Es wäre eine neue Eskalation im Kampf gegen das Coronavirus: Für einige Stunden am Donnerstag schien es, als könnte der Bus- und Bahnverkehr in Deutschland ausgesetzt werden, um die Pandemie effektiver einzudämmen. Die Bundesregierung hatte ein derartiges Vorgehen erwogen, wie der SPIEGEL erfuhr, zuerst hatte die »Bild«-Zeitung darüber berichtet. Bedenken aus dem Bundesverkehrsministerium und Ländern führten dazu, dass der Plan nun vom Tisch ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ihn dementiert.nDennoch hat der Vorschlag ein starkes Echo erzeugt. Und es bleibt die Frage, ob er womöglich eines Tages erneut diskutiert wird. Schon häufiger haben Politiker in der Coronakrise drastische Maßnahmen erwogen, zurückgezogen und dann doch umgesetzt, wie etwa Schulschließungen.Das Kalkül hinter der Idee ist klar: Wenn sich in Bussen und Bahnen keine Menschen mehr begegnen, sinken die Infektionszahlen. Deshalb könnte es prinzipiell sinnvoll sein, den öffentlichen Verkehr komplett einzustellen. Das würde Busse, U- und S-Bahnen betreffen, aber auch die Deutsche Bahn.Experte: Menschen sind noch zu viel unterwegsOb sich Menschen derzeit tatsächlich häufig im Nah- und Fernverkehr anstecken, ist allerdings unklar. Laut einer Auswertung des RKI von Anfang Dezember zu den Ansteckungsorten infizieren sich die meisten Menschen an ihrem Wohnort (62 Prozent). Acht Prozent handelten sich das Virus in Betreuungseinrichtungen (Kitas, Seniorentagesstätten) ein, sieben in Kliniken oder Arztpraxen und fünf am Arbeitsplatz. Busse und Bahnen sind als Ansteckungsort nicht ausgewiesen. Laut RKI lassen sich Ausbrüche etwa im Bahnverkehr nur schwer verfolgen, da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar ist.Physiker Dirk Brockmann vom Robert Koch-Institut (RKI) sieht dennoch dringend Handlungsbedarf und plädiert gerade im Verkehrsbereich für härtere Maßnahmen. Die aktuellen Vorgaben wirkten nicht so gut wie der Lockdown im vergangenen Frühjahr, das sehe man auch an den Mobilitätsdaten, sagte Brockmann im ZDF-»Morgenmagazin«.Damals sei die Mobilität innerhalb einer Woche um 40 Prozent zurückgegangen. Auch seit Dezember seien weniger Menschen unterwegs, allerdings seien die Zahlen langsamer gesunken. Auf Twitter schrieb Brockmann, dass der Anteil der Mobilität über lange Distanzen im ersten Lockdown viel stärker und viel schneller eingebrochen sei als während der zweiten Welle.Brockmann fordert, die tägliche Mobilität noch weiter einzuschränken. Es gebe nach wie vor Berufsverkehr, und in Großstädten wie Berlin volle Bahnen und Busse. Immer wieder hatte es während der Pandemie Berichte über volle ICEs gegeben. Derzeit sind die Fernzüge der Deutschen Bahn nach Angaben des Unternehmens allerdings nur zu 20 Prozent ausgelastet.Von einem Aus für den öffentlichen Verkehr wären Millionen Menschen betroffen. So wurden in Deutschland im Oktober 2020 pro Tag 14 Millionen Wege mit dem öffentlichen Nahverkehr zurückgelegt, erklärt Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. Davon seien 7,3 Millionen auf Menschen ohne eigenes Auto entfallen. Vier Millionen Menschen seien jeden Tag auf den ÖPNV angewiesen, um zur Arbeit zu kommen – etwa, weil sie kein Auto haben. Vor allem Geringverdiener nutzen noch den ÖPNVEin Stopp für Busse und Bahnen wäre jedoch vor allem aus sozialer Perspektive problematisch. Denn 40 Prozent der