Im Temporausch

In unserer Zeit scheint mehr als je zuvor die Geschwindigkeit das zentrale Kriterium aller Prozesse zu sein. Ob die Beschaffung von Gegenständen oder Wissen, das Erzielen von Ergebnissen oder Gewinnen, aber auch einfach die Bewegung von A nach B – alles wird tempomäßig optimiert. Dabei entsteht schnell der Eindruck des Sich-selbst-Überholens. Vergleichbar ist dies in der Comic-Welt mit Lucky Luke, der angeblich schneller (den Colt) zieht als sein Schatten.

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Das ist tatsächlich schon sehr schnell, denn die höchste mögliche Geschwindigkeit (zur Informationsübermittlung) ist die des Lichts mit 299.792.458 Metern pro Sekunde (was mehr als einer Milliarde Kilometer pro Stunde entspricht). Auf die Erde bezogen bedeutet das beispielsweise, dass das Licht sie in nur einer Sekunde siebeneinhalb Mal umrunden kann. Und ihm wird dabei nicht mal schwindelig!

Schwindelig wird einem aber bei der Vorstellung, dass das Licht selbst eigentlich keine Zeit kennt, die vergeht. Man sagt genauer, die Eigenzeit sei null. Damit ist die Messung einer mitfliegenden Uhr gemeint, die aber nicht mitfliegen kann, da sie keine Masse haben darf. Klingt ziemlich paradox, hängt aber (mal wieder) an Einsteins Vermächtnis in Bezug auf unsere Vorstellung von Raum und Zeit.

Lax formuliert bedeutet dies auch, dass das Licht Milliarden Jahre im All herumreisen kann, ohne einen einzigen Moment zu erleben. Überträgt man das auf die Politik der Bundesregierung, so ergeben sich erstaunliche Analogien. Hochrangige Mitglieder im Kabinett sehen sich selbst ja häufig auch schon als „Lichtgestalten“. Und so liegt der Gedanke wohl nahe, man könne „lichtartig“ Milliarden Euro ausgeben und am Ende dabei aber null Schulden machen.

Was allerdings das Tempo bei Reformen und Beschlüssen angeht, bewegt sich die Regierung eher im untersten Geschwindigkeitssegment, wobei auch der Verdacht aufkommt, im Halteverbot zu stehen. Auf der Straße gibt es ja eigentlich kein Mindesttempo, außer dass man auf Autobahnen zumindest potenziell die Möglichkeit hat, mindestens 60 km/h zu fahren. Allerdings wird im Kabinett immer wieder von „rauchenden“ Köpfen berichtet, was aber eher auf eine hohe Drehzahl ohne eingelegten Gang schließen lässt. Von der Stelle bewegt man sich dabei aber eben nicht.

Übrigens ist es lediglich ein Mythos, dass der Mensch die meiste Wärme über den Kopf verliert. Dieser Irrtum ist einem Eintrag in einem Handbuch der US-Army aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschuldet. Denn wenn der ganze Körper bis auf den Kopf „eingepackt“ ist, bleibt ja eben nur dieser als Ventil für den Wärmeverlust übrig. Bei einem nackten Körper zählt lediglich der Anteil an der Hautoberfläche. Allerdings ist der Kopf gut durchblutet und verfügt über viele Nervenenden, was die Kälteempfindung verstärkt. Darum ist gerade im Winter eine Kopfbedeckung durchaus sinnvoll.

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Die gemeine Menschheit plagen ganz andere Geschwindigkeiten. Die Datenübermittlung ist mittlerweile lebenswichtig geworden. Wenn man mal bedenkt, wie das alles seinerzeit mit reitenden Boten angefangen hat!

Einzelne Pferde schaffen im Wanderritt bis zu 40 Kilometer am Tag, unter besonders geeigneten Bedingungen bis 50 oder sogar 60 Kilometer. Um die Distanz zu steigern, wurde ein Relaissystem installiert, bei dem an den Stationen, eben Relais genannt, Pferdewechsel vorgenommen werden konnten. Damit schaffte ein Bote über 100 Kilometer am Tag, in der Ebene sogar bis zu 200 und bei häufigem Pferdewechsel sogar bis zu 300. Bei den Mongolen sollen an die 375 Kilometer durch Staffetten erreicht worden sein.

Natürlich gab es auch seit dem beginnenden 15. Jahrhundert Pferdekutschen, sogar gefedert und geschlossen mit Dach, bei Reisegeschwindigkeiten bis zu 12 km/h. Die Antike kannte ja sowieso auch schon pferdegezogene Wagen mit Federung; die Technologie dazu geriet bis zur „Wiedererfindung“ in Ungarn im 14. Jahrhundert in Vergessenheit. Daher leitet sich das Wort „Kutsche“ aus dem ungarischen Ortsnamen „Kocs“ ab. Aber gerade die Kocsi („aus Kocs“) waren leicht und ungefedert mit Korbgeflecht. Trotzdem setzte sich der Begriff europaweit durch.

