Greller Farbton, radikale Linienführung, spektakuläres Unikat – der Bizzarrini Manta von 1968 machte Italdesign und Giogrio Giugiaro schlagartig bekannt. Foto: Josef Horazny / CTK Photo / imago Wie macht eine neu gegründete Firma für Autodesign am wirkungsvollsten auf sich aufmerksam? Logisch, mit einem Auto, bei dessen Anblick einem die Spucke wegbleibt. Diesen Gedanken hatten mutmaßlich auch Giorgio Giugiaro und Aldo Mantovani, die im Frühjahr 1968 die Firma Italdesign (in den ersten Monaten hieß das Unternehmen noch SIRP) gründeten. Bis zum 30. Oktober des gleichen Jahres, dem Eröffnungstag des Autosalons in Turin, hatte der Gedanke Form angenommen. Und zwar eine spektakulär-radikale Form: Italdesign enthüllte dort den Bizzarrini Manta – und hatte schlagartig einen Namen in der Autowelt. Bizzarrini Manta: Glatter Welterfolg Foto: Josef Horazny / CTK Photo / imago Das Auto, lackiert im grellen Farbton »acid green« – manche Quellen sprechen auch von »lime green« oder »aqua green« – sieht eher aus wie eine Bodenwelle als ein klassischer Sportwagen. Doch klassisch sind an diesem Auto nur die vier Räder. Der damals gerade 30 Jahre alte Giorgio Giugiaro, der zuvor schon bei Fiat, Bertone und Ghia als Designer gearbeitet hatte, stellte mit seinem Erstlingswerk als selbstständiger Designunternehmer die bis dahin geltenden Sehgewohnheiten auf den Kopf. Die Silhouette des Wagens ist eine durchgehende gebogene Linie. Fronthaube, Windschutzscheibe, Dach und Heckverglasung gehen fließend ineinander über – nie zuvor wurde das sogenannte One-Box-Design derart konsequent umgesetzt. Unter dem glattgeschliffenen Buckel sitzt, wie die Zeitschrift »Motor Trend« 1968 aus Turin berichtete, ein Bizzarrini-Rennwagen, »which took part in the 24 Hours at Le Mans in 1967«. Ob Chassis und Motor des Wagens tatsächlich beim Langstreckenklassiker in Le Mans im Einsatz waren, wird von einigen Fachleuten bestritten. Als gesichert jedoch gilt, dass Giugiaro im Frühsommer '68 vom toskanischen Sportwagenhersteller Bizzarrini ein Rennwagen-Chassis vom Typ P 538 erwarb, um darauf sein Konzeptauto zu bauen. Zusatzfenster unter der WindschutzscheibeBinnen 45 Tagen soll der Bizzarrini Manta entstanden sein. Die Rennsportherkunft ist noch daran erkennbar, dass es sich bei dem Auto um einen Dreisitzer handelt: Der Fahrerplatz ist in der Mitte, links und rechts zurückversetzt sind die beiden Passagiersitze postiert. Weil der Wagen lediglich 1,06 Meter hoch ist und die Windschutzscheibe extrem flach steht, sieht der Fahrer praktisch nichts von der direkt vor dem Auto liegenden Straße. Damit das in Städten mit Bordsteinen oder auf Kreuzungen nicht zu Karambolagen führt, lassen sich direkt unterhalb der Windschutzscheibe drei Lamellen öffnen, durch die der Blick nach vorn ein wenig informativer wird. Das ist eine clevere Idee, doch um Alltagstauglichkeit ging es bei diesem Auto sowieso nicht. In Mittelmotorposition sitzt ein 5,4-Liter-V8-Motor von Chevrolet, der von Bizzarrini mit vier Doppelvergasern bestückt und auf eine Leistung von 420 PS gekitzelt worden war. Bei der Weltpremiere in Turin allerdings sei der Wagen nicht fahrbereit gewesen, heißt es. Später, unter anderem auch bei diversen Restaurierungen und Instandsetzungen, soll das dann geändert worden sein.Gefeiert, verschollen, verkauftAber auch als reine Skulptur erfüllte das Auto vollauf seinen Zweck, nämlich die neue Firma Italdesign als neuen Stern an den Autodesign-Himmel zu katapultieren. Nach dem Auftritt in Turin wurde der Wagen, in knallroter Lackierung, auf der Motorshow in Tokio ausgestellt, danach in Los Angeles. Und dann war er auf einmal weg. Auf dem Rücktransport nach Europa ging der Bizzarrini Manta verloren und blieb anschließend etwa zehn Jahre lang verschollen. 1980 dann tauchte das Auto urplötzlich bei einer Versteigerung des italienischen Zolls wieder auf. Anschließend wechselte der Wagen mehrfach den Besitzer, gelangte von Italien nach Schweden und von dort in die USA. Zwischendurch wurde die Karosserie silberfarben lackiert, inzwischen trägt das Auto wieder den ursprünglichen Farbton »acid green«.Niemand wollte eine Million Dollar zahlen2012 sollte das heute als Meilenstein des Autodesigns geltende Auto von »Gooding & Co.« im kalifornischen Monterey für einen Preis zwischen 1 und 1,5 Millionen US-Dollar versteigert werden, doch es fand sich kein Interessent. Das Auto verblieb im Besitz eines amerikanischen Sammlers. Der Bizzarrini Manta ist nach wie vor eine Inspiration für Autodesigner, und zudem ein Quell verblüffender Geschichten. Angeblich nämlich sah der GM-Designer Charles Jordan das hinreißende Auto 1968 in Turin und sorgte dafür, dass der Name »Manta« zwei Jahre später für Opels neues Sportcoupé genutzt wurde. Italdesign hatte sich die Bezeichnung nicht schützen lassen. Die Anekdote klingt allerdings zu gut, um wahr zu sein. Denn beim Opel-Mutterhaus General Motors hatte man bereits 1962, als die Corvette Stingray (Stachelrochen) auf den Markt kam, die eleganten Knorpelfische als Namensgeber entdeckt. Die Anregung zum Manta, benannt nach dem Mantarochen, stammt daher wohl nicht von Giugiaro. Schönes Ding: Die skurrilsten Auto-Designstudien Foto: FCA