Wenn Blaulicht im Mercedes-Kühlergrill aufblinkt, handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine gepanzerte S-Klasse der Kategorie Guard. Ein Auto dieses Typs wird auch der kommende, neue Bundeskanzler erhalten Foto: Tom Koenig / Daimler Der erste Eindruck: Staatstragend. Schon die normale S-Klasse flößt Respekt ein, doch wenn Standarten auf den Kotflügeln stecken und im Kühlergrill das Blaulicht blitzt, mag manch einer direkt die Hacken zusammenschlagen. Das sagt der Hersteller: Das sicherste Auto der Welt. Üblicherweise hat Andreas Zygan, Chefingenieur der Mercedes S-Klasse, bei diesem Superlativ die vielen elektronischen Helfer der Limousine im Sinn, bis hin zum ersten Autopiloten nach Level 3. Doch wenn Zygan mit Polizeibehörden, königlichen Garden oder dem Werkschutz großer Unternehmen verhandelt, geht es um Schutz vor Projektilen und Plastiksprengstoff. Mehr als 300 Schuss aus großkalibrigen Waffen und eine Explosion von 12,5 Kilo Plastiksprengstoff musste die Luxuslimousine laut Zygan bei einem behördlichen Testangriff durch das Beschussamt in Ulm parieren, um die höchste Schutzklasse zu erhalten, die für zivile Fahrzeuge zu erreichen ist: VR10 und VPAM ERV. Nur das »Beast« des US-Präsidenten dürfte noch etwas widerstandsfähiger sein, räumt der Experte ein. »Aber das ist ein Panzer in der Verkleidung eines Autos und keine gepanzerte Limousine.« Obendrein wird der Cadillac nur an den Secret Service verkauft. Mercedes S 680 Guard: Schirm und Schutz Foto: Tom Koenig / Daimler Für Daimler dagegen sei der Guard auch ein Geschäft, sagt Zygan – eines mit Tradition. So haben die Schwaben vor mehr als 90 Jahren einen Mercedes Nürburg gepanzert und dem japanischen Kaiser als erstem prominenten Kunden geliefert. Bis heute wurden rund hundert Königshäuser, Regierungen, Konzernzentralen und Kirchenfürsten mit Autos dieser Art versorgt. Für den neuen Guard erwartet Zygan eine Jahresproduktion im »soliden dreistelligen« Bereich. Das ist uns aufgefallen: S-Klasse bleibt S-Klasse. Passagiere merken kaum etwas von der zentnerschweren Schutzschicht und schwelgen im Luxus des gewöhnlichen Modells. Liegesitze mit Massagefunktion, Ambientebeleuchtung, individuelle Klimatisierung und jede Menge Infotainment – da fallen die paar Millimeter weniger Schulterfreiheit wegen der dickeren Karosserie kaum auf. Nur aufs Panoramadach müssen Guard-Insassen verzichten, aus Sicherheitsgründen, klar. Und wo bei anderen S-Klassen auf Wunsch ein Barfach zwischen den Fondsitzen installiert ist, wird dieser Platz im Guard-Modell für das automatische Feuerlöschsystem sowie für die Frischluftversorgung benötigt. Die erzeugt im Falle eines Giftgasangriffs Überdruck im Wagen und verhindert so, dass Schadstoffe eindringen. Der Fahrer des Wagens muss sich allerdings umstellen. Weil diese S-Klasse mehr als doppelt so viel wiegt wie üblich, braucht der Fahrer einen Lkw-Führerschein für den 4,5-Tonner, und etwas mehr Weitblick.Denn auch die stärksten Bremsen im Mercedes-Programm stoppen den Koloss nicht so ohne Weiteres, und das kräftig modifizierte Fahrwerk verhindert das Wanken in Kurven nicht ganz. Der Slalom in