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Irgendwie scheint die Menschheit im Laufe der Hoch-Zeiten jegliches Maß für Vernunft verloren zu haben. Mehr, mehr, mehr lautete die Devise, obgleich man ja schon in der Physikstunde vor Augen geführt bekam: Alles hat seine Grenzen. In vielen Bereichen konnte und kann man schon erkennen, dass Grenzen überschritten wurden: So beobachten wir die stark wachsende Plastikflut in den Weltmeeren, trinken aber unseren „coffee to go“ weiterhin aus den Plastik-Schnabeltassen. Ob Klima, Verkehrsdichte, Feinstaub, CO2: Je nach Blickwinkel kann man seit einiger Zeit diese Themen mit großem Interesse oder mit Gleichgültigkeit beobachten.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Menschen immer mehr auf sich selbst fokussiert und damit nur eigene Interessen in den Vordergrund gestellt haben. Das Streben nach mehr, höher, schneller, weiter hat zu teilweise absurden Entwicklungen geführt. Um als Automobilzeitschrift beim Thema zu bleiben, möchte ich Ihnen die Entwicklung der menschlichen Unvernunft einmal am Beispiel Auto aufzeigen: Die Zunahme der durchschnittlichen Motorleistung bei Neuwagen zeigt diese „Gier nach mehr“ deutlich. So hatte 1995 jeder Neuwagen im Schnitt 95 PS – richtig: fünfundneunzig. 2019 sind wir bei 150 PS angekommen. Interessant: Bei Erscheinen der S-Klasse vom Typ W140 (die mit den Peilstäben) im Jahr 1991 wurde der 12-Zylinder-Motor zunächst mit 408 PS angeboten. Nachdem nicht zuletzt die Presse diesen „PS-Wahn“ scharf kritisierte, wurde die Leistung bereits 1993 auf 394 PS zurückgenommen. Immerhin. Heute sind bereits Kompaktwagen à la A-Klasse, 1er, Civic und Co. mit zum Teil deutlich über 300 PS zu bekommen. Selbst 500 bis 600 PS im oberen Segment sind kein Problem. Das sind Werte, für die man früher eine Rennlizenz benötigte und die man nur abseits der StVZO erfahren konnte. Nicht ohne Grund. Trotz aller Assistenten und elektronischen Sicherheitsnetze sind das Werte, die meiner Meinung nach nicht jedem Interessenten einfach so bereitgestellt werden sollten. Hohe Drehmomente und der daraus resultierende starke Schub sind Dinge, mit denen nicht jeder Fahrer umgehen kann. Parallel zu den Leistungsentwicklungen hat die Verkehrsdichte innerhalb der letzten gut 25 Jahre um mehr als 50 Prozent zugenommen. Offiziell sind bundesweit etwa 70 Prozent der Autobahnen ohne Tempolimit. Allerdings bezieht sich diese Statistik auf das gesamte Bundesgebiet. In Ballungszentren dürfte sich ein anderes Bild ergeben. Neben zahlreichen Baustellen und Strecken mit variabler Geschwindigkeitsbegrenzung sind es auch die vielen Unfälle, die Schnellfahrer einbremsen. Apropos Stau: Auch hier verzeichnen Statistiker – wer hätte es gedacht – eine enorme Zunahme. So hat sich laut Statista die Zahl der Staus von 185.000 im Jahr 2010 auf 745.000 im Jahr 2018 vervierfacht. Warum also der PS-Wahn? Steht es sich mit 400 PS schöner im Stau? Und dann, welche Ironie, wird, allen Umweltdiskussionen zum Trotz, die Einführung eines generellen Tempolimits in Deutschland vehement abgelehnt.

Stammleser können sich sicher noch an den Artikel „Zum Teufel mit den Gesetzen“ (Flottenmanagement 6/2015) erinnern. Schon da wurde an Beispielen der Missachtung von Regelungen im Straßenverkehr die Ignoranz vieler Verkehrsteilnehmer aufgezeigt. Und so sehen wir heute im Zeichen von Corona ein ähnlich ignorantes Verhalten bei Mitmenschen, die trotz aller Vernunftappelle Warnungen vor bevorstehenden Ausgangssperren wegen einer Verbreitung des Virus in den Wind schießen und sich weiterhin in Gruppen in Parks treffen oder Grillfeten veranstalten und damit eben nicht zur Eindämmung der Verbreitung des Virus beitragen.

Mit Vernunft hat all das sehr wenig zu tun. Was aber muss passieren, damit die Menschheit endlich mal wieder zur Vernunft kommt? Statt immer mehr zu wollen, muss klar werden, dass eben alles seine Grenzen hat und wir diese Grenzen in vielen Bereichen überschritten haben. Vielleicht zeigt uns nun die Natur mit aller Macht, dass wir eben nicht so weitermachen können. Vielleicht ist das die Gelegenheit, zu erkennen, dass wir gemeinsam mehr erreichen und sich die Zeiten von Egoismus und Ignoranz zu Zeiten von kollektivem Denken und Toleranz ändern müssen. Statt mehr, mehr, mehr einfach mal sich mit dem hohen Niveau zufriedengeben, welches wir erreicht haben. Konzentrieren wir uns auf Dinge, die für uns selbstverständlich geworden und hierdurch aus unserem Blick verschwunden sind und die jetzt fehlen: persönliche Gespräche mit Geschäftspartnern, gemeinsame Mittagessen mit Kollegen, ein Feierabendbierchen im Biergarten, Besuche der Familie, gemeinsame Unternehmungen mit Freunden. Sollten diese grundlegenden Erkenntnisse die Lehren aus der unwirklichen Situation, welcher wir uns im Zeichen des „V“ ausgesetzt sind, sein und uns nachhaltig zum Umdenken animieren, dann wird 2020 zwar nicht so, wie wir es uns vielleicht vorgestellt haben. Schlechter jedoch auch nicht. Insofern wünsche ich uns allen weiterhin ein gutes Jahr 2020. Bleiben Sie gesund.

 

AUTOR

Peter Insam ist seit nunmehr 27 Jahren im Einkauf für Betriebsmittel und Investitionsgüter unterwegs, von denen er seit 25 Jahren die Geschicke verschiedener nationaler und internationaler Fuhrparks gelenkt hat. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er als Head of Corporate Procurement und zwischenzeitlich auch als Prokurist unter anderem für die knapp 700 Firmenfahrzeuge der Hays AG verantwortlich. Zuvor war er rund 10 Jahre für den Einkauf von Betriebsmitteln und Investitionsgütern für den Medizintechnik-Hersteller Maquet GmbH in Rastatt tätig. Hierzu gehörte auch die Leitung des Fuhrparks mit 350 Fahrzeugen am Standort Rastatt. Darüber hinaus sammelte er zahlreiche Erfahrungen im Rahmen von Auslandsaufenthalten in Frankreich und Australien.