ÖPNV-Nutzerinnen und -Nutzer haben Knie zufolge ein Nettoeinkommen von weniger als 1300 Euro. Der Nahverkehrs-Stopp träfe »insbesondere Menschen mit geringem Einkommen«, warnt der Wissenschaftler.Fraglich ist, wie in einem derartigen Szenario der Betrieb in lebenswichtigen Einrichtungen aufrechterhalten werden könnte. »Um die Infektionszahlen zu senken, wäre eine solche Maßnahme zwar möglicherweise hilfreich«, sagt ein Sprecher des Hamburger Krankenhausbetreibers Asklepios. »Aber sie könnte schlimme Nebenwirkungen haben: Viele systemrelevante Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kämen nicht mehr zur Arbeit.«Etwa ein Viertel der gut 14.000 Asklepios-Beschäftigten nutze öffentliche Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit. Zwar könnten manche auf Auto oder Fahrrad ausweichen – viele hätten aber keine Alternative zu Bussen und Bahnen des Nah- und Regionalverkehrs. Die meisten Angestellten hätten es relativ weit zur Arbeit, sagt der Unternehmenssprecher. »Da können Sie nicht von einer Schwester oder einem Pfleger verlangen, dass sie mit dem Taxi zur Arbeit kommen.«Wirtschaft ist auf Fahrverbote kaum vorbereitetAls besonders kritisch könnte sich bei einer derartigen Maßnahme erweisen, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer kaum auf sie vorbereitet sind. Es müsste womöglich ein Fahrdienstsystem für Menschen aufgebaut werden, die besonders wichtige Tätigkeiten ausüben – sei es im Gesundheitswesen oder in anderen Bereichen von Grundversorgung und Industrie. Im ersten Shutdown hatte der Fahrdienstleister Moia, eine Tochter des VW-Konzerns, einen solchen Service mit Kleinbussen in Hamburg in den Nachtstunden angeboten.Von Plänen, ein solches Konzept flächendeckend auszurollen, ist nichts bekannt. Kaum vorstellbar erscheint, dass Verwaltungen das kurzfristig leisten können, da sie mit der Impfkampagne und Präventionsmaßnahmen schon jetzt vielfach überlastet sind. Ob ein solches Fahrsystem mit Pkw nicht selbst anfällig für die Virusverbreitung wäre, ist ebenfalls ungewiss.Beschränkungen nicht ausgeschlossenMan sollte lieber allen Menschen, die jetzt noch auf den ÖPNV angewiesen sind, viel Abstand ermöglichen, fordert Philip Kosok von der Agora Verkehrswende. Dazu sollte der normale Fahrplan aufrechterhalten werden. »Der ÖPNV ist Teil der Daseinsvorsorge, weil er im Gegensatz zum Auto allen Menschen Mobilität ermöglicht«, so Kosok. Man dürfe nicht die Verkehrsmittel einschränken, sondern müsse die Zahl der Anlässe reduzieren, wegen derer Menschen sich auf den Weg machen würden.Auch die Lobbyorganisation Allianz pro Schiene lehnte mögliche Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr ab. Infektionsschutz sei wichtig, man dürfe aber nicht vergessen, dass Krankenschwestern, Altenpfleger oder Verkäuferinnen zur Arbeit kommen müssen, warnte Geschäftsführer Dirk Flege. »Öffentlicher Verkehr ist Grundversorgung.«Der Regierung hat eine mögliche Zwangspause für den ÖPNV vorerst abmoderiert – allerdings ist damit noch nicht gesagt, dass es gar keine Veränderungen für Busse und Bahnen gibt. Ein begrenztes Angebot sei durchaus überlegenswert, heißt es aus einem SPD-geführten Bundesland. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sagte, man wolle den öffentlichen Personennahverkehr nicht »komplett einstellen«. Das schließt Beschränkungen nicht aus.nIcon: Der Spiegel