PDF DOWNLOAD

Vor Jahren schon machte ein israelisches Startup namens Better Place von sich reden, das ein Tauschsystem bei Fahrzeugakkus etablieren wollte. Doch es scheiterte unter anderem daran, dass nur ein Autobauer sich auf dieses System einlassen wollte. Kompatible Batteriesysteme verschiedener Hersteller wären aber notwendig gewesen. Zudem fehlte eine ausreichende Menge an Akkus über die Mindestmenge hinaus, sodass die vorhandenen schnell ans Ende ihrer Kapazitäten gelangten. Das war vor mehr als zwölf Jahren. Im letzten Jahr nahm sich das chinesische Start-up NIO dem Thema wieder an und stellte Batteriewechselstationen vor, die beim ES8 vollautomatisch innerhalb von drei Minuten den Akku tauschen und die Fahrzeugfunktionen währenddessen prüfen. Ob dieses Konzept sich durchsetzen wird, ist derzeit die Frage, denn das bevorstehende Ende der Elektroförderung durch die chinesische Regierung sorgt für sinkende Absatzzahlen und drohende Verluste bei den Herstellern.

Derweil glauben einige deutsche Start-ups an den Erfolg dieses Tauschprinzips. Sie haben die Akkus von Mikromobilen wie E-Bikes, Lastenrädern, E-Scootern, aber auch von Pkw bis zu Transportern im Visier. Ein Vorteil liegt auf der Hand: schnelle Wiederherstellung der Mobilität durch kurze Tauschzeit statt eines langen Ladeintervalls. Das Prozedere drum herum ist entsprechend konsequent durchdacht: Akkuwechselstationen im Stadtgebiet, Reservierungsmöglichkeit von Akkus, Laden und Monitoring per App et cetera.

Das Unternehmen GreenPack ist 2017 mit seinem Akku an verschiedene Unternehmen aus der Leichtmobilität herangetreten und vertreibt diesen Akku seitdem erfolgreich. Im Jahr 2018 folgte ein Pilotprojekt mit zehn Akku-Wechselstationen für diese GreenPack-Akkus. Als nächster logischer Schritt erfolgte die Öffnung des Systems für Batterien anderer Hersteller, das heißt die Integration ausgewählter und weitverbreiteter Standard-Akkusysteme. „Mit der Einführung der neutralen Marke Swobbee für die neuen Akku- Wechselstationen und der Integration der ersten Batterien anderer Hersteller kam für uns jetzt der Durchbruch. Unser Ansatz, eine Infrastruktur mit Ladestationen aufzubauen und unseren Flottenkunden das Laden und Monitoring der Akkus als Dienstleistung (Battery-as-a-Service) anzubieten, kam zum richtigen Zeitpunkt und trifft genau den Bedarf des Marktes“, beschreibt Tobias Breyer, Business Development bei der Green- Pack mobile energy solutions GmbH, die Entwicklung. Partner aus verschiedenen Branchen wie Mineralölkonzerne, Energieversorger und Fahrzeughersteller treiben die Mobilitätswende mit GreenPack voran, namhafte Nutzer aus der KEP-Branche tragen ebenfalls zur Verbreitung des Akkutausches bei. GreenPack will in den kommenden zwei Jahren in über 50 Großstädten, vor allem in Deutschland, aber auch in ausgewählten europäischen Städten, erste Stationen aufbauen. Für das kommende Jahr sind mehrere Projekte mit den Anbietern von Kickscootern geplant, die aktuell in allen Großstädten zum Stadtbild gehören. Neben der Integration von weiteren Akkumarken wird auch das Thema Rückspeisefähigkeit der Stationen als Weiterentwicklung auf der Tagesordnung stehen.

Auf Automobile überträgt das Start-up Rentenergy dieses Prinzip, das sich noch in der Entwicklungsphase befindet, und setzt auf mobile Akkus und Wechselstationen. Dirk Kieslich, Gründer und CEO des Unternehmens, ist davon überzeugt, dass nicht festverbaute Akkueinheiten gegenüber dem jetzigen Prinzip der verbauten Batterien große Vorteile hätten: geringeres Gewicht durch wenige Akkueinheiten (eine Akkueinheit wiegt circa 10 Kilogramm und hat zu Beginn wenigstens 2,5 Kilowattstunden Leistung). Mit dem Rentenergy-Konzept wären 100 Kilometer mit nur 10 kWh realisierbar, das heißt, bei sechs bis acht Einheiten in einem Fahrzeug der Klein- oder Mittelklasse kann durch das geringere Fahrzeuggewicht eine Reichweite zwischen 150 und 200 Kilometer erreicht werden. Auf alle Innovationssprünge in der Batterietechnik kann schneller reagiert werden. Insgesamt könnte das Fahrzeug in der Anschaffung günstiger werden, da die Akkueinheiten der Rentenergy gehören und durch die Ladeprozesse refinanziert werden. Über die Rentenergy-App werden alle Vorgänge gesteuert und organisiert, darüber laufen auch sämtliche Informationen von „Refiller“ (hat Bedarf an geladenen Akkus) und „Reloader“ (stellt geladene Akkus zur Verfügung) sowie die Abrechnung und Reservierung. Das Konzept finanziert sich durch das Bereitstellen der RentEnergy-App, den Verleih/ Verkauf der Ladestationen sowie der Akkueinheiten, für die ein niedriger prozentualer Anteil jeder Transaktion zwischen „Refiller“ und „Reloader“ einbehalten wird. Auch der Austausch leistungsreduzierter Akkus mittels eines Lade-/Entladezykluszählers soll über Rentenergy sichergestellt sein. Das Unternehmen hat bereits Gespräche mit Systemlieferanten und OEMs geführt, eine vertiefende Zusammenarbeit mit einem Start-up der Elektromobilität wird angestrebt.

Die vorgestellten Konzepte beziehungsweise Umsetzungen versprechen eine spannende Entwicklung zugunsten der Reichweiten und letztlich auch zugunsten des Vertrauens der Nutzer/-innen in die Elektromobilität. Ein Aufbrechen alter Denkweisen und die Einführung innovativer Ideen wiederum erfordert viel Kraft, Idealismus, Mitstreiter und nicht zuletzt finanzielle Stärke und Durchhaltevermögen. Der – wünschenswerte – Erfolg wird den Unternehmen hoffentlich recht geben.