Modell Rise M von Orbea: Das E-Mountainbike bringt nur 16,24 Kilogramm auf die Waage Foto: Orbea Über Jahre gab es bei E-Mountainbikes nur eine Tendenz: höher, schneller, weiter. Immer stärkere Motoren wurden ihnen eingebaut, damit sie auch im Hochgebirge Steigungen erklimmen konnten, teils mit Affenzahn. Um in einem einsamen Hochtal nicht plötzlich ohne Strom dazustehen, verabreichten die Hersteller den Bikes potentere Akkus, 750 Wattstunden Energiegehalt sind keine Seltenheit mehr. E-Mountainbikes wiegen deshalb oft mehr als 25 Kilogramm – und das nicht nur, wenn sie zu SUV-Bikes mit straßen- und alltagstauglicher Vollausstattung aufgerüstet sind. Selbst als reines Sportgerät wiegen E-Mountainbikes viel. 22 Kilo seien derzeit für ein vollgefedertes »Fully« ein guter Wert, sagt E-Mountainbike-Experte Stefan Schlie, einst Deutscher Meister im Fahrradtrial, heute Mountainbike-Guide und Co-Autor eines Buches über E-Mountainbike-Fahrtechnik mit dem Titel »Uphill Flow«. Foto: Alejandro Cubino / Orbea Leichte E-Mountainbikes - und wieviel sie kosten Doch jetzt scheint sich der Trend umzukehren. Die Bergräder werden wieder leichter, neue Technik, Kniffe und andere Materialien ermöglichen es. Das Ergebnis soll sportliche Fahrer ansprechen, die weniger Komfort verlangen. Zum Abspecken bedienen sich die Hersteller mehrerer Tricks. Akkupacks von manchmal nur noch 250 Wattstunden sollen genügen, dazu kommen kleinere Motoren. Das leichte Carbon ist das Material der Wahl – beim Rahmen, Lenkern, Sattelstützen, Kurbeln, Laufrädern und Akkugehäusen. »Noch in jeder Fahrradgattung gab es bislang den Trend, das Gewicht zu drücken«, sagt Schlie. »Nun durchlaufen die E-Mountainbikes diese Entwicklung.« Ihm zufolge könnte die Nische der um vier bis fünf Kilo erleichterten Ultrakompakt-Bikes, wie er sie nennt, groß werden.E-Mountainbikes polarisierten nicht mehr so stark wie früher, erklärt Ole Wittrock vom deutschen Hersteller Rotwild den Paradigmenwechsel. Sein Unternehmen hat jüngst ein leichtes elektrisches Bergrad auf den Markt gebracht. Nachdem E-Mountainbike Fahrradfans früher in fast religiöse Lager der Gegner und Befürworter entzweit habe, entstünden »neue, tolerantere Nutzergruppen«. Die Konsequenz für die Industrie: Neue Bikes müssen her. Marketingidee oder relevanter Trend?Ob die Gattung nun eher einer Marketingidee der Branche entspringt oder tatsächliche Kundenwünsche bedient, stellt sich die Frage: Was haben Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer von dem neuen Segment?Experte Schlie, selbst Fan von Drehmoment und flotten Uphill-Fahrten, gesteht den Neuen Relevanz zu – vor allem an Orten, wo »sich die Frage stellt, ob man so viel Power braucht«. Die Ultrakompakt-Bikes seien ideal für Cross Country-Einsätze, leichteres Gelände und Mittelgebirgsgegenden, wo es an Aufstiegshilfen wie Liften oder Shuttles fehle, die Biker zum Trail-Einstieg bringen. Vor allem bergab seien die gewichtsoptimierten Bikes agiler und wendiger. Als Nutzergruppe sieht er sportlich ambitionierte Biker, die bergauf Forst- und Schotterwege anspruchsvollerem Gelände vorzögen.  Die wenigen Hersteller, die bisher auf den Zug aufgesprungen sind, sehen in den leichten Bergrädern eine Rückkehr zum natürlichen Fahrgefühl, wie man es von Mountainbikes ohne Motor kennt. Weniger »E« bedeute mehr »Bike«, heißt es beim spanischen Traditionshersteller Orbea, der das Modell Rise baut. Es wiegt nur rund 16,5 Kilo und ist eines der leichtesten E-Fullys. Sprecher Philipp Martin sieht »eine tolle Möglichkeit, das E-MTB für Menschen interessant zu machen, die sich mit den großen und schweren E-Bikes nicht identifizieren können«. Rotwild nimmt für sich in Anspruch, »das klassische Mountainbike-Fahrerlebnis zurück in die Welt der E-MTBs« zu bringen. Ein hochgerüstetes E-Mountainbike könne man so fahren, »dass man annähernd nicht schwitzt«, sagt Patrick Laprell von der Marke Focus. Die neuen Leichten lassen einem diese Option kaum noch. Um Gewicht zu reduzieren, schrumpfen Hersteller auch die Motoren oder drosseln Leistung und Drehmoment. »Man muss mehr reintreten«, sagt Laprell. »Das geht deutlich mehr Richtung Sport.«Schon der Eindruck während einer Testfahrt im Frühjahr 2020 mit einem Vertreter der Light-E-MTBs bestätigte das. Das Carbonbike Helium 5.9 All-Mountain der österreichischen Marke Nox Cycles empfahl sich mit puren Fahreigenschaften ambitionierteren Fahrern. Der Motor des Nox mit seinen 60 Newtonmetern fordert an Steigungen mehr Beteiligung ein als die schwer bestückten Konkurrenzmodelle. Selbst in der höchsten der drei Stufen ist die Tretunterstützung dezent. Es scheint, als stamme der Pedelec-Kraftbonus auf wundersame Weise aus den eigenen Waden.Weniger Leistung, bessere ReichweiteWeniger Drehmoment, mehr Muskelkraft – das spart auch Strom. Verdoppelt der Motor etwa die Pedalkraft nur noch statt sie zu vervierfachen, steigert das die Reichweite des Rades. Das gleicht die kleineren Akkus je nach Fahrweise fast wieder aus.Einen Nachteil der neuen Biker-Mode können aber selbst die Hersteller nicht verhehlen: »Leider besonders teuer«, seien die leichten E-Mountainbikes, sagt Ole Wittrock von Rotwild, »aber eben auch die Speerspitze der Technologie«. Die einem pro Bike teils weit über 10.000 Euro wert sein muss.nIcon: Der Spiegel