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Millionen von Fahrzeugen sind täglich in Europa unterwegs und generieren fortwährend Daten. In modernen Fahrzeugen befinden sich teilweise über einhundert Steuergeräte, die neben den Protokolldaten der verschiedenen Fahrzeugkomponenten auch die Messdaten wie GPS-Standort, Geschwindigkeit, Umgebungstemperatur oder Helligkeit erfassen. Wie viele Daten hierbei erhoben werden, ist nur schwer abzuschätzen. Dennoch liegt allein die Anzahl der Codezeilen der Bordsoftware eines modernen Pkw schon jetzt über der bei einer Boing 747.

Mobilitätsdaten
Welche Daten genau die Fahrzeuge erfassen und welche davon ausgewertet werden, darüber schweigen sich die Hersteller aus: Betriebsgeheimnis. Klar ist jedoch, dass viele Echtzeitinformationen während des Fahrens benötigt werden, um technische Systeme wie das Antischleuderprogramm ESP zu steuern. Die Beanspruchung von Motor und Getriebe gibt Aufschluss darüber, wann der Wagen das nächste Mal in die Werkstatt muss – möglichst bevor ein teurer Defekt eintritt. Und wenn die Lenkbewegungen zittrig werden, schlagen viele Autos dem Fahrer eine Pause vor. Auch ist bekannt, dass die mobilen Datenspeicher längst von externen Nutzern angezapft werden, wie beispielsweise von der Justiz: „Die Borddaten können heute schon bei Strafverfahren herangezogen werden“, gibt Dr. Tibor Pataki, Leiter Kfz-Technik und Statistik beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV), zu verstehen. „Ob ein Unfallfahrer wirklich gebremst oder doch noch mal Gas gegeben hat, lässt sich so beantworten.“ Auch die Frage, wer am Steuer saß, lässt sich mit digitaler Unterstützung leichter klären: Welche der gespeicherten Sitzeinstellungen war aktiviert? Welche Musik lief? Wessen Smartphone war mit dem Bordcomputer gekoppelt?

Aber nicht nur das Auto sammelt während der Fahrt Daten, längst gehören Smartphone-Integration sowie Infotainment-Apps zum guten Ton in der Automobilbranche, und das über alle Segmente hinweg. So ist es möglich, seine Musik-Playlisten aus den unterschiedlichen Streamingdiensten ganz einfach in das Cockpit zu übertragen oder sich mit dem smarten Assistenten zu Hause zu verbinden. Das voll vernetzte Fahrzeug beziehungsweise das sogenannte Connected Car ist nicht zuletzt durch die deutsche Traditionsmarke Opel im Auto-Mittelstand angekommen. Denn 2016 feierte der Autobauer die Einführung seines Onlinedienstes OnStar, über den es den Fahrern vom Adam bis zum Spitzenmodell Insignia möglich wurde, ihr Fahrzeug gegen Aufpreis aus der Ferne durchchecken zu lassen, jederzeit online oder rund um die Uhr mit einem Callcenter verbunden zu sein, welches den Wagen immer auf dem Schirm hat und im Falle eines Unfalls einen Abschleppwagen ruft. Es sollte klar sein, dass es dabei nicht nur um ein Ausstattungsdetail für Technikverliebte geht, sondern um ein Feature für den Massenmarkt. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass bereits 2016 ein zentrales Ergebnis der „Connected C@r 2016“-Studie der Strategieberatung Strategy& und des Centers of Automotive Management (CAM) lautete: „Bei einer jährlichen Zuwachsrate von 24,3 Prozent wird sich das Umsatzvolumen im Bereich der vernetzten Mobilität weltweit von 47,2 Milliarden Euro in 2017 auf 140 Milliarden Euro in 2022 erhöhen und damit innerhalb von fünf Jahren knapp verdreifachen.“

Mit der Digitalisierung des Fahrzeugs eröffnen sich ständig neue Möglichkeiten, die im Auto generierten Daten für öffentliche Dienste und die Wirtschaft nutzbar zu machen. Mobilität weiter zu verbessern, neue Geschäftsmodelle und verbraucherfreundliche Dienste zu entwickeln, steht dabei vor allem im Fokus. Doch die Nutzung von im Auto generierten Daten bietet viele bisher ungenutzte Potenziale: Unfallvermeidung, Energieeffizienzsteigerung oder eine nahtlose Intermodalität sind nur einige Ziele für den Datenaustausch zwischen Fahrzeugen und deren Umgebung. Entscheidende Voraussetzung hierfür ist die Fahrzeugsicherheit als Kernbestandteil der Verkehrssicherheit und Grundlage sicherer Mobilität.