der Hütchengasse, der bei Mercedes zum serienmäßigen Trainingsprogramm für Guard-VIP-Fahrer gehört, treibt manchem den Schweiß auf die Stirn. Ebenso das Schlittern über die Aquaplaning-Fläche. Gemessen an den Kräften jedoch, die am Werk sind, fühlt sich das Schwergewicht fast handlich an, sogar ohne Hinterachslenkung. Selbst mit Plattfuß – etwa nach einem Einschuss – lässt sich der Wagen dank Notlaufreifen mit Hartgummikern gut kontrollieren. Dabei hilft dem Guard-Modell der Zwölfzylindermotor, der sonst für Maybach-Kunden reserviert ist. Mit 612 PS Leistung und 830 Nm Drehmoment hat das 6,0-Liter-Aggregat mit dem Schwergewicht leichtes Spiel und wuchtet es in 8,3 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Dass Mercedes die Höchstgeschwindigkeit auf 190 km/h begrenzt, liegt an den Spezialreifen, die mehr Tempo nicht mitmachen. Aber die Erfahrung lehrt, dass Guard-Kunden selten in Verfolgungsjagden verwickelt werden, anders als im Kino. »Es geht darum, schnell eine Gefahrenzone von wenigen Hundert Metern zu verlassen, danach übernimmt meist die Kavallerie«, sagt Zygan. Geräte zur aktiven Gegenwehr baut Mercedes in den Wagen deshalb gar nicht ein. Das muss man wissen: Der Guard sieht aus wie eine S-Klasse, ist aber eine Neukonstruktion. »Zum ersten Mal haben wir zuerst die Schutzzelle konstruiert und diese dann mit der S-Klasse-Karosserie verkleidet«, erläutert Zygan das Prinzip. Bis die knapp zehn Zentimeter dicken Scheiben, die Matten aus Aramid und der Panzerstahl verbaut sind, dauert es 15 Tage in der Guard-Manufaktur. Bei einer normalen S-Klasse sind es 1,5 Tage in der hoch automatisierten Factory 56. Und jeder Arbeitstakt hat 400 Minuten anstatt 90 Sekunden.Der Aufwand hat seinen Preis: Während die normale S-Klasse in der Langversion bei 101.019 Euro startet, ist das Modell Guard nicht unter 543.949 Euro zu haben. Dafür verkauft Mercedes den Panzer im Pelzmantel an jede und jeden. »Wir wollen zwar nur die Guten als Kunden und schauen uns die Interessenten genau an, doch liefern wir an Politiker genauso wie an Unternehmen oder Privatleute«, sagt Zygan. Die müssen allerdings bei der Reiseplanung etwas vorsichtig sein: Einige Grenzen sind für gepanzerte Limousinen nur mit behördlicher Genehmigung passierbar.Selbst in dieser Nische spielt Nachhaltigkeit eine Rolle, hat Baureihenchef Zygan von potenziellen Kunden gelernt. Deshalb denkt er über eine gepanzerte Version des elektrischen S-Klasse-Pendants EQS nach. »Das ist technisch noch etwas kniffliger. Aber über kurz oder lang kommen wir daran nicht vorbei.«Das werden wir nicht vergessen: Das Gefühl, wenn die je 180 Kilogramm schweren Türen ins Schloss gezogen werden. Selbst mit elektrischer Unterstützung ist das ein Kraftakt und fühlt sich an, als würde man einen Tresor schließen. Hersteller:MercedesTyp:S-Klasse GuardKarosserie:LimousineMotor:V12-Turbo-BenzinerHubraum:5980 ccmLeistung:612 PS / 450 kWDrehmoment:830 NmGetriebe:Neungang-AutomatikAntrieb:AllradantriebVon 0 auf 100:8,3 Sek.Höchstgeschwindigkeit:190 km/hVerbrauch:18,0 l/100 kmCO2-Ausstoß:411 g/kmLänge/ Breite/ Höhe:5489 / 1954 / 1508Gewicht:4255 kgPreis:543.949 Euro