Traditionell fliegt die Nationalelf mit der Lufthansa – aber nicht bei der EM Foto: imago sportfotodienst / ActionPictures / imago Der »Siegerflieger« bleibt am Boden. Nach der Fußball-WM 2014 in Brasilien hatte die umlackierte Boeing 747 für ikonische Bilder gesorgt, als sie mit den Weltmeistern an Bord eine Ehrenrunde über Berlin drehte. Zu einem solchen Ereignis wird es in diesem Jahr nicht kommen, ganz gleich, wie erfolgreich Jogi Löws Mannschaft abschneidet. Das hat mit der Milliardenhilfe des Steuerzahlers für die Lufthansa zu tun, aber auch mit dem knauserigen Deutschen Fußball-Bund. Zwar reiste das Team nach Nürnberg noch mit der Lufthansa-Tochter Eurowings, von wo aus es ins Basislager nach Herzogenaurach ging. Für alle weiteren Flüge aber »hat sich der DFB für ein Charterangebot außerhalb der Lufthansa Group entschieden«, sagte eine Konzernsprecherin. »Wir wünschen der Mannschaft viel Erfolg für das Turnier.« In der Vergangenheit musste der DFB für die Flüge nichts bezahlen. Die Lufthansa übernahm die Kosten im Rahmen eines Sponsorings und wurde mit werbewirksamen Fotos in den Zeitungen entlohnt. Seit der milliardenschweren Rettung durch die Bundesregierung in der Coronakrise muss der Kranich-Konzern aber sparen, um die hochverzinsten Kredite zurückzuzahlen. Fußballer kostenlos durch halb Europa zu fliegen, ist nicht mehr drin, während massiv Stellen abgebaut werden. ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­»Lufthansa hat aufgrund der Krise zahlreiche Maßnahmen zur Kostensenkung umsetzt und damit ihre Marketing- und Werbemaßnahmen bis auf Weiteres reduziert, beziehungsweise ausgesetzt. Das betrifft insbesondere Sponsoring-Verträge und Sport-Kooperationen«, sagte die Sprecherin.Zu den drei Vorrundenspielen reist das deutsche Team jeweils nach München, da genügt der Mannschaftsbus des Sponsors Volkswagen. Doch in der K.-o.-Runde geht es womöglich nach London, Bukarest, Sevilla oder Budapest. Reisen nach Rom, Baku oder Sankt Petersburg könnten folgen. Halbfinale und Finale werden in London ausgetragen. DFB-Mannschaftsbus: Zunächst geht es aus der Nähe von Nürnberg nach München Foto: Susanne Hübner / imago images Für Flüge, die im Erfolgsfall nötig werden, hat sich der DFB nach SPIEGEL-Informationen auch die Dienste der Chartergesellschaft Klasjet aus Litauen gesichert. Die inszeniert sich auf ihrer Website als besonders luxuriös. Im Wettbewerb punkte sie aber vor allem mit niedrigen Löhnen jenseits jeder Tarifbindung, wie sie in Deutschland üblich sei, kritisieren Gewerkschaften.Dabei mangelt es Lufthansa, Condor und anderen deutschen Airlines aktuell nicht gerade an Kapazitäten, um – gegen Bezahlung – einige Charterflüge für die Nationalmannschaft ins Programm zu nehmen. So fliegt die Lufthansa-Tochter Swiss auch weiterhin die Schweizer Nationalmannschaft. Zudem stehen nach dem Einbruch des Luftverkehrs während der Pandemie noch immer viele Maschinen auf Dauerparkplätzen, Zehntausende Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. »Statt auf Sozialdumping zu setzen, hätte der nicht gerade am Hungertuch nagende DFB einen kleinen Beitrag dazu leisten können, Menschen aus der Kurzarbeit herauszuholen«, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Ver.di dem SPIEGEL. »Wir haben genug Fluglinien in Deutschland, die auf den Transport von Mannschaften spezialisiert sind, da muss man wirklich nicht nach Litauen ausweichen.«So fliegt die kleine German Airways häufig Teams von Bundesligisten wie Union Berlin oder Eintracht Frankfurt ans Ziel – zu wettbewerbsfähigen Kosten. Auch Avantiair aus Paderborn ist im Sportbusiness unterwegs.Mit Kurzstreckenflügen gab es auch schon ÄrgerDie Kritik der internationalen Transportgewerkschaft ETF am Geschäftsmodell der osteuropäischen Charterlinie fällt noch härter aus. »Sie beutet den europäischen Binnenmarkt und ihre Angestellten aus, indem sie ihrem Kabinenpersonal zwischen 540 und 1300 Euro pro Monat zahlt«, heißt es in einem offenen Brief. Der Adressat ist der belgische Fußballverband, denn auch die »Roten Teufel« setzen auf die Dienste des Billigheimers. Die Spieler sollten sich weigern, mit der Chartergesellschaft zu fliegen, so die Gewerkschaft. »Sozialdumping ist eine Plage in der Luftfahrt und durch Geschäftsbeziehungen mit Unternehmen, die davon profitieren, machen sich die Fußballmannschaften in Europa mitschuldig. Wir rufen die Spieler dazu auf, gegen diese Praktiken zu kämpfen­­­­­­­­­­­­­«, forderte ETF-Generalsekretärin Livia Spera. Der DFB hat auf mehrere schriftliche und telefonische Anfragen des SPIEGEL am Freitag nicht reagiert. Eine Sprecherin der Muttergesellschaft von Klasjet wollte sich ebenfalls nicht äußern.Es ist nicht das erste Mal, dass die Nationalmannschaft Ärger wegen ihrer Reisegewohnheiten hat. Vergangenes Jahr flog der DFB-Tross die rund 260 Kilometer lange Strecke von Stuttgart nach Basel, statt den Bus oder Zug zu nehmen. Klimaschützer kritisierten den Trip. »Wir nehmen das zum Anlass, uns zu hinterfragen, wie wir künftig Umwelt und Nachhaltigkeit stärker in unseren Planungen berücksichtigen können«, hieß es damals beim DFB.Sollten die Charterflüge bei entsprechendem Weiterkommen der Mannschaft nötig werden, ist es allerdings sogar möglich, dass eine Maschine zunächst leer nach Deutschland fliegt – und das mehrfach.