Denkt man allerdings an die transportierte Datenmenge in Form von versiegelten Briefen und Urkunden, so mutet das doch sehr urtümlich an. Aber auch schon in der Antike, in Ägypten oder bei den Römern, wurden Brieftauben als Frühform der Luftpost eingesetzt. Interessanterweise spielten Brieftauben gerade im 1. und 2. Weltkrieg eine bedeutende Rolle. Fast ist man geneigt, den Bogen hin zu Drohnen zu spannen, die als kleine Flugobjekte wiederum eine entscheidende Rolle in der heutigen Kriegsführung spielen, allerdings aus ganz anderen Gründen.

Heutige Datenmengen muten da schon etwas anders an. Distanzen spielen hier praktisch keine Rolle mehr, außer dass das Risiko eines Ausfalls mit der Entfernung steigt. Die Rechenzentren nutzen heute zunehmend Verbindungen mit 800 Gigabit pro Sekunde über acht Fasern, die nächste Generation mit 1,6 Terabit über 16 Fasern steht vor der Tür. Die Künstliche Intelligenz lebt eben von großen Datenmengen und will gefälligst gefüttert werden. Sonst wird sie wohlmöglich ihr wahres Gesicht zeigen ...

Für die reine Fortbewegung sind wir Menschen eigentlich nicht gut geeignet, da gibt es im Tierreich in jeder Disziplin weit bessere Spezies. Selbst Usain Bolt schafft es in der absoluten Spitze nur auf knapp 45 km/h. Da bekommt der Gepard als schnellstes Landtier geradezu einen Lachanfall und sprintet mit 120 km/h davon. Selbst ein Hase zeigt ihm die lange Nase mit fast 80 km/h, und sogar Bären würden bei ungefähr 50 km/h nur sieben Sekunden für 100 Meter brauchen.

Über Fliegen brauchen wir eigentlich nicht zu reden, allenfalls staunend zur Kenntnis nehmen, dass ein Wanderfalke im Sturzflug über 350 km/h erreicht. Im Wasser sieht unsere Bilanz ähnlich schlecht aus, mit bis zu 8 km/h, wenn der weiße Hai mit knapp 50 km/h daher kommt. Der Hit im Wasser ist aber der Schwarze Merlin mit 130 km/h bei der Jagd und übertrifft damit sogar den Geparden. Interessant ist die Feststellung, dass die Maximalgeschwindigkeit nicht direkt mit der Größe korreliert, denn dann wären ja die Dinosaurier die schnellsten gewesen. Ein ausgewachsener Tyrannosaurus Rex schleppte sich mit unter 30 km/h daher.

Aber der Mensch ist ja schlau und hat sich im Laufe der Zeit die Technik zunutze gemacht, um doch noch schneller voran zu kommen. Das Fahrrad war dazu ein erster Schritt (!). Allerdings war sowohl für Kutschen als auch für Fahrräder eine entsprechende Infrastruktur notwendig. Diese Erkenntnis ist ja gerade heute überall ein Thema (auch wenn die Zweiräder heute durchweg gefedert sind).

Und mit dem Automobil bekam der Mensch förmlich Flügel, allerdings ohne damit abheben zu können. Diese Kraftentfaltung durch das fast aufwandslose Heruntertreten eines Pedals hat Möglichkeiten eröffnet, die die Biologie so nicht vorgesehen hatte. Und das merkt man auch täglich auf den Straßen unserer Republik.

Um aber auf höhere Geschwindigkeiten zu kommen, muss man erst einmal beschleunigen. Dabei und auch bei Kurvenfahrten (oder auch Sturzflügen) erlebt man schnell die sogenannten G-Kräfte, benannt nach der (einfachen) Erdbeschleunigung g von 9,81 m/s2. Eine Kraft von 2g dagegen macht mich einfach doppelt so schwer, wie ich eigentlich bin. Realisieren lässt sich das durch eine enge Kurvenfahrt mit Tempo 200 oder auch bei Achterbahnfahrten. Viele Menschen schaffen das aber auch auf ganz andere, unspektakulärere Weise, beispielsweise durch eine Beschleunigung der Nahrungsaufnahme.

Der Effekt ist jedenfalls, dass sich alles schwerer anfühlt und das Blut in die unteren Körperpartien gedrückt wird. Als gesunder Mensch kann man das selbst über einen längeren Zeitraum gut ertragen. Gerade beim Fliegen oder in der Raumfahrt kann es aber noch deutlich schwerer zugehen. Dann schafft das Herz kaum noch, das Gehirn mit genügend Blut zu versorgen. Ab 4g beginnt der Tunnelblick, ab 5g gibt es kein Farbsehen mehr, und danach bleibt nur noch die Bewusstlosigkeit.

