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Schätzungen zufolge lag 2018 der Anteil des Flugverkehrs an den weltweiten CO2-Emissionen bei etwa zwei Prozent, 80 Prozent davon entfallen auf Passagiermaschinen. Das klingt erst einmal nach nicht so viel. Doch die Luftfahrt ist eine stark wachsende Branche mit sowohl steigenden Passagierzahlen als auch Frachttransporten. Laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wird dem Luftverkehr weltweit ein Wachstum von vier Prozent jährlich vorausgesagt. Die Internationale Luftverkehrsvereinigung (IATA) erwartet, dass sich die Passagierzahl bis 2035 auf etwa 7,2 Milliarden erhöhen wird. Dazu kommt, dass das Fliegen insbesondere auf Kurzstrecken eine sehr energiekostenintensive Art der Fortbewegung darstellt, die es im Zuge der Klimaschutzziele womöglich zu überdenken gilt.

Im Jahr 2016 verabschiedete die UN-Luftfahrtorganisation ICAO (International Civil Aviation Organization) das Abkommen CORSIA (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation). Es hat zum Ziel, dass die internationale Luftfahrt ab 2020 „CO2-neutral wächst“. Wie der Name des Programms schon sagt, steht im Zentrum die Kompensation von Emissionen durch Einsparungen an anderer Stelle (Offsetting). Die Umsetzung soll in drei Phasen erfolgen, die sich wie folgt gestalten: Pilotphase von 2021 bis 2023: freiwillige Teilnahme der Staaten; jährlicher Ausstieg möglich, Bezugsjahr zur Berechnung der CO2-Kompensation flexibel zwischen dem Basisjahr 2020 oder dem jeweils vorherigen Jahr wählbar. 1. Phase von 2024 bis 2026: freiwillige Teilnahme der Staaten; jährlicher Ausstieg möglich, Bezugsjahr: 2020. 2. Phase von 2027 bis 2035: Teilnahme aller Staaten, die im Jahr 2018 einen Anteil von mehr als 0,5 Prozent am internationalen Luftverkehr hatten, gemessen in Revenue Tonne Kilometers (RTK). In Summe müssen jedoch 90 Prozent der gesamten RTK von CORSIA abgedeckt werden.

Was bedeutet das für die Fluggesellschaften? Erst einmal müssen die vom Vertrag festgelegten Rahmenbedingungen ausgestaltet und daraus Maßnahmen abgeleitet werden. Die Lufthansa Group mit ihren Töchtern Eurowings und Germanwings gehört zu Deutschlands wichtigsten Fluggesellschaften und hat sich schon 2008 ehrgeizige Ziele im Bereich der Klima- und Umweltschutzverantwortung gesetzt. Das Vier-Säulen-Modell umfasst Maßnahmen für den technischen Fortschritt (zum Beispiel Neuerungen bei der Triebwerkstechnologie, alternative Treibstoffe), zur Verbesserung der Infrastruktur (zum Beispiel optimierte Nutzung der Lufträume, Flughafeninfrastruktur) und im Bereich der operativen Maßnahmen (zum Beispiel effiziente Flugzeuggrößen, optimale Flugrouten und -geschwindigkeiten). Der vierte Pfeiler bezieht sich auf ökonomische Instrumente zur Reduzierung der Emissionen.

Direkt annehmen können Geschäftskunden verschiedene Angebote für klimafreundliche Geschäftsreisen: Mit den Lufthansa Group Corporate Value Fares fliegen Firmenkunden auf den Flügen von Lufthansa, SWISS und Austrian Airlines in Europa CO2-neutral. Denn erstmals ist das sogenannte Carbon Offsetting bei Vertragskunden automatisch Bestandteil dieser Tarife. Die CO2-Kompensation der Flugreisen erfolgt mittels zertifizierter, qualitativ hochwertiger Klimaschutzprojekte der Schweizer Stiftung myclimate. Die Non-Profit-Organisation garantiert, dass die Projekte neben der Reduktion von Treibhausgasen auch einen Beitrag zu den globalen Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen leisten. Ein weiteres Projekt, verantwortet vom Lufthansa Innovation Hub, nennt sich Compensaid. Es unterstützt die Entwicklung von nachhaltigem Flugbenzin, Sustainable Aviation Fuel (SAF). Darüber haben Kunden die Möglichkeit, die bei ihrer Flugreise unvermeidlich entstehenden CO2-Emissionen mit nachhaltigen alternativen Kraftstoffen weitgehend auszugleichen. Sie können die Differenz zwischen dem Kerosin- und dem SAF-Preis für die Flugstrecke zuzahlen und damit die Produktion von SAF fördern. Aus Sicht der Lufthansa Group sind nachhaltige alternative Flugkraftstoffe ein entscheidender technologischer Schlüssel, um die Zukunft des Fliegens nahezu CO2-neutral zu gestalten. Im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen reduziert SAF die CO2-Emissionen um bis zu 80 Prozent. Die Lufthansa Group setzt sich in verschiedenen Projekten dafür ein, dass mehr SAF verfügbar gemacht wird. Zurzeit steht einer industrieweiten Nutzung dieser Treibstoffe noch die nur gering verfügbare Menge im Wege, denn aufgrund niedriger Nachfrage gibt es noch zu wenige Anlagen zur Herstellung, was zu einem teureren Literpreis führt (etwa dreimal so teuer wie Kerosin).

