Klein schlägt groß: Der City Transformer des gleichnamigen israelischen Start-ups war eines von vielen Mikromobilitäts-Konzepten auf der IAA. Der Clou des Miniautos: Das Fahrgestell lässt sich einziehen, das Wägelchen schrumpft dann auf einen Meter Breite. Foto: CityTransformer In Deutschland gibt es zu viele Autos für den vorhandenen Straßenraum. In Hamburg etwa sind aktuell 50.000 Autos mehr unterwegs als noch 2015, ein Anstieg um sieben Prozent.Die wuchtigen E-Auto-Neuheiten der Hersteller, die auf der Automesse IAA präsentiert wurden, werden dieses Platzproblem nicht lösen, eher im Gegenteil. Auf der Mobilitätsschau wurden aber auch Mikromobilitäts-Lösungen präsentiert: Dreirädrige Kleinsttransporter ebenso wie E-Scooter und Lastenräder. Diese Ideen stammten vor allem von Messe-Neulingen. Der Elektroantrieb schafft Fahrzeugkonstrukteuren völlig neue Möglichkeiten, das gilt auch für fürs Winzlingssegment. Räume lassen sich anders nutzen, Gewichte besser verteilen. Dass Batterien besser und günstiger werden, regt Innovationen zusätzlich an. Die niederländische Firma Fulpra zum Beispiel präsentierte in München einen Hybrid aus Fahrrad und Kleintransporter. Der Laderaum des Dreirads mit XXL-Gepäckträger fasst 3000 Liter, ist in etwa 1,60 Meter lang und 80 Zentimeter breit. Darin findet eine Europalette, Kisten oder etliche Kartons Platz. Elektro-Knirpse für die Stadt Foto: Polestar Und das Fulpra-Rad war nicht das einzige Konzeptvehikel der Messe in München, bei dem mehrere Produkte anscheinend zu einem zusammenflossen. Die schwedische Firma Vässla, in der Heimat ein führender E-Roller-Hersteller, präsentierte mit dem Vässla Bike ein Mix-Vehikel aus E-Scooter und E-Bike. Mit diesem Fahrzeug planen die Skandinavier einen europaweiten Erfolg; vor allem aber möchten sie in Deutschland durchstarten. »Für Vässla ist Deutschland der wichtigste Markt in Europa«, sagte Hannes Ahbe, Chef von Vässla in Deutschland. Lastenräder von Polestar und BMWNicht alle Autohersteller wollen den Mikromobilitätsmarkt kampflos den Start-ups überlassen. Polestar zum Beispiel stellte einen funktionsfähigen Lastenrad-Prototyp für Last-Mile-Transporte vor: »Re Move« heißt das Fahrzeug, das binnen weniger Monate entwickelt wurde. Das Lastenrad und sein kohlenstoffarmes Aluminium-Chassis können bis zu 180 Kilogramm zuladen. Das Rad soll Polestars Antwort auf die »steigende Nachfrage nach Onlineshopping und Angeboten für die Lieferung nach Hause« sein.Auch BMW bewarb in München einen Lastenrad-Prototyp, das Cube-Concept. Die Münchner zeigten beim Heimspiel weitere Konzepte »für nachhaltige urbane Mobilität«. Etwa ein High-Speed-Pedelec und ein E-Motorrad. Das israelische Unternehmen City Transformer, das 2014 gegründet wurde, zeigt ein Mini-Mobil, dessen Spur sich per Knopfdruck schrumpfen lässt. Das Mikromobil verfügt über ein verstellbares Fahrwerk, bei dem die Räder, die im normalen Zustand seitlich neben der Kabine positioniert sind, sozusagen in Radhäuser eingezogen werden können. Dadurch schrumpft die Breite des Zweisitzers, bei dem Fahrer und Passagier hintereinander sitzen, von 1,40 Meter auf einen Meter. Und das wiederum steigert die Wahrscheinlichkeit dramatisch, eine Parklücke für das Gefährt zu finden. Die Parkplatzsuche werde zehnmal so einfach wie bislang, heißt es beim Hersteller. Im Kleinformat fährt der Miniwagen maximal 45 km/h schnell, bei voller Breite sind 90 km/h drin. Auto mit austauschbarem AkkuFür Aufsehen sorgte in München der ACM City One, wobei ACM für Adaptive City Mobility steht. Dahinter steht ein Münchner Unternehmen, das 2013 als Forschungsprojekt des Bundeswirtschaftsministeriums startete. City One ist das erste Automodell des Start-ups. Ein kleiner Stromer, der Elektromobilität radikal vereinfachen soll. Dafür setzt er auf ein Batteriesystem, das aus einem fest installierten Lithium-Ionen-Akku besteht, und zusätzlich aus Wechselbatterien, die wie kleine Rollkoffer aussehen. Die Wechselakkus können an normalen Steckdosen geladen werden. Alle Akkus zusammen bescheren dem Stromer eine Reichweite von bis zu 240 Kilometern. 2023 könnte der Wagen für etwa 10.000 Euro auf den Markt kommen. Ist das nun günstig oder nicht? Zum selben Preis gibt es einen klassischen Kleinwagen mit Verbrennungsmotor. Auch die günstigsten Elektro-Pkw sind annähernd für dieses Geld zu haben, staatliche Kaufprämie eingerechnet. Dass eine vergleichbare Förderung für sehr kleine E-Fahrzeuge nicht existiert, hemmt deren Verbreitung bisher. Offenbar will der Gesetzgeber den Zustand aber ändern. Das geht aus dem Entwurf des Bundeswirtschaftsministeriums für eine neue Förderrichtlinie hervor, der der Deutschen Presse-Agentur am Montag vorlag. Unterstützt werden soll der Kauf zulassungspflichtiger Leichtfahrzeuge mit elektrischem Antrieb, die etwa im Stadtverkehr eingesetzt werden. Konkrete Summen nannte die Agentur nicht.Profitieren könnte dereinst der E-Kleinstwagen Yoyo der italienischen Firma XEV. Das Minimobil soll ausschließlich mithilfe chinesischer Zulieferer gefertigt werden und erinnert äußerlich stark an einen Smart der ersten Stunde. Spektakulär, wenn auch wenig alltagstauglich, ist dagegen der Wasserstoff-Prototyp SLRV (Safe Light Regional Vehicle) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Ganz anders wiederum das elektrische Isetta-Remake Microlino der Schweizer Firma Micro Mobility Solutions, dessen Serienversion auf der IAA gezeigt wurde. Die Schweizer zeigten zudem auch die Microletta, einen dreirädrigen elektrischen Scooter mit 100 Kilometern Reichweite.E-Dreirad mit SolarzellenDrei Räder hat auch der Kleintransporter der deutsch-tunesischen Firma Bako-Motors. Einer der Exoten dieser IAA. Unternehmensgründer und CEO Boubaker Siala will mit dem Solarzellen-Elektrotransporter (Name: Qorax – übersetzt heißt das Sonnengott) den urbanen Raum erobern. Das Dreirad ist für Last-Mile-Angebote konzipiert. Drei Räder sollen für die nötige Agilität des E-Transporters sorgen. Mithilfe von Solarzellen auf dem Dach soll der Qorax 120 Kilometer weit kommen. Kosten wird das Vehikel 4440 Euro, wie Siala dem SPIEGEL mitteilt. »Unser Auto wird Ende 2022 auf den Markt kommen«, sagt er.Welche Modelle bald in großer Zahl durch die Städte rollen, wird davon abhängen, wie gut sie in der Praxis funktionieren. Fest steht jedoch: An kreativen Lösungen für das Platzproblem mangelt es der Branche eigentlich nicht.