Ab-Lenkung gefällig?!
Im Grunde gibt es doch nichts Schöneres, als über die Zukunft zu spekulieren. Nicht, dass einen später die irgendwann mal angestellten Spekulationen noch interessieren würden. Schnee von gestern, obwohl angesichts unserer aktuellen Wetterlage wohl eher von vorgestern.

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Die automobile Großwetterlage scheint aber dennoch vor einem anhaltenden Tief zu stehen. So überschrieb die Welt am Sonntag in der Ausgabe vom 12. Januar 2014 sogar ihr Titelthema mit „Alte Eisen“ und wies damit auf eine Art Endzeitstimmung mit Blick auf unsere vierrädrigen Gefährten hin. Begleitet von vielen netten Fotos leicht angerosteter Miniaturausgaben. Die Menschen wenden sich vom Auto ab, jedenfalls privat. Die Autoindustrie ist alarmiert. Diese Entwicklung sollte man nicht auf die leichte Schulter (die linke oder die rechte?) nehmen. Die Jugend tickt und klickt vor allem ganz anders.
Was habe ich mich damals über meinen Käfer gefreut. Das war Freiheit pur, einfach nur fahren, egal warum und wohin. Heute wird genau abgewogen: Muss das denn sein? In einer Gesellschaft des „Abwägens“ ist jede Handlung diskussionswürdig. Dabei ist nicht mal die Pkw-Maut von zentralem Interesse, aufgebauscht und hochgespielt. Wieso denkt der deutsche Autofahrer mehr über eine Pkw-Maut nach (entspricht einer guten Tankfüllung) als über den aktuellen Zustand der Infrastruktur
Da helfen auch alle Apps nichts (welchen Geschlechts auch immer: Zugelassen ist laut Duden übrigens „die“ und „das“, eher selten auch „der“; ist nebenbei bemerkt wohl nicht, wie häufig vermutet, von Apple abgeleitet!). Eine Autobahnbrücke kann man sich damit nämlich nicht „downloaden“. Die muss einfach da sein. Auch wenn das Navi zuweilen anderer Meinung ist. Die ganze Umfahrerei hat eh ihre Grenzen, an die wir langsam (im wahrsten Sinne des Wortes!) stoßen. Den Geheimtipp gibt es eigentlich sowieso nicht mehr.
Derweil verbreiten sich dramatische Meldungen nicht nur im Netz: Der „Gelbe Engel“ des ADAC ist nicht nur gefallen, er ist förmlich abgestürzt. Der größte deutsche „Verein“ mit rund 19 Millionen Mitgliedern hat endlich seinen Skandal. Bei der Wahl zum „Lieblingsauto“ des Jahres durch die Leser wurde ein „bisschen“ von Kommunikationschef Ramstetter manipuliert. Ein Faktor „zehn“ bei der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen ist ja eigentlich nicht der Rede wert. Für den Sieger-Golf soll das keine Konsequenzen gehabt haben, da der kleine Zusatzfaktor auf die Stimmenzahl aller Fahrzeuge gleichmäßig angewendet wurde.
Was mich in der Folge dann immer so fasziniert, sind die Verschwörungstheorien, darein scheinen die Menschen ihre größten Fantasiereserven zu investieren. Und, seien wir mal ehrlich, sie amüsieren doch oft deutlich mehr als die Geschichten an sich. Datenskandale haben heute eben Kultur. Wer nicht abgehört wird oder ein paar Zahlen fälscht, ist nicht mehr in oder besser „on“. Und der ADAC ringt natürlich dringend um junge Mitglieder, die aber mehr Lust auf „Facebook“ und „Twitter“ haben als auf tanken und Auto waschen. Interessant ist ja die Frage, wie hoch das Durchschnittsalter bei den 19 Millionen Mitgliedern eigentlich ist (oder sind es am Ende doch auch nur 1,9 Millionen …). Gerade Herr Ramstetter peilte ja schon die 20-Millionen- Marke an.

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Auch andere, sich teilweise widersprechende Meldungen über kurz- und mittelfristige Entwicklungen auf der Straße beunruhigen die Beteiligten noch mehr. Auch dabei mischt der ADAC an vorderster Front mit. Alljährlich gibt es nämlich nicht nur „Gelbe Engel“, sondern auch die „Wasserstandsmeldungen“ mit Blick auf die Staubilanz im Lande. So werden für 2013 sage und schreibe 415.000 Staus mit einer Gesamtlänge von 830.000 Kilometern gemeldet. Schaut man sich die beiden Zahlen mal in Relation an, so stellt man erstaunt fest, dass haargenau ein Faktor „zwei“ (diesmal nicht „zehn“) dazwischen steht. Jeder Stau schlägt im Mittel also mit zwei Kilometern zu Buche. Zufall oder nicht, im Jahr 2012 zuvor sollen es noch 285.000 Staus mit 595.000 Kilometer Länge gewesen sein. Da waren die einzelnen Staus offenbar noch länger. Die kürzeren fielen wohl durchs Raster.
