Toyota-Präsident Akio Toyoda während einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr. Der Chef des größten japanischen Autokonzerns pocht auf Technologieoffenheit — auch gegenüber Diesel- und Benzinmotoren. Foto: David Becker / Getty Images »Hybrid ist Trumpf« – unter dieser Überschrift feiert Toyota in seinem Magazin »Auto & Leben« gerade ein europaweites Verkaufsplus von sechs Prozent im ersten Quartal dieses Jahres. Etwa 56 Prozent der Neuwagen seien Hybridmodelle gewesen. Klingt wie eine Erfolgsmeldung, ist es allerdings nicht. Vielmehr wird ein massives Versäumnis deutlich: Toyota steht ohne ein reines Elektroauto da, das sich in nennenswerter Menge verkauft. Toyota und die E-Mobilität: Kein Happy End in Sicht Foto: Bob Carey / Los Angeles Times / Getty Images Nur der Kleinbus Proace ist seit Kurzem in einer batterieelektrischen Variante erhältlich. Und dann gibt es noch die Wasserstofflimousine Mirai (Verkaufspreis ab 63.900 Euro), von der in den ersten sechs Monaten dieses Jahres laut Kraftfahrt-Bundesamt 154 Exemplare neu zugelassen wurden. Fachleute erwarten, dass in diesem Jahr in Europa erstmals mehr als eine Million E-Autos auf den Markt kommen — Toyota wird von diesem Trend so gut wie gar nicht profitieren. »Toyota erscheint stark überrascht angesichts des auch stark regulativ getriebenen Trends zur reinen Elektromobilität in Europa und andernorts«, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. »Dem Konzern fehlen hier schnelle technologische Antworten. Es scheint, als wolle Toyota deshalb durch Lobbying die Entwicklung zur E-Mobilität verzögern.« Tatsächlich tritt Toyota vermehrt als Bremser in Sachen E-Mobilität auf, nachdem das Unternehmen jahrzehntelang als Vorreiter in Sachen Klimaschutz gegolten hatte. Der Konzern setze sich weltweit »konsequent gegen neue Regularien für strengere Emissions- und Verbrauchswerte« ein, schreibt die auf den Klimaeinfluss von Konzernen spezialisierte Plattform InfluenceMap. Sie bewertet Toyotas Bemühungen um mehr Klimaschutz derzeit mit »D«, der schlechtesten Einstufung aller Autohersteller.Spenden für republikanische AbgeordneteBeispiele für politische Einflussnahme des Unternehmens, das mit Volkswagen um den Titel als weltgrößter Autohersteller wetteifert, hat zuletzt die »New York Times« aufgezählt. Im Juni, schreibt die Zeitung, sei Toyota-Manager Chris Reynolds in Washington bei Kongressmitarbeitern vorstellig geworden, um sich gegen eine Politik des schnellen Umstiegs auf Elektroautos auszusprechen. Auch Hybrid- und Wasserstoffmodelle sollten stärker gefördert werden. Toyota ist der Ansicht, dass die aktuelle Politik »zu wenig darauf achtet, wie genau der Übergang funktionieren soll von der Gegenwart, in der 98 Prozent aller Pkw und Lkw zumindest teilweise von Verbrennungsmotoren angetrieben werden, hin zu einer vollständig elektrifizierten Mobilität in der Zukunft«. Toyota, so die »Times« weiter, habe auch die Trump-Regierung unterstützt, um die strenge Abgasgesetzgebung des US-Staates Kalifornien zu kippen. Einen 2020 ausgehandelten Kompromiss zwischen mehreren Autoherstellern und Kalifornien, der zwar weniger scharfe, aber immer noch strengere Abgasgrenzwerte, als von der Trump-Administration gewünscht, vorsah, lehnte Toyota ab.Darüber hinaus, so die Zeitung, sei Toyota das Unternehmen, das