Fahrassistenten helfen, den Verkehr sicherer zu machen – aber animieren bei manchen Herstellern offenbar auch zum Regelbruch (Symbolbild) Foto: bfk92 / iStockphoto / Getty Images Sie bremsen, wenn man ein Hindernis übersieht, helfen, das Auto in der Spur zu halten und warnen vor Fahrzeugen im toten Winkel – Fahrassistenten machen den Verkehr in der Regel sicherer. Es scheint jedoch eine Ausnahme zu geben: BMWs Geschwindigkeitsassistent animiert Autofahrer offenbar eher dazu, Limits zu übertreten, als sie einzuhalten. Das Tool – laut BMW ab der 1er-Baureihe erhältlich – erregte zuletzt in sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit. »Tempolimit Assistent mit Offset. Weil rasen so günstig ist, kann man bei BMW bis 15 km/h permanent schneller fahren«, klagte ein Twitter-Nutzer, der nach eigenen Angaben einen BMW gemietet hatte.Tatsächlich ermöglicht es der manuelle »Speed Limit Assist« Fahrern, eine Geschwindigkeitsbegrenzung automatisch zu übertreten. Er erkennt das gültige Limit und übernimmt es für den adaptiven Tempomaten. Der Fahrer könne aber einstellen, dass ab 30 km/h stets bis zu 15 km/h auf das jeweils aktuelle Limit draufgeschlagen werden, bestätigte BMW auf SPIEGEL-Anfrage. Standardmäßig sei jedoch das tatsächliche Limit vorgegeben. Um es zu überschreiten, müsse der Fahrer die Einstellung ändern. Dabei könne er auch zwei Überschreitungsstufen einstellen, sodass das Tempolimit in der Stadt zum Beispiel stets nur um fünf km/h überschritten wird und erst bei einem Limit von über 60 km/h um bis zu 15 km/h.Auch Ford erlaubt bis zu zehn km/h mehrEine derartige Technik haben offenbar nicht nur Fahrzeuge von BMW. So war in einem Test des ADAC im Jahr 2018 auch beim Ford Galaxy eine Toleranz von bis zu 10 km/h mehr einstellbar. Ford bestätigte gegenüber dem SPIEGEL, bei der adaptiven Geschwindigkeitsregelanlage des Herstellers könne der Kunde eine Toleranz von bis zu 10 km/h einstellen, standardmäßig stehe die Einstellung aber auf Null. Mercedes erklärte, die Systeme des Herstellers böten keine Möglichkeit, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit grundsätzlich um eine bestimmte km/h-Zahl zu überschreiten. Fahrassistenten sollten dem Hersteller zufolge helfen, Unfallzahlen zu senken. Eine Toleranz des Geschwindigkeitslimit-Assistenten würde diesem Anspruch entgegenstehen.Beim Konkurrenten Audi ließe sich lediglich einstellen, ob die Fahrerin das erkannte Tempolimit übernehme oder nicht, erklärte ein Sprecher. Es gebe zwar eine als Toleranz bezeichnete Unterfunktion. Die gestalte aber lediglich den Übergang in eine geringere Geschwindigkeit langsamer, damit der Wagen effizienter fährt. Toleranz soll Akzeptanz für Assistenten erhöhenBMW verteidigte die Funktion gegenüber dem SPIEGEL. Sie helfe dem Fahrer, die Geschwindigkeit besser an den Verkehrsfluss anzupassen. Zudem werde der Tempoassistent eher akzeptiert und häufiger genutzt, wenn er den Regelbruch zulässt. Dies sei immer noch besser, als ohne »Speed Limit Assist« zu fahren – dann seien Fahrer tendenziell noch schneller unterwegs.Die Funktion erscheint jedoch zumindest geeignet, die Sicherheit im Straßenverkehr zu gefährden. So verlängert sich der Anhalteweg, je schneller ein Auto unterwegs ist. Allein der Reaktionsweg (bevor der Fahrer zu bremsen beginnt) fällt laut ADAC bei Tempo 45 um knapp fünf Meter länger aus als bei Tempo 30.»Die Frage ist, ob es hier wirklich bis zu 15 km/h sein müssen«, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), mit Blick auf den BMW-Assistenten. »5 km/h Toleranz hätten sicherlich ausgereicht«.Fehler liegt im politischen SystemGrundsätzlich sei die Funktion jedoch zulässig. »Fahrassistenzsysteme beruhen rechtlich auf reiner Freiwilligkeit des Fahrers«, erklärt Brockmann. »Der Hersteller kann hier Hinweise wie ein blinkendes Schild, ein Piepsen oder eben wie hier BMW eine Toleranz anbieten«. Auf EU-Ebene sei es bisher nicht möglich gewesen, ein System durchzusetzen, das zu schnelle Fahrer übersteuert und abbremst. »Der Fehler liegt hier also im System«, so Brockmann. Zudem sind Bußgelder für zu schnelles Fahren in Deutschland zu niedrig, findet Brockmann. Wer das Limit innerorts um 11 bis 15 km/h überschreitet, muss laut ADAC nur mit einer Strafe in Höhe von 25 Euro rechnen. Ein paar km/h zu schnell zu fahren, ist deshalb vielerorts normal.In der Schweiz würde sich vermutlich niemand einer derartigen Funktion bedienen, sagt der Unfallforscher. Das Nachbarland straft Verkehrssünder härter. Wer in der Stadt 11 bis 15 km/h zu fix unterwegs ist, zahlt 250 Franken (etwa 230 Euro).In Deutschland wiederum würden Fahrer ein System, das sie genau am Tempolimit abbremst, womöglich gar nicht nutzen. »Man bekommt als Hersteller leider keine Akzeptanz für seinen Geschwindigkeitsassistenten, wenn seine Fahrzeuge die einzigen sind, die in der Stadt exakt Tempo 50 fahren«, klagt Brockmann.Guter Grundgedanke mit zu hoher Toleranz?BMWs toleranter Ansatz hat in Brockmanns Augen deshalb eine positive Seite. Immerhin müssten Fahrer sich überhaupt fragen, ob sie sich auf ein Limit einlassen – anstatt nur ein Begrenzungsschild eingeblendet zu bekommen und es komplett zu ignorieren.Den bayerischen Hersteller sieht er deshalb in einer unglücklichen Lage und eher den Gesetzgeber in der Pflicht. »Wir brauchen auf europäischer Ebene strengere Regeln für Fahrassistenten und Maßnahmen wie einen haptischen Widerstand im Gaspedal, sobald man das Limit überschreiten würde«, fordert der Unfallforscher.Dies, zumal die Strafen für zu schnelles Fahren in Deutschland zunächst wohl weiter lasch bleiben dürften – der Streit um den Bußgeldkatalog schwelt weiter. »Solange die Bußgelder in Deutschland nicht abschrecken und regelmäßig zu schnell gefahren wird, müssen wir solche Systeme leider akzeptieren«, so Brockmann. Dennoch droht Autofahrern eine besondere Konsequenz, wenn nachgewiesen wird, dass sie im Assistenzsystem eine überhöhte Geschwindigkeit eingestellt haben, erklärt eine Sprecherin des ADAC. Dies könne als Vorsatz ausgelegt werden – dann werde ein höheres Bußgeld fällig.nIcon: Der Spiegel