PDF DOWNLOAD

Der geschichtsinteressierte Autofachmann weiß, dass Fahrzeuge mit Elektroantrieb durchaus keine neue Erfindung sind. Als 1885 Carl Friedrich Benz seine dreirädrige Motorkutsche vorstellte, gab es in Paris schon seit einigen Jahren verschiedenartige elektrisch betriebene Fahrzeuge. In dieser Zeit waren die Elektroautos den Autos mit Verbrennungsmotoren noch überlegen, da ihr Wirkungsgrad höher war. Allerdings konnte sich die Technik trotzdem nicht gegenüber den herkömmlichen Antrieben durchsetzen. In den letzten Jahren haben sich die Rahmenbedingungen allerdings drastisch verändert: Die Folgen des Klimawandels werden für uns Menschen immer spürbarer, die Umweltrichtlinien sind dabei, Stück für Stück verschärft zu werden und der sogenannte Peak Oil (verbleibende Menge an Ölreserven versus steigende Nachfrage) scheint mittlerweile überschritten zu sein. So kommt es, dass Elektrofahrzeuge plötzlich wieder angesagt sind und ein Automobilhersteller nach dem anderen sein Stromer-Modell der Weltöffentlichkeit vorstellt. Doch damit alleine sind die Probleme noch lange nicht vom Tisch, denn bisher kommen die meisten strombetriebenen Fahrzeuge nicht einmal über eine Reichweite von 100 Kilometer pro Aufladung.

Wann sind praxistaugliche Elektroautos mit ausreichend Reichweite möglich? Welche Zielsetzungen sind realistisch und welche Kernprobleme gilt es für die Zukunft zu lösen? Fragen dieser Art standen im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen auf der ersten Fachkonferenz des VDI Wissensforum zur Elektromobilität, an der über 150 Experten an zwei Tagen teilnahmen.

Viele Automobilhersteller haben in den letzten Jahren damit begonnen in Pilotprojekten mit den Stromerzeugern herauszufinden, welche speziellen Anforderungen vom Kunden an EFahrzeuge gestellt werden. Mitte 2009 haben unter anderem die BMW Group und Vattenfall Europe ein gemeinsames Projekt zur Einführung des emissionsfreien Autofahrens einschließlich erforderlicher Ladeinfrastruktur in Berlin gestartet. 50 Berlinerinnen und Berliner testeten seitdem die Alltagstauglichkeit der strombetriebenen MINIs und der Infrastruktur. Dazu wurden wissenschaftliche Daten gesammelt und ausgewertet. „Das Nutzungsverhalten mit dem MINI E unterscheidet sich nur marginal vom Verhalten vergleichbarer MINI Cooper und BMW 116i Benziner“, attestiert Glenn Schmidt von der BMW Group. „Im Vorfeld wurden zwar Einschränkungen bezüglich Reichweite und Ladezeiten erwartet. Im tatsächlichen Versuch sind sie aber nur in wenigen Anwendungsfällen als solche empfunden worden. Aus den erfassten Daten lässt sich insgesamt ableiten, dass ein sogenanntes Megacity Vehicle mit etwas größerer Reichweite und mit einem erweiterten Platzangebot die Mobilitätsbedürfnisse von Großstädtern nahezu zu 100 Prozent abdeckt.“

Die maximale Reichweite ist also einer der entscheidenden Schlüssel zur erfolgreichen Verbreitung von E-Autos. Dabei möchte der Kunde nicht auf gewohnte Standards verzichten, wie Audi festgestellt hat. „Mit zunehmendem Grad der Elektrifizierung gewinnt das Energiemanagement, also die Steuerung der Verbraucher im Fahrzeug, an Bedeutung“, erklärte Dr. Christian Allmann, Audi Electronics Venture GmbH. „Der zusätzliche Energiebedarf von Nebenverbrauchern und -aggregaten, wie beispielsweise Heizung, Klimaanlage und Licht, beeinflusst wesentlich die Reichweite und somit Alltagstauglichkeit von elektrischen Fahrzeugen.“

Auch bei Daimler wurde die Bedeutung der Reichweite und somit der Batterieleistung erkannt, so dass vor einigen Jahren schon ein Joint Venture mit dem Energieversorger Evonik eingegangen wurde, um die Entwicklung und Herstellung von Batteriezellen und -systemen vorantreiben. „Ziel der Allianz ist der Aufbau von Kernkompetenzen für Lithium-Ionen-Batterien, die als einer der Schlüsseltechnologien für emissionsfreies Fahren gesehen wird“, so Dr. Volker Störkmann, Daimler AG. „Nur mit einem ganzheitlichen Ansatz für Fahrzeug, Batterie und Infrastruktur wird es gelingen, das elektrische Fahren als vollwertige Mobilitätsalternative für unsere Kunden zu etablieren“.
Der VW-Konzern, der sich zum Thema elektrische Antriebe bislang eher zurückhaltend geäußert hatte, legte in den letzten Monaten nun auch konkrete Pläne zur Etablierung der Elektromobilität vor. Zunächst ist dieses Jahr eine Hybrid-Variante des Touareg erschienen, 2013 soll dann der VW E-Up in Serie gehen und wenige Monate später der E-Golf. „Erneuerbare Energien besitzen das Potenzial, zukünftig den Energiebedarf für nachhaltige Mobilität bereitzustellen“, sagt Dr.-Ing. Markus Henke von der Volkswagen AG. „Der größte Teil erneuerbarer Energien liegt primär in Form von Strom vor. Dabei bestimmt die Batterie den Grad der Elektrifizierung und damit die Nutzung von regenerativ erzeugtem Strom für die Mobilität. Jedoch werden unserer Meinung nach noch über lange Zeit verschiedene Antriebskonzepte parallel Verwendung finden, wie E-Fahrzeuge, Plug- In und konventionell angetriebene Fahrzeuge mit leichter Hybridisierung.“

Am Ende der zweitägigen Veranstaltung war die Stimmung aller Anwesenden geprägt von einer Mischung aus Hoffnung und Ernüchterung. „Die ambitionierten Ziele der Bundesregierung und aller Beteiligten sind nur mit einer gezielten Forschungsförderung zu erreichen“, schlussfolgerte Tagungsleiter Professor Karl Noreikat. „Die Elektromobilität kann aber in Zukunft einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz leisten. Um dies zu erreichen müssen vor allem die momentanen Batterieleistungen erhöht werden, damit dem Fahrer eine ausreichende Reichweite zur Verfügung steht. Die hierzu notwendige Steigerung der Leistungsfähigkeit der Speichertechnologie muss deshalb durch gezielte Forschungsförderung unterstützt werden und ist nach Meinung der meisten Experten kaum vor 2020 zu erwarten“, so Professor Karl Noreikat weiter. „Bis dahin werden voll elektrisch betriebene Fahrzeuge vor allem nur im Kurzstrecken- beziehungsweise Mittelstreckenbereich einen Verwendungszweck finden. Hybrid-Fahrzeuge könnten jedoch dabei helfen, den Übergang von herkömmlichen hin zu elektrischen Antrieben zu erleichtern.“