die mit Abstand größten Spendensummen an republikanische Kongressabgeordnete ausschüttete, die das Ergebnis der vergangenen Präsidentschaftswahlen infrage stellten. Von diesen bestreiten zudem etliche, dass der Menschen den Klimawandel ausgelöst hat. In den vergangenen Monaten, so das vernichtende Urteil der »New York Times«, sei Toyota hinter den Kulissen zum stärksten Widersacher des Wandels hin zur Elektromobilität geworden.Entwicklung verpasst, jetzt wird gebremstAuch auf anderen Kontinenten blockiert Toyota den Durchbruch sauberer Technologien. In Australien opponierte der Konzern gegen strengere Abgasgrenzwerte. In Indien positionierte sich die Tochterfirma Toyota Kirloskar öffentlich gegen die Pläne der Regierung, ab 2030 nur noch Elektrofahrzeuge zuzulassen. Und auch in Brüssel versuche das Unternehmen immer wieder, EU-Regelungen zu entschärfen, heißt es bei unterschiedlichen Nichtregierungsorganisationen, die sich um die Themen Klima und Verkehr kümmern. Bittet man die Toyota-Europazentrale in Brüssel um eine Auskunft, wie das Unternehmen zu dem von der EU-Kommission vorgeschlagenen Klimapaket steht, das ein Aus für Autos mit Verbrennermotor ab 2035 vorsieht, erhält man folgende Antwort: »Wir sind überzeugt, dass mehrere technische Lösungen nötig sind, um die CO2-Emissionen schneller zu reduzieren. Daher sollten Technologien nicht zu früh ausgeschlossen werden. Toyota investiert in eine Reihe von Technologien — darunter Hybrid-, Plug-in-Hybrid-, batterieelektrische und mit Brennstoffzellen betriebene Fahrzeuge.«Allerdings bedeutet ein Aus für Verbrennermodelle nicht, dass nur noch batterieelektrische Fahrzeuge erlaubt sind. Die Brennstoffzelle kommt auch infrage und wird in Europa und anderswo ebenfalls gefördert. Alle großen Hersteller arbeiten seit mindestens zwei Jahrzehnten an verschiedenen neuen Antriebsformen – mit dem Ergebnis, dass der Akkuantrieb inzwischen als aussichtsreichste Alternative erscheint.Toyota bringt auch E-Modelle — ab 2022Toyota muss offenbar Zeit gewinnen. Denn die bisherige Strategie der Japaner – erst Hybrid, dann Wasserstoff – hat das Zeug, den Konzern ins Desaster zu führen. Liegt doch auf der Hand, dass die Hybridtechnologie allein das CO2-Problem des Autoverkehrs nicht lösen kann. Ebenso unstrittig ist, dass die seit Jahrzehnten postulierte Wasserstoffzukunft nach wie vor bestenfalls genau das ist: Zukunft. Zumal noch niemand plausibel darlegen kann, wie die benötigten, gigantischen Mengen an Wasserstoff zügig klimaneutral erzeugt und verteilt werden können. Zwar hängt auch der Klimanutzen einer batteriegestützten Elektromobilität vom Ausbau der erneuerbaren Energien ab. Doch weil der Wasserstoffantrieb immer noch sehr ineffizient ist, benötigt er ein Vielfaches der Energie, die für die Batterie-Elektromobilität erforderlich ist.Das alles hat Toyota natürlich auch schon erkannt. Im April stellte das Unternehmen auf der Automesse in Shanghai den Elektro-SUV bz4X vor. Es ist das erste von Grund auf für den batterieelektrischen Antrieb konzipierte Fahrzeug von Toyota. Mitte nächsten Jahres soll der Elektrowagen, dann vermutlich unter einem geschmeidigeren Namen, in Serie gehen. Bis 2025 hat Toyota insgesamt 15 reine Elektromodelle angekündigt.Hybrid ist Trumpf? Daran glauben die Toyota-Verantwortlichen offenbar selbst nicht mehr.