Dies soll sich unter anderem mithilfe des Projektes Compensaid ändern. Im Rahmen der Zusammenarbeit gaben Shell Aviation und World Energy Anfang des Jahres bekannt, dass sie die Lieferung von SAF an die Lufthansa Group am San Francisco International Airport eingeleitet haben. Das Angebot wird die CO2-Emissionen auf Interkontinentalflügen auf drei Strecken der Deutschen Lufthansa und Swiss International Air Lines von San Francisco nach Frankfurt, München und Zürich reduzieren. 2019 haben Lufthansa und die Raffinerie Heide eine gemeinsame Absichtserklärung zur künftigen Produktion und Abnahme von strombasiertem Kerosin unterzeichnet. Bei diesem sogenannten Power-to-Liquid-Verfahren soll aus regenerativ erzeugtem Strom, Wasser und CO2 ein synthetisches Rohöl entstehen, das zu Kerosin verarbeitet wird und in jedem Flugzeug zum Einsatz kommen kann. Der Vorteil: Bei der Verbrennung des nachhaltigen Kerosins wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie der Atmosphäre zuvor bei der Produktion entnommen wurde.

Ambitionierte Klimaschutzziele setzt sich auch Ryanair und unterstützt das IATA-Ziel, bis 2050 den CO2-Ausstoß des Luftfahrtsektors um 50 Prozent netto im Vergleich zu 2005 zu senken. Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen, bestehen unter anderem darin, dass neue Boeing- 737-Maschinen zum Einsatz kommen sollen, die einen geringeren Verbrauch haben und leiser sind. Damit wollen die Iren die Emissionen bis 2030 auf unter 60 Gramm CO2 pro Passagierkilometer senken. Zudem hat jeder Passagier die Möglichkeit, für sich einen Teil des CO2-Ausstoßes zu kompensieren. Die Spende von derzeit einem Euro geht an diverse Klimaschutzprojekte (First Climate, Renature Monchique, Native Woodland Trust oder Irish Whale and Dolphin Group). Bei Easyjet erfolgt die Kompensation unternehmensseitig pauschal über den Erwerb von sogenannten Emissionsminderungszertifikaten bei Kompensationsdienstleistern wie EcoAct oder First Climate. Das heißt, der Fluggast hat einen CO2-Ausgleich bereits im Ticket inklusive.

Auch Air France und mit ihr das Transatlantik- Joint-Venture, dem zusätzlich Delta und KLM angehören, setzen mittelfristig auf CO2-Reduktion durch den flächendeckenden Einsatz von Biofuel. Mit der Erforschung und der Erprobung neuer Kraftstoffe tragen Air France und KLM zur Belebung des Biofuel-Marktes bei. Im Jahre 2009 war KLM die erste Airline, die Flüge mit Biofuel durchgeführt hat. Heute werden regelmäßig Flüge mit Biofuel-Betankung durchgeführt. 2017 gab es insgesamt bereits 561 Biofuel- Flüge. Air France konnte zwischen 2015 und 2016 insgesamt 37 Tonnen CO2 einsparen, dank des Einsatzes von Biofuel auf Flügen zwischen Paris und Toulouse beziehungsweise Paris und Nizza. Im Jahr 2017 startete Delta Air Lines eine Partnerschaft mit der University of Georgia zur weiteren Erforschung neuer Biokraftstoffe. Ab dem 1. Juni 2020 werden auch alle Air-France- Flüge ab San Francisco mit einer Mischung aus herkömmlichem Kerosin und nachhaltigem Treibstoff betankt. Diese Maßnahme betrifft über 1.000 Flüge und wird über einen Zeitraum von 16 Monaten durchgeführt. Gemäß den Angaben der Fluggesellschaft ermöglicht es während des gesamten Lebenszyklus des Biokraftstoffs, über 6.700 Tonnen CO2 zu vermeiden. Die derzeitigen CO2-Emissionen innerfranzösischer Flüge gleicht Air France mit dem Partner EcoArt direkt aus und unterstützt nachhaltige Projekte. Kunden von KLM können ihre Reise über den angeschlossenen Kompensationsdienst CO2ZERO neutralisieren. Auch über Delta können CO2-Emissionen ausgeglichen werden. Die Holding International Airlines Group (IAG) mit unter anderem den Marken British Airways, Iberia und Aer Lingus strebt die Netto-Null bei den CO2-Emissionen bis 2050 an. Nach eigenen Angaben engagiert sie sich seit über einem Jahrzehnt für die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks. British Airways übernimmt den CO2-Ausgleich aller inländischen Flüge. Freiwillige Beiträge der Kunden für ihre Flüge ins Ausland sind ebenfalls möglich.

Derzeit laufen einige große Forschungsprojekte unter anderem in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), die sich mit der Reduzierung der CO2-Emissionen im Passagier- und Frachtverkehr auseinandersetzen. Hybridelektrische Flugzeuge weisen den Weg bis hin zur Vision vom elektrischen Fliegen. Dabei kommen Energieträger wie Batterien, Brennstoffzelle, gasbetriebene Triebwerkskonzepte oder Hybridmodelle zum Einsatz. Bis die Ergebnisse dieser Forschung in den Alltag der Fluggesellschaften aufgenommen sind, können andere Erkenntnisse schneller zu sinnvollen Emissionsreduktionen führen: Das neue europäisch- chinesische Forschungsprojekt „Greener Air Traffic Operations“ (GreAT) zielt darauf ab, den Beitrag der Luftfahrt zum weltweiten Klimawandel durch Optimierung von Roll- und Flugrouten zu reduzieren. Die Projektpartner entwickeln unter anderem flexiblere Luftraumkonzepte sowie neuartige Verkehrsführungsansätze. Echtzeitfaktoren wie das aktuelle Windfeld in der Atmosphäre sowie Einschränkungen des Luftraums spielen dabei eine entscheidende Rolle, welche in einem intensiven Datenaustausch analysiert werden. Ziel soll sein, die minimalste Klimabeeinflussung zu erreichen.