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Vor etwa drei Jahren untersuchte der ADAC zusammen mit dem Roten Kreuz in einer europaweiten Umfrage, wie es um die Kenntnisse bei der Ersten Hilfe bestellt ist: Das Ergebnis zeigte, dass sich fast drei Viertel der Autofahrer, die in Deutschland teilgenommen haben, zutrauten, im Ernstfall Erste Hilfe zu leisten, aber oftmals die Kenntnisse in der Praxis nicht ausreichend wären. Ein Grund dafür ist nach Ansicht der Experten von ADAC und des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) unter anderem die Altersstruktur: So lag der letzte Erste-Hilfe-Kurs beim Gros der 18- bis 25-Jährigen maximal fünf Jahre zurück, da es sich dabei doch um relative Führerschein- Neulinge handelt. Rund 43 Prozent der 26- bis 59-Jährigen und zwei Drittel der befragten Autofahrer über 60 haben den Kurs hingegen zuletzt vor mehr als zehn Jahren absolviert. Interessant: Nur bei knapp 62 Prozent war der Führerschein Anlass für die Kursteilnahme. Immerhin gut ein Viertel absolvierte ihn aus beruflichen Gründen und rund 16 Prozent aus Eigeninteresse.

Im Ernstfall muss jeder helfen
„Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ So lautet der Paragraf 323 c des Strafgesetzbuches (StGB) in Deutschland. In anderen europäischen Ländern gibt es ähnliche Gesetze. Das bedeutet grundsätzlich: Wenn Sie bei einem Unfall nicht helfen, können Sie wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden. Es sei denn, es ist sichergestellt, dass sofort Hilfe von anderer Seite einsetzt. Allerdings kann man sich im Fall des Falles nicht damit herausreden, dass andere am Unfallort anwesend waren, die hätten helfen können. Man muss schon selbst darauf achten, dass auch tatsächlich Hilfe geleistet wird. Entweder dadurch, dass man selbst eingreift, oder indem man sich vergewissert, dass ein anderer hilft.

Damit geht auch einher, dass jeder verpflichtet ist, die bestmögliche Hilfe zu leisten, und dies unabhängig davon, ob der Beteiligte den Unfall selbst verschuldet hat. Jedoch kann man nur bestraft werden, wenn die Hilfe zumutbar war. Das heißt, dass zunächst die eigene Sicherheit im Vordergrund steht: Die Autobahn zu überqueren, um auf der anderen Seite eine Unfallstelle abzusichern, ist nicht zumutbar. Wohl aber anzuhalten und einen Notruf zu tätigen. Das ist das Mindeste, was Sie tun müssen. Als wirksame Hilfe gilt allerdings nicht, wenn man lediglich im Vorbeifahren per Handy den Rettungsdienst verständigt. Auch ein geschäftlicher Termin, zu dem man zu spät käme, ist kein Grund, Hilfe zu verweigern.

Ein Hindernis für viele mögliche Ersthelfer ist die Angst, etwas falsch zu machen und dadurch jemanden mehr zu schaden als zu nutzen. Natürlich kann es sein, dass die Erste Hilfe nicht optimal durchgeführt wird, was auch durchaus der Praxis entspricht, wenn man die Ergebnisse der Umfrage des ADAC und des Roten Kreuzes zugrunde legt: Mit 46 Prozent wusste nur knapp die Hälfte der Autofahrer einen Verletzten in der Seitenlage zu stabilisieren, 41 Prozent wussten, was bei Atemstillstand zu tun ist. Nur jeder Fünfte war in der Lage, die lebensrettende Wiederbelebung korrekt durchzuführen. Jedoch muss der Helfer eine Bestrafung nicht fürchten, sofern er nicht vorsätzlich einen Personenschaden anrichtet. Ein Beispiel: Sie legen das Opfer so hin, dass es nicht erstickt. Dabei haben Sie aber nicht überprüft, ob die Wirbelsäule verletzt ist. Es kommt zu einer Querschnittlähmung. Dafür können Sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden, denn: Aus der Todesgefahr durch das drohende Ersticken ergibt sich ein Notstand, der Ihr Handeln ebenso rechtfertigt wie die ausdrückliche oder mutmaßliche Einwilligung des Verletzten.