Der umgekehrte Fall tritt bei starkem Bremsen auf, wenn das Blut in den Kopf gedrückt wird und das Gehirn in seiner Flüssigkeit hin und her geschleudert wird (was zu einer Gehirnerschütterung führen kann). Insbesondere wird man dabei nicht leichter, wie man leichtfertig annehmen könnte, als Umkehrung zur Beschleunigung! Anscheinend hält sich auch hartnäckig der Mythos, bei einem solchen Vorgang könnten die Augen aus den Höhlen treten, was medizinisch aber nicht zu belegen ist. Im Übrigen sind Piloten und Astronauten in der Lage, durch spezielle Anzüge und Atemtechniken („Pressatmung“) sogar Kräfte bis 9g auszuhalten.

Der psychologische Effekt von Geschwindigkeit ist eher komplex. Da ist dann schnell von „Sensation Seeking“ die Rede, also der Lust auf spannende neue Eindrücke. Damit einher geht dann allerdings auch ein erhöhtes Risiko, insbesondere physisch und gegebenenfalls auch sozial. Es gibt auch Ansätze, die überhöhte Geschwindigkeit mit der Verdrängung oder Bewältigung von persönlichen Problemen in Verbindung bringen; man fährt diesen sozusagen davon. Die Raserei ist auch eher eine Männerdomäne, und es scheint bei einem Blick auf die Straßen die Meinung vorzuherrschen, dass das Risiko einer Ahndung vergleichsweise gering ist.

Dabei ist interessant zu bemerken, dass schnelles Fahren selbst schon zu einer Art Tunnelblick führt und Gefahren am Rande nur noch peripher wahrgenommen werden. Zudem werden Distanzen und Geschwindigkeiten anderer Verkehrsteilnehmer unterschätzt. Problematisch ist auch die sogenannte Sakkaden-Kompensation. Sakkaden sind sehr schnelle Augenbewegungen (circa 15 – 100 Millisekunden lang), während derer das Gehirn die visuelle Wahrnehmung ausblendet, um Unschärfen zu vermeiden. Das führt aber letztendlich zu einem kurzzeitigen Blindflug. Es bleibt dabei einfach das letzte scharfe Bild stehen. Dem begegnen kann man nur mit ruhigeren Kopfbewegungen und gezielten statt unkontrollierten Blickwechseln.

Zunehmend gefährlich sind mittlerweile die E-Bikes/Pedelecs, bei denen auch die eigenen Fähigkeiten in Bezug auf Reaktionen häufig komplett überschätzt werden. Da wird dann die mögliche Geschwindigkeit gefahren, nicht die an die Person und die Umgebung angepasste. Vielleicht kann gerade hier in der Zukunft eine begleitende KI für Abhilfe sorgen und Situationen, speziell mit Fußgängern, entschärfen. Ähnliches gilt auf jeden Fall auch für E-Scooter.

Von anderer Qualität sind Autorennen, bei denen rivalisierende Verhaltensweisen mit Adrenalinkick, Geschwindigkeitsrausch und Imponiergehabe einen toxischen Mix ergeben. Dabei findet ein fast komplettes Ausblenden des Umfelds statt, mit den allzu bekannten Folgen. Hier ist das Auto nur das Werkzeug zur Auseinandersetzung, und man muss kein umfangreiches Theoriegebäude bemühen, um das zu verstehen.

In gewisser Hinsicht sind wir also für das Autofahren gar nicht wirklich geeignet. Bei schnellem Fahren steigen auch beim Beifahrer der Puls und der Blutdruck stärker als beim Fahrer. Die ständige Angst und das Ausgeliefertsein fordern hier ihren Tribut. Wie das bei automatisierten und autonomen Fahrzeugen einmal sein wird, bleibt abzuwarten, sind wir dann doch alle nur noch Beifahrer.

Aber es gibt auch noch einen anderen Rausch, nämlich den im Stau. Hier hat man genügend Zeit, die Umgebung zu scannen, ruhige Augenbewegungen geschehen zu lassen, dem Rauschen der Blätter zu lauschen, und das Blut gerät nur in Wallung, falls sich wieder einmal einer vorne hereindrängt (mal abgesehen von dem verpassten Termin!). Eigentlich ein wunderbarer, entspannter Zustand, man könnte ihn schlicht „Stausch“ nennen. Aber leider geht es dann ja doch irgendwann wieder weiter, und die Geschwindigkeit (oder der Hintermann) flüstert (hupt) den Lockruf ins Ohr: „Gib endlich Gas!“.

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er an die Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf.

Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.

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