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Abschaffung des verbleiten Normalbenzins, Einführung des G-Kats (und der damit verbundenen orangefarbenen Plakette, wer kennt sie nicht), Erhöhung der Kfz-Steuer für Diesel (ja, da war mal was), Einführung diverser Schadstoffklassen, später noch die CO2-Komponente bei der Kfz-Steuer ... viel hat sich getan und vieles ging auch in die richtige Richtung.

Diesel wurden verteufelt, dann geliebt, jetzt nicht zuletzt wegen des dubiosen Verhaltens der Automobilindustrie wieder verteufelt. Viele übersehen dabei die Entwicklungen, welche sowohl bei Otto- als auch bei Dieselmotoren zu deutlichen Verbrauchssenkungen geführt haben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ein 1983er Ford Fiesta mit knapp einem Liter Hubraum brachte es auf 40 PS und gut acht Liter Verbrauch – dies bei einem Leergewicht von unter 800 Kilogramm. Heute verbrauchen Mittelklassefahrzeuge mit dreifacher Leistung und mindestens 50 Prozent höherem Gewicht auch nicht mehr. Der Schadstoffausstoß ist dabei parallel erheblich zurückgegangen.

Trotz des schonenden Umgangs mit den Ressourcen wird nun der Diesel wieder verflucht, wenngleich das Schadstoffproblem beim Benziner (NOx) weiterhin existiert. Allerdings gerät nun ein neues Antriebskonzept immer mehr in den Vordergrund: Elektro! Mittlerweile fast schon zum Hype geworden. Genfer Automobilsalon, „Flotte! Der Branchentreff“ in Düsseldorf sowie die IAA in diesem Jahr, TV, Radio ... Elektromobile werden uns als DIE Heilsbringer verkauft. Innenstädte werden endlich abgas- und geräuschfrei. Weil E-Mobile ohne Verbrenner arbeiten, sind wir umweltfreundlich unterwegs. Reichweitenprobleme werden bald kein Thema mehr sein – den immer größer werdenden Akkus sei Dank. Die Zahl der Ladestationen wird drastisch zunehmen und sicher wird man dem neuen Vorstoß der Regierung, die Ladestationen für die Garage daheim finanziell aus Steuermitteln zu unterstützen, zustimmen.

Also alles im buchstäblich „grünen Bereich“? Keineswegs. Bei allen Lobeshymnen werden die zum Teil eklatanten Probleme offensichtlich ganz bewusst ignoriert:

Die gesamte Ökobilanz des E-Mobils ist mehr als fragwürdig. Das beginnt mit den Akkus. Die Herstellung, die Gewinnung der für die Akkus benötigten Materialien (Lithium, seltene Erden) ist teilweise menschenunwürdig. Die Lebensdauer der Akkus ist ebenfalls nicht ganz klar und die Entsorgung der nicht mehr ladefähigen Batterien stellt ein unglaubliches Umweltrisiko dar und ist tatsächlich nicht wirklich geklärt.

Der Strom: Sofern nicht durch regenerative Energien gewonnen, verlagern wir das Umweltproblem aufs Land. Dort müssen Kohle- und Atomkraftwerke hochgefahren werden, um die steigenden Bedarfe zu decken. Die Probleme beider Stromerzeuger sind hinlänglich bekannt, werden aber einmal mehr ignoriert. Beiläufig sei mal erwähnt, dass die Ziele bei der Steigerung der Elektromobile nicht mit den Zielen für die Verbesserung der Infrastruktur einhergehen.

Die Infrastruktur: Kürzlich konnte ich einen interessanten Beitrag hierzu lesen. Aussage: „Würde jeder dritte Haushalt in Deutschland ein Elektromobil als Zweitwagen nutzen, würde das Stromnetz zusammenbrechen.“ Das ist nachvollziehbar. Ein Blick in die Unternehmen zeigt, dass dieses Problem „nicht ohne“ ist. Nicht zuletzt wegen der vorübergehend halbierten Steuerlast bei der Versteuerung des geldwerten Vorteils sind immer mehr Dienstwagennutzer an E-Fahrzeugen oder Plug-in-Hybriden interessiert. Kleine und mittlere Betriebe haben jedoch kaum die Möglichkeit, die benötigte Anzahl an Ladestationen mal eben schnell aufzubauen. Aber auch privat ist das „nicht ohne“. Bei angemieteten Objekten muss der Vermieter zustimmen. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wer die Kosten übernimmt. Der Mieter? Nun ja, im ersten Moment plausibel, aber was passiert zum Mietvertragsende?