Diese Meldungen zeigen auf erschreckende Weise Sinn und Unsinn solcher Zahlenspielerei. Denn man wollte ja eigentlich mit den Zahlen den unbedingten Ausbaubedarf bei der Infrastruktur belegen. Doch dann war man anscheinend selbst über das Ergebnis so erschrocken, dass direkt wieder zurückgerudert wurde: Der Grund für die drastische Zunahme sei „auch“ auf die verbesserte Datenerfassung in Bezug auf Staus, insbesondere durch Fahrzeugflotten, zurückzuführen. Und was sagt uns das jetzt? Einfach weniger Daten erfassen, dann verschwinden auch die Staus wieder? Ganz böse Zungen behaupten sogar, auch hier könnten übereifrige „Nullen“ am Ende tätig gewesen sein ...
Andere aktuelle Meldungen beunruhigen nicht ganz so, verwundern aber zumindest ordentlich. So meldet Royal Dutch Shell für 2013 einen Gewinneinbruch von strammen 40 %, im vierten Quartal sogar von 70 %! Auf die Frage nach dem Grund wird auf hausgemachte Probleme verwiesen (wie immer, wenn man nichts Genaues weiß). Aber halt, gibt es da nicht den einen Cent Preisnachlass pro Liter für ADAC-Mitglieder? Bei 19 Millionen an der Zahl, die täglich tanken, käme da schon einiges zusammen. Am Hungertuch wird Shell bei einem Gewinn von immerhin „noch“ 16,4 Milliarden Dollar aber dennoch nicht nagen müssen.
Der Fahrer von heute ist ja nicht nur wegen der Staus und der maroden Infrastruktur gestresst. Immer mehr kleine Helferlein im Fahrzeug fordern seine Aufmerksamkeit. Sie wollen ihm auf Gedeih und Verderb das Leben, sorry das Fahren, angenehmer gestalten. Immer mehr Funktionen eignen sie sich an. Der Sensorik scheinen dabei keine Grenzen gesetzt. Doch der menschlichen Sensorik dagegen durchaus. Die ständige optische wie akustische Berieselung führt eher zur Senkung der Aufmerksamkeit als umgekehrt. Zumal der Fahrer ja erst mal die Zeichen zu deuten verstehen muss.
Glaubt man aber aktuellen Untersuchungsergebnissen (von wem wohl? Na klar: ADAC, allerdings auch der Allianz), ist die größte Gefahr für den Fahrer und seine Aufmerksamkeit eine ganz andere: nämlich der Beifahrer. Streit und intensive Gespräche lenken am stärksten ab. Dabei wird dann nicht selten der Kopf emotionalisiert zur Seite gedreht und ein kurzer Blindflug setzt ein. Bei 100 km/h sind dies pro Sekunde rund 28 Meter! Da übersieht man auch schon mal die eine oder andere Geschwindigkeitsbeschränkung. Da mittlerweile auch an verkehrlich unauffälligen Stellen ohne besondere Unfallgefahr geblitzt werden darf (dem „Blitzermarathon“ sei Dank!), ist dies ein besonders misslicher Umstand.
Die Liste der „natürlichen“ Ablenkungen lässt sich im Prinzip beliebig erweitern. Ob es sich dabei um essen und trinken, die Einstellung von Sitz oder Rückspiegel, das Bücken nach Gegenständen (ganz schlimm: brennende Zigarette, fällt wohin auch immer …) oder die Körperpflege inklusive Kleidung richten handelt, die Ab-Lenkung ist immer da.
Das sind aber nur die „Klassiker“. Zu denen gesellen sich in unserer Zeit eine ganze Reihe zeitraubender Nebenbeschäftigungen. Deren Aufwand bewegt sich durchwegs im Bereich von mehreren Sekunden. Die Tätigkeiten kennt jeder: die Bedienung des Fahrlichtes, der Klimaanlage, der Heckscheibenheizung, der Nebelschlussleuchte ... Einsamer Spitzenreiter ist hier das Suchen einer Radiofrequenz mit über 15 Sekunden, das wären bei Tempo 100 über 400 Meter mit, sagen wir mal, geteilter Aufmerksamkeit. Aber selbst beim Radiohören sind Teile meines Gehirns im Wellensalat der Sender unterwegs und lassen sich nur ungern zurücklenken.
