüche in Sachen Ausstattung des Nutzfahrzeugs stark gestiegen sind und auch die Karosserieversion „Doppelkabine“ hat ihren Siegeszug vor Jahren schon begonnen. Vor der Jahrtausendwende war diese fünfsitzige Ausführung noch eher selten anzutreffen – in der Regel wurden Pick-ups damals mit zwei oder drei Sitzen in einer Einzelkabine ausgeliefert. Doch der stark gestiegenen Nachfrage, auch von Privatkunden, verdankt die Doppelkabine ihren Erfolg in Europa. Auch der SUV-Boom dürfte dem Pick-up weiteren Schwung geben. Denn umso mehr SUV an die Stelle von echten Geländewagen treten, desto attraktiver werden robuste Alternativen wie die Pritschenwagen.

Elektrische Kraftpakete 
Es bleibt nicht aus, sich auch bei Pick-ups mit dem Thema E-Mobilität zu beschäftigen. Das mutet zwar auf den ersten Blick etwas merkwürdig an, einige Hersteller sehen hier aber durchaus Potenzial. Immerhin werden elektrische Fahrzeuge derzeit massiv subventioniert – ein Anreiz, der immer mehr Kunden zum Kauf/Leasing bewegt.

So steht beispielsweise der US-amerikanische Hersteller Nikola bereits mit einem Modell in den Startlöchern. Der Vorverkauf seines elektrischen Pick-ups namens Badger, der neben einer Batterie auch über einen Wasserstoffspeicher verfügt, soll noch in diesem Jahr starten. Er verfügt nach Angaben des Herstellers über eine Reichweite von 965 Kilometern und kann 3,6 Tonnen schwere Anhängelasten ziehen. Als Dauerleistung stehen ihm 339 kW/461 PS zur Verfügung. Ein weiteres US-amerikanisches Unternehmen plant ebenfalls in die E-Pick-up-Nische einzusteigen. Das Start-up Rivian bringt mit dem Modell R1T einen 800 PS starken Lastenträger mit bis zu 5,5 Tonnen Zugkraft heraus. 600 Kilometer Reichweite sollen möglich sein. In den USA wird er aller Voraussicht nach Anfang 2021 in Serie auf die Straße kommen, der Europastart ist noch nicht genau terminiert.

In Konkurrenz werden diese Modelle dann bald wohl unter anderem mit Teslas Cybertruck gehen, der voraussichtlich Ende des kommenden Jahres auf die Straße kommt. Er soll gemäß Tesla-Angaben 3,4 Tonnen Zugkraft für die einmotorige Variante bieten. Bei der Version mit zwei Motoren steigt diese bis 4,5 Tonnen respektive bis 6,3 Tonnen bei drei Motoren. In der Topversion sollen über 800 Kilometer Reichweite möglich sein, die Leistung liegt bei 600 kW/816 PS. Inzwischen sind Gerüchte von bereits 600.000 (!) Reservierungen (Anzahlungsgebühr 100 Dollar/100 Euro) des Cybertrucks im Umlauf. Stefan Teller vom TÜV Saarland zeigt sich in Bezug auf die europäische Marktreife allerdings noch etwas skeptisch. Wenn der Tesla Cybertruck auch in Europa verkauft werden soll, dann müsste er „starke Modifikationen in der Grundstruktur haben“, so Teller gegenüber der Automobilwoche. Denn in der EU – im Gegensatz zu den USA – dürfe die Fahrzeugfront aus Sicherheitsgründen nicht beliebig steif werden, so Teller weiter. Stoßfänger und Motorhaube müssten Energie aufnehmen können, um den Passanten zu schützen.

Teslas Vorstoß hat wiederum Ford auf den Plan gerufen. So soll der US-amerikanische Bestseller – Fords Flaggschiff F-150 – im Jahr 2022 auch als rein batterieelektrische Variante auf den Markt kommen. Vielleicht wird er dann auch zunehmend für den europäischen Markt interessant …