Datensicherheit
Für die deutsche Automobilindustrie in Form des Verbandes der Automobilindustrie e. V. (VDA) und damit dem laut CAM stärksten Innovationsstandort 2016 beim Thema Connected Cars muss die Fahrzeugsicherheit immer im Mittelpunkt stehen – auch und gerade wenn es um die Erhebung und Nutzung von im Fahrzeug generierten Daten geht. Daher müsse man Fahrzeuge vor Hacking und unbefugten Zugriffen bestmöglich schützen. Um diesen Anforderungen nachzukommen, hat der VDA ein Konzept vorgelegt, welches den Zugang zum Fahrzeug und zu im Fahrzeug generierten Daten regelt: „NEVADAShare & Secure“. NEVADA steht hierbei für Neutral Extended Vehicle for Advanced Data Access.

 Dabei beschäftigt sich das Konzept jedoch ausschließlich mit den Schnittstellen, die zur Weitergabe von Daten zwischen dem Fahrzeug und dem Server der Fahrzeughersteller bestimmt sind. Grundsätzlich verfügen moderne Fahrzeuge über verschiedene Schnittstellen, die unterschiedlichen Einsatzzwecken dienen, aber nicht alle sind für die Nutzung durch den Fahrer vorgesehen. Auch Schnittstellen wie beispielsweise zwischen Handy und Fahrzeug oder für die Kommunikation zwischen Fahrzeugen (V2V) sind von dem Konzept nicht beeinflusst. Ebenso bleibt der Zugriff auf Fahrzeugdaten für Reparatur- und Wartungsmaßnahmen über die im Fahrzeug verbaute Diagnoseschnittstelle OBD-2 weiterhin erhalten.

 Bereits heute sind moderne Fahrzeuge über eine gesicherte Schnittstelle mit den Servern des jeweiligen Fahrzeugherstellers verbunden, welche es dem Hersteller ermöglicht, jederzeit Daten abzufragen oder auf das Fahrzeug zuzugreifen, um beispielsweise Updates durchzuführen. Dabei bildet die Verbindung zwischen Fahrzeug und Hersteller ein geschlossenes System. Jeder Hersteller verwendet seine eigene Software, um die Verbindung herzustellen und zu sichern. Für „NEVADA-Share & Secure“ ist sehr wichtig, diese Diversität und den damit verbundenen Wettbewerb innerhalb der Automobilindustrie zu erhalten. Darum erfolgt in dem Konzept der Fernzugriff auf das Fahrzeug weiterhin ausschließlich durch den jeweiligen Fahrzeughersteller. Der Fahrzeughersteller ermöglicht wiederum durch standardisierte Schnittstellen einen Zugriff weiterer Akteure auf die im Fahrzeug generierten Daten über den Server. Das Konzept sieht daneben die Ergänzung dieses Ökosystems durch neutrale Server vor, die ebenfalls über eine standardisierte Schnittstelle verfügen. Sie sollen Daten von den Servern der Fahrzeughersteller abfragen und ebenfalls an wirtschaftliche und gesellschaftliche Akteure weitergeben können. Die neutralen Server seien von Akteuren zu betreiben, die unabhängig von der Automobilindustrie agieren. Durch die Einrichtung der neutralen Server sei sowohl das Abfragen von herstellerübergreifenden Daten über einen einzelnen Anbieter als auch die Nutzung von Daten, ohne dass mögliche Konkurrenten davon Kenntnis erlangen, möglich. Dies gewährleiste einen fairen Wettbewerb rund um Services, die durch im Fahrzeug generierte Daten entstehen, und unterstützte die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Innovationen.