Man kann nun natürlich über die genaue Größenordnung der ermittelten Werte diskutieren. An der Grundproblematik ändert das jedoch nichts. Zumal die Gesamtsituation eher noch komplizierter wird, da neue Medien hinzukommen. Damit sind noch nicht einmal Navigationsgeräte gemeint, sie gehören ja mittlerweile zum festen Bestandteil des Fahrzeuges. Sie sind nach den erwähnten „Gesprächen“ übrigens die zweitschlimmsten Ablenker. Während der Fahrt wird mal kurz umgeplant, die Ansicht geändert oder einfach nur draufgeschaut. Wie von magischen Kräften wird die Fingerkuppe vom Display immer wieder angezogen.
Mit den ganzen Phones nimmt die Verlockung zum „Multitasking“ nochmals kräftig zu. Eigentlich verboten, werden reihenweise SMS gelesen und verschickt, wobei lesen deutlich aufwendiger zu sein scheint als schreiben, das können die meisten mittlerweile fast blind. Auf der anderen Seite will das moderne Auto mir ja helfen und Dinge selber machen. Jede Menge Assistenten zum Spurhalten und -wechseln, Bremsen, Abstandhalten oder Einparken treten mittlerweile an. Aber das Problem dabei ist, dass die Verantwortlichkeit immer (noch) beim Fahrer ist. Und genau da entsteht die innere Zerrissenheit vieler Fahrzeuglenker.
Das Ergebnis spricht für sich. Jeder achte Unfall in Deutschland wird der Unaufmerksamkeit des Fahrers zugeschrieben, in der Schweiz jeder dritte. Der deutsche Wert ist wohl als untere Grenze anzusehen, real wird der Wert deutlich höher liegen. Es geht ein wenig das Gefühl für das Angemessene verloren, was erlaubt ist, wird auch ausgeschöpft.
Fünfzehn Mal mehr Unfälle passieren unterhalb des erlaubten Limits durch nicht angepasste Geschwindigkeit. Der Blitzermarathon bringt die Menschen nicht dazu, angepasster zu fahren, sondern nicht schneller als erlaubt. Das ist auch nicht ungefährlich, da dann ständig auf den Tacho geschaut wird. Viele fahren deutlich langsamer, um sich das zu ersparen. Als Folge wurden sogar „Gehorsamkeitsstaus“ gemeldet.
Doch die Zukunft wird noch ganz anders aussehen. Das Schlüsselwort heißt „Vernetzung“. Ständig stehen die Fahrzeuge in Kontakt zu irgendwas anderem. Das können andere Fahrzeuge sein oder einfach die „Stadt“. Da ist dann von „digitalen Erlebnisräumen“ die Rede. Ein weiter Weg ist das bis dorthin. Aber im Jahre 2050 sollen 70 Prozent der Menschen in Städten leben. Da müssen wir uns etwas mehr einfallen lassen als die Kommunikation mit der nächsten Ampel.
Vielleicht ist da auch, wie so oft, ein Blick in die Natur ganz nützlich. Wo wir uns mit Sensorik und Apps künstlich weiterhelfen, haben Tiere Fähigkeiten erlangt, die deutlich über unsere hinausgehen. Denn die sind nicht vernetzt wie wir.
Dazu nur ein Beispiel. Kollegen meiner Uni haben kürzlich eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: Hunde orientieren sich beim Erledigen ihrer „Geschäfte“ entlang der Erdmagnetfeldlinien. Abfällig titelte dann die Süddeutsche: „Hunde pinkeln Richtung Nordpol“. Ich habe mir sofort eine Kompass-App heruntergeladen und unseren Hund „Benny“ einer strengen Prüfung unterzogen. Die Anzahl der „guten“ Ergebnisse habe ich dann einfach mal mit zehn multipliziert und siehe da, plötzlich stimmte alles wunderbar. Einen „Gelben Engel“ hat er dafür dann allerdings nicht bekommen. Und fliegen kann er auch nicht …
So sollten wir Augen und Ohren offenhalten. Vielleicht entwickeln die Autos ja irgendwann auch ganz von selbst Eigenschaften, über die wir uns dann wundern können. Heute schon verschwinden sie ja manchmal ganz von selbst. Und da soll noch mal einer sagen, sie hätten keinen eigenen Willen. Und am Ende wird Auto fahren zur schönsten Nebensache der Welt. Endlich.
Autor
Professor Dr. Michael Schreckenberg, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf.
Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Online-Verkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.

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