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Am 27. Oktober 2017 war es so weit – eine Air-Berlin-Maschine landete um 23:45 Uhr in Berlin-Tegel, es war der letzte Flug der Airline. Der Plan für die Zukunft war weitestgehend abgesteckt. Die Lufthansa war bereit die insolvente Airline zu übernehmen. Doch das Ganze wird zu einem schwierigeren Unterfangen als zunächst angenommen. So prüft die EU-Kommission derzeit Hinweise auf illegale Absprachen bei der Übernahme. In diesem Rahmen muss sich die Lufthansa auch für ihre derzeit teils horrenden Ticketpreise rechtfertigen.

„Falls es Hinweise auf eine mögliche gezielte Aktion zulasten der Kunden gibt, werden wir das herausfinden“, sagte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager der „Bild“-Zeitung im Dezember. Ihre Behörde werde interne Dokumente auch aus vertraulichen Vorstandssitzungen auswerten. „Wir haben von Beginn an die Gefahr gesehen, dass die Preise steigen könnten, deshalb schauen wir da genau hin“, sagte Vestager.

Die Lufthansa gibt indirekt der EU-Kommission die Schuld an den hohen Preisen, da der Übernahmeprozess nur sehr schleppend vorankommt. Der Konzern hat nach eigenen Angaben mit Lufthansa, Austrian und Swiss rund 50 Prozent der Air-Berlin-Kapazität auf den zehn wichtigsten Strecken im deutschsprachigen Raum ausgeglichen. Wegen der kurzen Fristen zwischen Angebot und Flug seien die zusätzlichen Sitze in durchschnittlich höheren Preisklassen verkauft worden. Die jeweiligen Buchungsklassen wären aber unverändert und das System arbeite automatisiert, heißt es.

Diese Argumentation wird insbesondere vom Bundeskartellamt scharf kritisiert. „Solche Algorithmen werden ja nicht im Himmel vom lieben Gott geschrieben“, sagte der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, der Süddeutschen Zeitung. Unternehmen könnten sich „nicht hinter Algorithmen verstecken“. Noch ist offen, ob das Kartellamt hierzu ein Verfahren einleitet. Derzeit prüft die Wettbewerbsbehörde „sehr genau, ob die Preise wirklich so stark gestiegen sind, wie viele sagen“, so Mundt.

easyJet sorgt für Entlastung
Dieser Tage sinken die Ticketpreise aber wieder. Und das hat einen Grund. Easyjet hat für rund 40 Millionen Euro 25 geleaste Flugzeuge sowie Startund Landerechte in Berlin-Tegel von Air Berlin übernommen. Die Übernahme wurde Mitte Dezember von der EU-Kommission ohne Auflagen genehmigt. Damit habe sich die Zahl der easyJet-Maschinen in Berlin verdreifacht, sagte easyJet-Europe- Chef Thomas Haagensen. Berlin sei nun nach London Gatwick die zweitgrößte Basis von easyJet. Die Briten bieten jetzt 19 Verbindungen ab Tegel an – erstmals auch innerhalb Deutschlands. Von der deutschen Hauptstadt aus will die britische Airline Düsseldorf, Frankfurt am Main, Stuttgart und München bis zu achtmal täglich bedienen. Zudem wolle easyJet verstärkt Geschäftsreisende mit Zielen wie Wien, Zürich, Kopenhagen und Stockholm ansprechen, so Haagensen.

Anfang Januar belegte auch eine Untersuchung des Online-Verbraucherforums mydealz, dass sich die Lage am Ticketmarkt wieder normalisiert hat. Im Vergleich zum Oktober seien die Preise im Januar auf 33 von 50 getesteten Mittelstreckenflügen zum Teil deutlich gesunken, auf ein ähnliches Niveau wie zu Air-Berlin-Zeiten. „Der Markteintritt von easyJet und der mit ihm wieder erstarkende Wettbewerb erweisen sich so als Glücksfall für Reisende“, heißt es in der Studie. In den kommenden Monaten könnte sich die Lage auf dem Ticketmarkt sogar noch weiter entspannen. Neben easyJet plant der spanische Billigflieger Vueling vermehrt auf dem deutschen Markt aktiv zu werden. Derzeit ist noch offen, ob die Spanier die Air-Berlin-Tochter Niki übernehmen.

Was passiert mit Niki?
Ursprünglich war vorgesehen, dass Lufthansa im Rahmen der Air-Berlin-Übernahme auch die Tochter Niki unter ihre Fittiche nimmt. Doch Mitte Dezember zog der Konzern sein 200-Millionen-Euro- Angebot zurück, woraufhin Niki den Flugbetrieb umgehend einstellte. In einer Mitteilung spricht Lufthansa von einer „zu erwartenden Restriktion“, sodass die geplante Transaktion ohne den Erwerb von Niki weiterverfolgt wird. So musste Insolvenzverwalter Lucas Flöther vor Jahresende Angebote für Niki einholen. Diese kamen zwar, waren allerdings weitaus weniger üppig als das der Lufthansa.

