Dienstag, 26. Januar 2021 Caracciola: Ein silberner Streifen am Rennfahrer-Himmel Rudolf Caracciola nach seinem Sieg beim Großen Preis der Schweiz, Bremgarten, 21. August 1938. Große Rennfahrer prägen mit ihren Sporterfolgen immer wieder ganze Epochen. Beispielsweise Rudolf Caracciola: Der Werksfahrer von Mercedes-Benz ist der Star in der ersten Silberpfeilepoche in den 1930er-Jahren. 1935, 1937 und 1938 wird er Grand-Prix-Europameister. Dieser Titel ist vom sportlichen Rang her vergleichbar mit der seit 1950 bestehenden Formel-1-Weltmeisterschaft. Vor 120 Jahren, am 30. Januar 1901, wird Rudolf Caracciola in Remagen geboren. Viele Erfolge, aber auch manche Tragödie begleiten das Leben des Sportsmanns, der am 28. September 1959 in Kassel im Alter von nur 58 Jahren stirbt. Auch Rudolf Caracciola, dessen Karriere gleich mehrere Automobil- und Rennwagenepochen begleitet, beweist eine immense Bandbreite des fahrerischen Könnens. Seine ersten Erfolge in den 1920er-Jahren machen die damalige Daimler-Benz AG auf ihn aufmerksam. Er wird Werksfahrer und erhält Fahrzeuge der berühmten S-Reihe. 1929 gewinnt er beispielsweise auf der Isle of Man mit dem Mercedes-Benz Typ SS die „International Tourist Trophy“ über knapp 660 Kilometer. Bei Bergrennen sichert er sich dreimal in Folge den Titel als Europa-Bergmeister: 1930 und 1931 auf Mercedes-Benz (SSK und SSKL) und 1932 auf Alfa Romeo (2,6 Liter Monoposto). Mit dem Typ SSKL holt er sich 1931 als erster ausländischer Rennfahrer den Sieg bei der Mille Miglia. Es folgen die zahlreichen Triumphe in den hochpotenten Grand-Prix-Rennwagen von Mercedes-Benz und Alfa Romeo. Aber es geht noch viel schneller: Am 28. Januar 1938 wird Caracciolas Mercedes-Benz Rekordwagen auf der Autobahn Frankfurt–Heidelberg über den fliegenden Kilometer mit 432,69 km/h gemessen. Erst 79 Jahre später übertrifft am 4. November 2017 ein Koenigsegg Agera RS auf einer Bundesstraße in Nevada/USA diesen absoluten Geschwindigkeitsrekord auf öffentlicher Straße.Der Regenmeister: Am 11. Juli 1926 stellt die gerade gegründete Daimler-Benz AG für Caracciola einen Mercedes 2-Liter-/8-Zylinder-Rennwagen mit Kompressor für den ersten Großen Preis von Deutschland auf der Berliner Avus bereit. Vor 230.000 Zuschauern fährt dieser als letzter von 38 Teilnehmern los. Im Rennen setzt sintflutartiger Regen ein. Doch Caracciola fährt bis ganz nach vorn und erwirbt sich den Ruf des „Regenmeisters“. Es ist sein Durchbruch zum ganz großen Rennfahrer.Die Silberpfeile: Mercedes-Benz W 25 heißt 1934 der erste aller Silberpfeile, konstruiert nach der 750-Kilogramm-Formel. Er hat eine Leistung von zunächst 260 kW (354 PS) und später bis 363 kW (494 PS). Mit einer Höchstgeschwindigkeit von gut 300 km/h bewegt er sich bereits annähernd im Bereich des Mercedes-AMG F1 W11 EQ Performance aus dem Jahr 2020. Der W 25 ist Hightech der damaligen Zeit. Vollkommen normal ist beispielsweise noch bis in die 1950er-Jahre hinein, dass der Fahrer weder angeschnallt ist noch Helm trägt. Völlig ungeachtet dessen, dass etwa die aufzubringenden Lenk- und Bremskräfte erheblich sind und ihn keinerlei Elektronik oder Funkverbindung zur Box unterstützt.Führend: In seiner ersten Saison ist der W 25 durchaus erfolgreich – unter anderem mit zwei Siegen in „Grandes Épreuves“. Ganz im Zeichen Caracciolas und des weiterentwickelten W 25 steht dann das Jahr 1935 mit dem überlegenen Sieg in der Grand-Prix-Europameisterschaft. 1937 tritt die Marke mit dem neuen W 125 an, und wieder dominiert Caracciola die Grand-Prix-Saison. 1938 tritt die nächste Rennwagenformel in Kraft. Mercedes-Benz setzt den W 154 ein. Am Jahresende heißt der Europameister erneut Caracciola. Im Rückblick urteilt Teamkollege Manfred von Brauchitsch über den Fahrstil des Champions: „Rudolf ist vielleicht der Größte überhaupt, weil er es fertigbrachte, wie auf Schienen zu fahren. Er war ein reiner, nüchterner, eiskalter Verstandesfahrer.“Unfall mit Folgen: Rückblende in die Zeit der Weltwirtschaftskrise um 1930. Die großen Hersteller ziehen sich aus dem Motorsport zurück. Um weiter fahren zu können, gründet Rudolf Caracciola daher 1933 gemeinsam mit dem Freund und Rennfahrerkollegen Louis Chiron den privaten Rennstall Scuderia CC. Bei Trainingsfahrten für den Großen Preis von Monaco am 23. April 1933 stellt sich sein Alfa Romeo quer und prallt seitlich auf eine Steintreppe. Caracciolas Hüfte ist zertrümmert. Viele Monate verbringt er im Krankenhaus, das rechte Bein wird für immer fünf Zentimeter kürzer bleiben als das linke. Schmerzen werden zum ständigen Begleiter.