Die Anbindung eines Fahrzeugs an das „NEVADAShare & Secure“-Konzept müsse, die Zustimmung des Fahrzeughalters vorausgesetzt, langfristig gewährleistet sein, um eine stabile Basis für die entwickelten Services zu sichern. Außerdem biete es einen Rahmen für die Sammlung und unverzügliche Übertragung von fahrzeuggenerierten Daten, die ereignisbezogen und zeitlich definiert erhoben und abgerufen werden können. Dabei sieht das Konzept vor, dass ereignisabhängige Datensequenzen oder im Fahrzeug vorhandene Routinen durch den Serviceprovider über den neutralen Server angefordert werden können.

Datenschutz
Durch die eingeschränkten Zugriffsmöglichkeiten auf das Fahrzeug sollen dessen Sicherheitssphäre und die der Fahrer bestmöglich geschützt bleiben. Doch neben dem körperlichen Schutz spielt auch der Datenschutz in unserer Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Darum gewährleiste das Konzept „NEVADA-Share & Secure“, dass der Verbraucher die absolute Hoheit über seine im Fahrzeug generierten Daten hat. Er könne entscheiden, wem welche personenbezogenen Daten zu welchem Zweck und für wie lange nutzbar gemacht werden. Diese Entscheidungen soll er jederzeit widerrufen oder erweitern können. Dadurch muss der Verbraucher nicht befürchten, dass die Verwendung der in seinem Fahrzeug generierten Daten für ihn nachteilig ist.

Ein wesentlicher Aspekt bei der Nutzung von Daten sei aber auch die Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit. Hierfür sollen anonymisierte Daten, die geeignet sind, zur Sicherheit im Straßenverkehr beizutragen, an öffentliche Stellen wie Feuerwehr und Polizei weitergegeben werden. Dadurch könne jedes Fahrzeug einen Beitrag zur Straßenverkehrssicherheit leisten. Des Weiteren soll durch „NEVADA-Share & Secure“ ein fairer Markt für die Schaffung neuer Vorteile ermöglicht werden. Der Verbraucher sei dadurch nicht an einen Hersteller oder Servicedienstleister gebunden, sondern könne selbst wählen, welchen Service er nutzt. Dabei kann es sich um Dienste handeln, die den Fahrkomfort deutlich erhöhen, wie beispielsweise Apps, die sich auf dem im Fahrzeug verbauten Monitor anzeigen und über dessen Steuerung bedienen lassen. Aber auch die Entstehung von Services, deren Anwendungszweck außerhalb der Automobilindustrie liegt, ist durch im Fahrzeug generierte Daten möglich und wahrscheinlich. Um den Datenschutzbedingungen, aber auch den Bedürfnissen der verschiedenen Akteure nachzukommen, werden die im Fahrzeug generierten Daten gemäß dem Konzept in vier Nutzungskategorien zur Verfügung gestellt. Dabei ist es möglich, dass einzelne Daten sich in verschiedenen Kategorien wiederfinden:

• In Kategorie 1 werden verkehrssicherheitsrelevante Daten anonymisiert nutzbar gemacht. Diese Daten werden öffentlichen Diensten zur Verfügung gestellt, sodass Verkehrsleitzentralen, Feuerwehr und Polizei sie für die Optimierung der Verkehrssicherheit einsetzen können.
• Anonymisierte herstellerübergreifende Daten werden in der Kategorie 2 zusammengefasst. Diese Daten bilden den Grundstein für die Entwicklung neuer Services, Geschäftsmodelle und Innovationen sowie die Optimierung des Verkehrs.
• Um den Diebstahl von geistigem Eigentum und patentierten Technologien zu verhindern, werden in der Kategorie 3 anonymisierte herstellerspezifische Daten nutzbar gemacht, die ausschließlich dem jeweiligen Originalteilehersteller zur Verfügung stehen. So soll der faire Wettbewerb unterstützt und zu einer Weiterentwicklung und Verbesserung von Fahrzeugkomponenten beigetragen werden.
• Viele Services, die auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt sind und den Komfort des Verbrauchers erhöhen, benötigen hierfür persönliche Nutzerdaten. Diese werden in der Kategorie 4 nur nach ausdrücklicher Genehmigung des Verbrauchers nutzbar gemacht. Dabei steht der Datenschutz für die deutsche Automobilindustrie an erster Stelle.