Aber weiter zum E-Mobil: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass viele Arbeitsplätze in der Automobilindustrie nicht gehalten werden können. Klar, so benötigt das E-Mobil zum Beispiel kein Getriebe, keine Kupplung, keinen Tank, keine Auspuffanlage, keine Kraftstoffanlage, kein Motoröl ... Neben der Herstellung wird hier auch die Zubehör-/Zuliefererindustrie betroffen sein.

Und dann die Hersteller selbst. In den Jahren meiner Aktivitäten als Fuhrparkleiter habe ich mit Besorgnis die Auswüchse des PS-Wahnsinns hautnah erlebt. Konnte man in den 90er-Jahren Dienstwagennutzer mit 90-PS-Diesel vollauf zufriedenstellen, so schweben wir heute in Dimensionen, die übrigens im krassen Gegensatz zu den Geschwindigkeitsmöglichkeiten dank der Verkehrsdichte stehen. Sieht man sich nun die von den deutschen Herstellern vorgestellten E-Mobile an, stellt man sich in Zeiten immer kleiner werdender Verkehrsräume durch wachsende Verkehrsdichte zwangsläufig folgende Fragen: Was soll das? Welche Durchschnittsfamilie soll sich so ein Fahrzeug leisten? Benötigen wir Fahrzeuge, die den Null-hundert-Sprint in unter sechs Sekunden absolvieren, wenn schon heute viele Fahrer mit den hohen Drehmomenten ihrer Motoren nicht umgehen können (Stichwort: dosiertes Fahren)? Welchen Umwelteffekt haben Fahrzeuge mit dem cw-Wert einer Gefriertruhe und einem Leergewicht von fast oder mehr als zwei Tonnen, wenn Bleifußfahrer auf der linken Spur entlangbrettern und dabei die Akkukapazität im Zeitraffer leer saugen?

Statt hier kompakte und vor allem leichtere Fahrzeuge zu bauen, die eine positive Auswirkung auf benötigte Akkukapazität und Reichweite hätten, wird wieder von den Konzernen kräftig geprotzt, denen wir ja eigentlich die Diskussionen zu verdanken haben. Einmal mehr wird der Umweltgedanke hier mit Füßen getreten, weil sich wieder einmal alles um die Profit-/Margengeilheit dreht. Bei allem Respekt: Das ist scheinheilig und nicht wirklich im Sinne der nachfolgenden Generationen.

Übrigens: Echte Lösungen, wie zum Beispiel die Brennstoffzelle, liegen schon seit Jahren in den Schubladen und werden – der starken Lobby sei Dank – wohl auch dort noch ein paar Jahre liegen bleiben. Das gilt auch für die Tempolimit-Diskussion. Ernsthaft: Viele Abschnitte sind schon heute geschwindigkeitsbegrenzt. Hinzu kommen zahllose Baustellen und die immer weiter zunehmende Verkehrsdichte. Ja, in Frankreich darf man nur 130 km/h auf Autobahnen fahren. Aber dort kann man sie fahren. Bei uns? Na ja, da gehen auch 230 km/h, wenngleich nur nachts oder an Heiligabend oder bei EM-/WM-Finalspielen (wenn unsere Kicker mal wieder so weit kommen sollten). Davon abgesehen: Tempolimits würden die Umwelt maßgeblich positiv entlasten und – ganz beiläufig – das von vielen gewünschte autonome Fahren (damit mehr Zeit fürs Daddeln bleibt) schneller umsetzbar machen.

Was das Thema Umwelt und Elektromobilität angeht: Ich wünsche mir eine Regierung, die mit dem ganz offensichtlichen Lobbyismus aufhört und wieder im Sinne derjenigen handelt, von denen sie gewählt wurde. Hier hat man wohl die Aufgabe bewusst verdrängt: die Interessen der Wähler zu vertreten. Und die wollen Nachhaltigkeit und keine Augenwischereien. Das heutige E-Mobil ist eine solche Augenwischerei und sollte höchstens als Brückentechnologie gesehen werden.

 

AUTOR

Peter Insam ist seit nunmehr 27 Jahren im Einkauf für Betriebsmittel und Investitionsgüter unterwegs, von denen er seit 25 Jahren die Geschicke verschiedener nationaler und internationaler Fuhrparks gelenkt hat. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er als Head of Corporate Procurement und zwischenzeitlich auch als Prokurist unter anderem für die knapp 700 Firmenfahrzeuge der Hays AG verantwortlich. Zuvor war er rund 10 Jahre für den Einkauf von Betriebsmitteln und Investitionsgütern für den Medizintechnik-Hersteller Maquet GmbH in Rastatt tätig. Hierzu gehörte auch die Leitung des Fuhrparks mit 350 Fahrzeugen am Standort Rastatt. Darüber hinaus sammelte er zahlreiche Erfahrungen im Rahmen von Auslandsaufenthalten in Frankreich und Australien.