Den Zuschlag erhielt schließlich die International Airlines Group (kurz: IAG, zu der auch Vueling gehört) für einen Kaufpreis von circa 20 Millionen Euro. Der britisch-spanische Luftfahrtkonzern verpflichtete sich zur Übernahme von rund 750 Niki-Angestellten (in etwa 75 Prozent aller Niki-Mitarbeiter) und war bereit, einen Kredit von 16,5 Millionen Euro für den Weiterbetrieb von Niki zu geben.

Doch Anfang Januar folgte dann einmal mehr eine Wende. Denn das Berliner Landgericht gab einer Beschwerde österreichischer Gläubiger statt. Im Namen dieser hatte das Fluggastrechtportal „Fairplane“ die Verlegung des Insolvenzverfahrens nach Österreich gefordert, denn dort habe Niki seinen Sitz und dort würden auch die Geschäftsbücher geführt. Die Berliner Richter stimmten der Verlegung zu. „Alles, was bisher in Deutschland passiert ist, ist damit nichtig“, sagt Gerhard Weinhofer, Chef des heimischen Gläubigerschutzverbands Creditreform. Folglich ist Berlin nicht für das Insolvenzverfahren zuständig und darf somit nicht über den Verkauf von Niki entscheiden. „Jetzt muss ein österreichisches Insolvenzgericht entscheiden, an wen verkauft wird“, so Weinhofer weiter. Eine neue Insolvenzverwalterin ist bereits gefunden. In einer schriftlichen Begründung erklärten die Richter des zuständigen österreichischen Landesgerichts Korneuburg, dass fortan „allein Rechtsanwältin Dr. Ulla Reisch zur Vertretung der Masse legitimiert“ ist. Und doch steht auch diese Entscheidung noch unter Vorbehalt. Denn Niki hat gegen die Verlegung eine Beschwerde beim Bundesgerichtshof eingereicht.

Letztlich bekam Niki Lauda im erneuten Bieterprozess den Zuschlag für die insolvente Airline. Die Insolvenzverwalter teilten der österreichischen Nachrichtenagentur APA mit, dass „aus einem transparenten Bieterprozess (...) die Laudamotion GmbH als Bestbieter hervorgegangen ist.“ Und weiter: „Es wird von einer kurzfristigen insolvenzrechtlichen Genehmigung der Transaktion in Österreich und in Deutschland ausgegangen.“ Aller Voraussicht nach wird der Name der Airline in diesem Zuge geändert werden. „Das muss jetzt alles unter das Dach von Lauda Motion“, erklärte Lauda.

Für den ehemaligen Rennfahrer ist es eine Rückkehr zu Niki. Lauda hatte die Airline (sie entstammt aus der Aero Lloyd Austria GmbH, deren Muttergesellschaft Aero Lloyd im November 2003 insolvent ging) 2003 übernommen und war 2011 ausgestiegen. Sein Angebot gab der dreimalige Formel-1-Weltmeister alleine ab, er plant aber mit dem Reiseveranstalter Thomas Cook (Condor) zusammenzuarbeiten.

Die Causa Niki scheint damit (vorerst) ein Ende zu finden, allerdings ist die Liste der Verlierer durch die Entscheidung gegen die IAG noch weiter angewachsen. Denn die 16,5 Millionen Euro, die die IAG in die Betriebssicherung bei Niki gesteckt hatte, sind nun wohl auch weg. Zu den weiteren Verlierern zählt die Lufthansa, die für die Aufrechterhaltung des Flugbetriebs von Niki 70 Millionen Euro investierte, um dann schlussendlich doch vom Kauf Abstand zu nehmen. Die EU hatte kartellrechtliche Bedenken. Und auch die deutschen Steuerzahler gehören zu den Verlierern. Sie müssen 75 Millionen Euro abschreiben, da durch die Niki-Pleite die Besicherung des Staatskredits für Air Berlin wertlos geworden ist. Zudem gehört Niki aktuell selbst zu den Verlierern. Denn von der ehemals potenten und flugfähigen Airline, die von der Lufthansa mit rund 200 Millionen Euro bewertet wurde, ist inzwischen nicht mehr viel übrig. Zwar wurde Stillschweigen über die gebotenen Summen vereinbart, allerdings dürfte Niki Lauda schätzungsweise maximal ein Fünftel der ehemals von der Lufthansa gebotenen Summe bezahlen.