Autogramm: Dacia Sandero Es gibt sie noch, die billigen Dinge Der Dacia Sandero ist der günstigste Neuwagen in Deutschland – und das sieht man ihm jetzt kaum noch an. Der Hersteller hat an anderer Stelle gespart. Von Thomas Geiger 15.01.2021, 05.05 Uhr Dacia Sandero: billiger Kompaktwagen mit Technik von Renault. Foto: tibo / Dacia Der erste Eindruck: Gutes Design muss nicht mehr kosten als schlechtes. Mit modellierter Motorhaube, scharf geschnittenen Scheinwerfern und taillierten Blechen wirkt der neue Dacia Sandero fast schon frech. Ihm ist nicht gleich anzumerken, dass er der billigste Neuwagen in Deutschland ist, abgesehen von Ramschware, Grauimporten und Restposten. Foto: tibo / Dacia Dacia Sandero – recht und billig Das sagt der Hersteller: Die Renault-Tochter ist stolz auf den kleinen Preis. Doch wollen die Dacia-Verantwortlichen den Sandero nicht als Verzichtauto verstanden wissen. »Auch in dieser Liga sind die Ansprüche der Kunden gewachsen und wir haben entsprechend nachgelegt«, sagt Produktmanager Andreas Kinnen. Angelockt vom Preis, gäben Kundinnen und Kunden dann doch gern etwas mehr aus. Dafür bekämen sie jetzt noch mehr Auto, sagt Kinnen. Nun gibt es etwa ein Touchscreen-Entertainment, Zierkonsolen rings ums Cockpit und viele Assistenzsysteme. Selbst ein Schiebedach wird erstmals angeboten.Trotzdem klettert der Preis nicht viel. Der Wagen sei weiterhin einfach konstruiert und schnell zu montieren, erläutert ein Ingenieur aus der Zentrale in Paris. Gebaut wird er in Niedriglohnländern wie Rumänien und Marokko. Auch wenn Dacia mehr Auswahl bietet als früher, ist die Liste der Optionen nicht einmal halb so lang wie bei Renault. Von der schlanken Motorpalette ganz zu schweigen. Das ist uns aufgefallen: Der leicht gewachsene Sandero fühlt sich in beiden Sitzreihen etwas geräumiger an als ein Renault Clio oder ein VW Polo, obwohl alle drei ähnlich lang sind. Das ist auch eine Folge von Dacias Sparstrategie: Der Hersteller verzichtet auf manchen Schnickschnack, der bei den Konkurrenten Bauraum kostet. Das gilt fürs Armaturenbrett wie für die Sitze, die im Sandero deutlich dünner sind. Der Komfort leidet darunter aber nicht nennenswert.Zudem hat sich manches verbessert. Die mit Stoff bezogenen Konsolen werten die triste Kunststofflandschaft auf. Zierelemente glänzen auf Schaltern und Tasten. An einem Haken im Beifahrerfußraum lässt sich die Einkaufstasche fixieren. Clever ist auch die Dachreling bei der SUV-artigen Variante Stepway. Mit drei Handgriffen ist sie zum Gepäckträger umgebaut. 360°-Ansicht Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Dacia Sandero mit unserem 360-Grad-Foto Aber wo genau hat Dacia so gespart? Geschickt versteckt hat der Hersteller labbrigen Stoff, der das Sitzgestell verkleidet, auch die offenen Schrauben in den Türen und blankes Blech im Kofferraum sind nicht gleich zu sehen. Aber – wen stört das überhaupt?Bedeutender, vor allem für den Fahrer: Der Motor des Dacia leistet weniger als andere Kleinwagen. Zudem knurren die Motoren etwas lauter, sie sind schlechter isoliert. Lenkung und Fahrwerk wirken nicht sehr souverän, irgendwie laxer als Renault Clio oder VW Polo. Wer für den Spaß am Fahren ins Auto steigt, ist im Sandero fehl am Platz. Das muss man wissen: Zwar gibt es den Sandero ab 8490 Euro, da kostet manches elektrische Lastenfahrrad mehr. In einem Auto zu diesem Preis müssen Insassen Fenster jedoch rauf- und runterkurbeln, die Spiegel manuell einstellen und Türen einzeln öffnen. Halbwegs zeitgemäß ausgestattet kostet er als »Comfort« 9990 Euro. Für den »Stepway« mit Plastikplanken, etwas mehr Bodenfreiheit und Dachreling verlangt Dacia mindestens 11.390 Euro. Doch selbst voll ausgestattet mit schlüssellosem Zugangssystem, automatischer Notbremse und Metalliclack kommt der Preis kaum über 15.000 Euro. Dafür gibt es Polo und Co. nur gebraucht.  Dacia peppt seinen Sandero insgesamt also auf, auch mit mehr Sicherheitsausstattung und Vernetzung. Beim Antrieb bleibt es aber eintönig: Elektrifizierung, selbst mit Mildhybridtechnik, sei bei diesen Preisen nicht drin, räumt Produktmanager Kimmen ein. Bald immerhin debütiert das Modell Spring als erstes reines Elektroauto von Dacia. Der soll etwas größer als der Renault Twingo sein und der billigste Stromer im Land werden. Nach Abzug der Fördergelder dürfte er weniger als 10.000 Euro kosten, ist bei Dacia zu hören.Geplant sich immerhin 225 Kilometer Reichweite. Gebaut wird er in China.Für den Sandero bietet Dacia zwei konventionelle Benziner an, die auch im Renault Clio stecken. Beide haben drei Zylinder, einen Liter Hubraum und kommen als Sauger auf 65 oder als Turbo auf 90 PS. Einen Diesel gibt es nicht mehr, für Sparer gibt es einen LPG-Motor, der in ebenfalls drei Zylindern Flüssiggas verbrennt und auch mit Benzin läuft. Er ist mit 100 PS Leistung der stärkste und mit 183 km/h Höchstgeschwindigkeit zugleich der schnellste in der Motorenfamilie.Das werden wir nicht vergessen: Die alberne Melodie, die beim Ein- und Aussteigen ertönt. So stolz die Dacia-Leute auch aufs neue Infotainment sein mögen – das hätten sie sich wirklich sparen können. Hersteller:DaciaTyp:SanderoKarosserie:KleinwagenMotor:Dreizylinder-TurbobenzinerHubraum:999 ccmLeistung:91 PS/ 67 kWDrehmoment:160 NmGetriebe:Sechsgang-SchaltgetriebeAntrieb:FrontantriebVon 0 auf 100:11,7 Sek.Höchstgeschwindigkeit:178 km/hVerbrauch:4,8 l/100 kmCO2-Ausstoß:110 g/kmGewicht:1127 kgLänge/ Breite/ Höhe:4088 / 1848 / 1499Kofferraumvolumen:328 Literumgebaut:1108 LiterPreis:10.390 Euro Thomas Geiger ist freier Autor und wurde bei seiner Recherche von Dacia unterstützt. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.nIcon: Der Spiegel