Die Rettungskette
Als Erstversorger steht man am Anfang einer Kette, deren Glieder nahtlos ineinandergreifen müssen und nicht abreißen dürfen, um die Überlebenschancen des Patienten zu erhöhen. Die als Rettungskette bezeichnete Abfolge von Schritten besteht dabei aus vier Gliedern: lebensrettende Sofortmaßnahmen, Notruf, weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen und Rettungsdienst beziehungsweise Krankenhaus. Grundsätzlich sollten zuerst eine Absicherung und Maßnahmen zum Selbstschutz erfolgen. Das heißt zum Beispiel, dass im Falle eines Verkehrsunfalls die Warnblinkanlage eingeschaltet und in genügend Abstand ein Warndreieck aufgestellt wird. Außerdem sind Schutzhandschuhe ein Muss, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass vom Notfallopfer Krankheiten übertragen werden können. Um effizient Erste Hilfe leisten zu können, sollten die ersten drei Glieder der Rettungskette verinnerlicht werden. Mit Eintreffen des Rettungsdienstes ist die Arbeit des Ersthelfers abgeschlossen.

Als erstes Glied der Rettungskette gelten die Sofortmaßnahmen am Unfallort. Das umfasst zum Beispiel die Absicherung der Unfallstelle, das Retten aus der Gefahrenzone, die Wiederbelebung und Atemspende bei Herz-Kreislauf-Stillstand, das Stillen von blutenden Wunden, die Schockbekämpfung, die Herstellung der stabilen Seitenlage bei Bewusstlosigkeit sowie die Veranlassung eines Notrufes, ohne die Hilfeleistung zu unterbrechen. Die Reihenfolge der Hilfeleistungen richtet sich nach der jeweils vorgefundenen Notfallsituation. Nach einem Verkehrsunfall beispielsweise steht das Absichern der Unfallstelle an erster Stelle, da es in erster Linie auch eine Maßnahme zum Eigenschutz der Ersthelfer ist.

Das zweite Glied der Kette betrifft den Notruf: Voraussetzung für einen schnellen und gezielten Einsatz von Rettungsfahrzeugen und -personal ist ein reibungslos arbeitendes Melde-, Alarm- und Koordinationssystem. Notrufe können zum einen an gebührenfreien Notrufmeldern, zum anderen über mobile oder private Telefone mit der bundeseinheitlichen Notrufnummer 112 abgesetzt werden.

Weil trotz der Schnelligkeit des modernen Rettungsdienstes in vielen Notfällen schwere Schäden oder der Tod nur durch sofortiges sachgerechtes Eingreifen von Passanten (Verkehrsteilnehmern, Arbeitskollegen, Familienangehörigen) verhindert werden können, ist auch das dritte Glied der Rettungskette – die weiteren Sofortmaßnahmen am Unfallort – von enormer Bedeutung. Hierunter fallen Verfahren wie die schnelle Rettung aus dem Gefahrenbereich durch die Anwendung von Rettungsgriffen, die stabile Seitenlagerung bewusstloser Personen, die Überstreckung des Kopfes bei Verdacht auf Atemwegsverletzungen, das Anlegen von Notverbänden sowie die Atemspende, die bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes fortgeführt werden müssen.

Das vierte und letzte Glied der Rettungskette ist der Rettungsdienst sowie die Klinik. Der Rettungsdienst zählt mittlerweile zu einem selbstverständlichen und elementaren Baustein der öffentlichen Daseinsfürsorge. Er umfasst die Notfallrettung und den Krankentransport und ist als solcher eine öffentliche Aufgabe. Ein funktionierender Rettungsdienst erfordert eine lückenlose Versorgung des Notfallpatienten bis zur Aufnahme in eine für die weitere Versorgung geeignete Einrichtung und hat im Rahmen von Krankentransporten die Pflicht, Nichtnotfallpatienten (Kranke, Verletzte oder sonstige Hilfsbedürftige) nötigenfalls Erste Hilfe zu leisten und sie unter fachgerechter Betreuung zu befördern. Der innerklinische Ablauf der Versorgung von Notfallpatienten richtet sich dann nach den Vorinformationen durch den Rettungsdienst und umfasst neben der fachspezifischen Diagnostik auch die Einleitung von erforderlichen Maßnahmen wie beispielsweise Operationen oder einer interdisziplinären Versorgung durch die betroffenen Fachgebiete.

Fazit
Nicht nur weil die Erste Hilfe gesetzlich verankert ist, sondern auch weil man mit geringem Zeitaufwand im wahrsten Sinne Leben retten kann, sollte man sein Wissen alle paar Jahre wieder auffrischen. Dies kann beispielsweise auch innerhalb von Firmenkursen, die unter anderem vom ADAC, dem DRK oder den Maltesern angeboten werden, geschehen. Dabei vermittelt ein Ausbilder auch nicht vorgeschulten Teilnehmern praxisorientiert das Vorgehen in zwei konkreten Notfallsituationen – Verkehrsunfall und Wiederbelebung. Wer sich dennoch bei einem Unfall unsicher ist, was genau zu tun ist, wird mit wenigen Klicks in der App „Erste Hilfe“ des Deutschen Roten Kreuzes interaktiv in einer Notfallsituation begleitet. Die App ist neben iPhone und iPad auch für Android-Smartphones erhältlich.