Stress abschalten: Etliche Unternehmen unterdrücken bereits den Mail-Zugang von abends bis frühmorgens für die Mitarbeiter, damit diese wirklich abschalten können
Auch Reisezeit ist Arbeitszeit – daher sollte diese nicht nur unter Kostengesichtspunkten optimiert werden
Tipp: Testen Sie gesunde Veränderungen erst einmal im Kleinen.
Regine U. Rossel

Gesund sein!

Gesund sein ist ein provozierendes Führungsthema für Chefs aller Ebenen und deren Mitarbeiter. Denn im Firmenalltag wird üblicherweise nur auf Leistung, auf den Output geschaut.

Wütend wirft Gerd Müller den Hörer auf den Schreibtisch. Er verantwortet seit fünf Jahren einen Fuhrpark von 250 Fahrzeugen. Wieder hat sich ein Dienstwagenfahrer bei ihm beschwert, der aufgrund der neuen Car Policy eine niedrigere Fahrzeugklasse fahren soll. Zwei andere Dienstwagenfahrer stehen schon vor ihm und sein Chef, der in letzter Zeit auch ziemlich genervt erschien, hat schon mehrmals ungeduldig den Kopf zur Tür hereingestreckt. In zwei Stunden soll Gerd Müller bei der Tanzaufführung seiner Tochter sein, vorher noch den Sohn zum Fußballspiel bringen. „Wie soll ich das alles schaffen?“, denkt er sich. Seit Wochen schläft er keine Nacht mehr durch und fühlt sich einfach leer. „Mach weiter“, sagt eine innere mahnende Stimme: Das Haus muss abgezahlt werden, der Urlaub in Amerika hat Löcher in die Haushaltskasse gerissen – du kannst dir keine Krankheiten leisten! Und so macht er weiter, ignoriert die warnenden Signale seines Körpers, bis dieser sich auch mit Tabletten oder Aufputschmitteln nicht mehr trügen lässt und einfach streikt. Gerd Müller ist krank.

Krank im eigenen oder im Krankenhausbett, ändern viele von heute auf morgen komplett ihr Leben. Jeder von uns kennt solche Fälle. Aber warum lassen wir es erst darauf ankommen?

Viele kennen die oben beschriebene Situation und sind selbst ein „Müller“. Stress, Angst um den Arbeitsplatz, vor dem Alleinesein oder vor dem Nicht-Dazugehören, Verlust- und Versagensängste und vielfach überhöhte Ansprüche an sich selbst und durch andere nehmen immer mehr Raum in unserem Leben ein. Besonders in dem angestellter Menschen. Sind wir in der Steinzeit dem Mammut hinterhergejagt, so jagen wir jetzt dem Erfolg, dem Geld, dem Status oder den Marktanteilen hinterher, lassen uns von Arbeitgebern und Vorgesetzten, Partnern oder Freunden „erpressen“, immer mehr und noch schneller zu leisten.

Und wozu? Betrachten wir es volkswirtschaftlich – westliche Nationen produzieren immer mehr für die Halde oder den Müll; immer mehr von den gleichen, austauschbaren Gütern, die in der Menge gar keine Abnehmer finden. Dabei scheinen wir, wie auch die Strategen in den Unternehmen, immer nur eine Richtung zu kennen – mehr, mehr, mehr. Und das auf Kosten der Gesundheit auf verschiedensten Ebenen. In Deutschland werfen wir beispielsweise jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel weg, die wir vorher unter Stress und Druck sowie extremer Belastung verschiedenster Ressourcen hergestellt haben, wie die Universität Stuttgart dieses Jahr ermittelte.

Unsere Systeme kranken an vielen Ecken und Enden und – als Teil dieser Systeme – wir Menschen auch. Wir erlauben dem äußeren Druck, über uns zu bestimmen, und verlieren dabei immer mehr die innere Orientierung und das, was wir ursprünglich eigentlich mal wollten. Und so entfernen wir uns immer stärker von unseren natürlichen Bedürfnissen wie Ruhe, Erholung und etwas Sinnvolles in unserem eigenen Tempo zu erledigen. Gepaart mit dauerhaftem Stress, Angst oder dem Gefühl, nicht zu genügen, unterfordert zu sein oder alles nicht schnell oder perfekt genug zu machen – sei es offen gesagt oder unterschwellig vermittelt –, macht über die Zeit neben der Psyche auch den Körper krank. Aufgrund dieser Über- oder selten Unterforderung greifen wir zu Drogen, Tabletten oder Alkohol, fahren und verhalten uns aggressiv gegenüber uns selbst und anderen. Streit und Missstimmung erhöhen den Stress weiter und damit die Gefahr, krank zu werden. Burn-out und Depression sind seit 2001 um 67 Prozent gestiegen, und jeder Krankheitsfall bedeutet rund 47 Tage Arbeitsunfähigkeit. Dazu kommen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Ähnliches, extreme Kosten für Unternehmen und Volkswirtschaft, große Unbill für die Betroffenen und ihr Umfeld.

Viele leben in Beziehungen, die ihnen alles andere als guttun, nur aus Angst, nicht alleine zu sein. Oder, weil es sich finanziell und steuerlich besser rechnet. Viele von uns arbeiten von Woche zu Woche in Jobs, die sie krank machen, nur weil der Kredit für das Haus, die Eigentumswohnung oder der nächste Urlaub gezahlt werden müssen. Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Gallup im Jahr 2010 bei 2.000 Arbeitnehmern über 18 Jahren sind es 66 Prozent der Befragten, die mit geringer emotionaler Bindung an ihren Arbeitgeber arbeiten. Das macht sich im Engagement, den Kosten und den Wirtschaftskennzahlen des Unternehmens bemerkbar. Diese fehlende emotionale Bindung ist auch auf die Führungskultur zurückzuführen, ein noch wenig beachteter Aspekt.

Doch wer bestimmt, dass wir uns so verhalten? Wenn wir ganz ehrlich sind: eigentlich keiner. Jeder entscheidet das für sich selbst. Selbstführung heißt daher ein Teil des ganzheitlichen Ansatzes von Effect Plus „Einzigartig Sein!“, in dem Gesundheit eine wichtige Rolle spielt. Niemand, außer uns selbst, ist für sich und den Verlauf seines Lebens verantwortlich. Niemand, außer jedem selbst, kann die Notbremse ziehen, weil er / sie so nicht weitermachen und wieder mehr leben und arbeiten will, wie es seiner inneren Überzeugung und seiner natürlichen Begabung entspricht. Und wie es ihm guttut.

„Ich habe keinen Stress, keine Angst“ – denken jetzt viele. Dabei schlafen sie seit Wochen nachts nicht mehr durch, sind fahrig, verspannt, haben Rücken- oder Kopfschmerzen, fühlen sich leer und meistens abgeschlagen. Das sind Hinweise des Körpers, etwas zum Gesünderen zu verändern.

Keiner, außer jedem selbst, hat es in der Hand, sich für das zu entscheiden, was ihm / ihr gut tut, was Spaß und Freude macht. Jeder Mensch ist mit einer Berufung und den dazugehörenden Fähigkeiten auf die Welt gekommen. Diese zu entfalten, sinnvoll für sich und einen wertschätzenden, motivierenden Arbeitgeber einzusetzen, das bringt gute Gefühle und das lässt die Seele und damit den Körper gesund sein. Vorausgesetzt, wir ernähren uns zudem gesund und bewegen uns ausreichend. In Harmonie und Zufriedenheit mit sich selbst und dem, was wir tun, wird auch das Umfeld mit unseren Beziehungen freundlicher. Plötzlich sehen wir viele Dinge in einem anderen Licht als unter Stress, Angst und Anspannung.

Laut Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) ist Gesundheit „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“.

Wer seiner natürlichen Begabung folgt, erkennt plötzlich im Umfeld Chancen und Möglichkeiten, die ihm anderweitig verborgen geblieben wären. Vergleichbar, wenn wir uns abends ein neues Auto konfigurieren und am nächsten Tag auf die Straße treten, ist die Straße plötzlich voll genau dieser Autos. Nicht der Hersteller hat eine Überzahl davon produziert, nein der eigene Fokus hat sich über Nacht verändert: Der persönliche Empfänger steht auf einer anderen Empfangsfrequenz. Und so ist es, wenn wir die Orientierung wieder in uns suchen, unseren Weg gehen und damit – meiner Meinung nach – den einzigen Weg, auch gesund zu bleiben oder zu werden. Und je mehr Menschen sich bewusst auf diesen natürlichen Weg machen, desto gesünder werden auch wieder unsere Gesellschafts-, Unternehmens- und Wirtschaftssysteme.

Dabei kann man selbst und auch die Firma im Sinne ihrer Mitarbeiter bereits im Kleinen beginnen und so die Entwicklung anstoßen: Volkswagen beispielsweise hat mit seiner Mitarbeitervertretung im letzten Jahr eine Betriebsvereinbarung getroffen, nach der die Tarifmitarbeiter in sechs Werken des Unternehmens zwischen 18.15 Uhr und 7.00 Uhr morgens keine E-Mails mehr empfangen können, damit sie ihre Ruhezeit auch als solche nutzen können.

Dienstreisen und Außentermine gehören im Unternehmen auf den Prüfstand: Oft werden Dienstreisen, wo immer möglich, bereits durch beispielsweise Videokonferenzen ersetzt. Denn es stellt sich nicht nur unter dem Aspekt der Mitarbeitergesundheit, sondern auch unter dem der Wirtschaftlichkeit die Frage, ob jede Dienstreise notwendig ist. Oft sind Mitarbeiter selbst für eine Stunde interner Besprechungen stundenlang von Standort zu Standort unterwegs. Dass Kundentermine vor Ort weiter notwendig sind, versteht sich dabei natürlich von selbst.

Überhaupt, der Fokus auf Mitarbeitergesundheit ist nicht zwingend ein Widerspruch zu Effektivität und Effizienz in der Firma, im Gegenteil. So kommt ein dank nicht nur unter Kostengesichtspunkten, sondern auch unter dem Gesichtspunkt des schonenden Umgangs mit der „Ressource Mitarbeiter“ optimierter Dienstreiseverlauf auch dem Unternehmen selbst zugute: durch einen entspannteren und daher in der Verhandlung vor Ort besseren Mitarbeiter.

 

Autorin

Regine U. Rossel ist Geschäftsführerin der Effect Plus – The Holistic Leadership Creator Ltd., Wiesbaden.

Effect Plus ist der Spezialist ganzheitlicher Selbst-, Team- und Markenführung für Menschen und Firmen in der Neu- und Umorientierung, die einen Perspektivwechsel wünschen und nachhaltig wachsen möchten. Einzigartig kombiniert das Unternehmen dazu Kreativität und Erfahrung aus dem Marketing mit unkonventionellen neuen Methoden.

Effect Plus ist als Managementberatung seit acht Jahren für überwiegend mittelständische Kunden aus dem Bereich Flottendienstleistungen, Logistik, Maschinenbau, Chemie sowie innovativen Lösungen tätig.


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