Ein Oldtimer, der den aktuellen Anforderungen entspricht: Der Morgan Plus Four – nach wie vor auf einem Eschenholzrahmen aufgebaut. Foto: Morgan Der erste Eindruck: Von gestern – nein, von vorgestern! An der Optik hat sich bei den Briten in den letzten 90 Jahren fast nichts geändert. Würden nicht LED in den Froschaugen auf den Kotflügeln strahlen, könnte man den Roadster auch kaum vom Vorgängermodell unterscheiden. Foto: Morgan Das sagt der Hersteller: Es mutet etwas seltsam an, wenn Morgan-Chef Steve Morris sagt: »Auch wir dürfen uns der Zukunft nicht verschließen.« Er wirkt dabei auch weniger euphorisch als seine Kollegen bei Aston Martin oder McLaren. Denn für Morgan ist das Morgen ungleich riskanter – kein anderer Autohersteller ist derart in der Vergangenheit verhaftet wie der Kleinserienhersteller aus Malvern Link südwestlich von Birmingham, der im Jahr nicht mal tausend Autos baut. Während andere Marken auf retro machen, hat sich bei Morgan seit 111 Jahren äußerlich wenig geändert. Die Autos werden noch immer auf Eschenholzrahmen gebaut, die Bleche von Hand gedengelt, und die Formen dafür stammen oft noch aus den dreißiger-Jahren. Gefühlt sind es Oldtimer, tatsächlich aber Neuwagen, Baujahr 2021. In den Backsteinhallen der Firma riecht es nach Hobelspänen und Holzleim. Kein Computer, kein Roboter ist in der Produktion zu sehen. Ähnlich gestrig wie Morgans Autos sind auch die Kunden. »Vielen ist schon das vierte Rad am Wagen zu modern, dabei gibt es das bei uns seit 1936«, erinnert Morris an das Jahr, in dem dem seit 1909 gebauten Threewheeler ein Modell mit einem vierten Rad zur Seite gestellt wurde (daher der Namenszusatz Plus). Der Traditionskurs birgt allerdings Probleme. Zulassungsbehörden fordern ABS und Otto-Partikelfilter. Neukunden mögen zwar die altmodische Form, verlangen aber etwas mehr Moderne im Auto. Auch die Kooperationspartner, von denen Morgan Motoren, Getriebe oder Elektronik kauft, setzen auf Fortschritt. Und so muss Morris doch auch an morgen denken. »Während wir an der Form des Autos so wenig wie möglich geändert haben, ist die Plattform neu, auch Motoren, Getriebe und Cockpit«, sagt Morris. Das alles bezieht Morgan von BMW. So sollen Altkunden gehalten und CO2-Strafen vermieden werden. 360°-Ansicht Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Morgan Plus Four mit unserem 360-Grad-Foto Das ist uns aufgefallen: Im neuen Modell gibt's plötzlich jede Menge Hightech. Hinter dem Lenkrad klemmt ein digitales Display, daneben sind moderne Instrumente und auf dem Mitteltunnel sitzt statt des Schaltknaufs ein Automatikwählhebel. Der Morgan wirkt plötzlich ein bisschen wie ein BMW Z4, der für ein Autoklassiker-Event verkleidet wurde. Im knorrigen Original brauchte jede Meile Mut und Muskeln. Der eher sprunghafte Wagen war kaum auf der Straße zu halten, der Wind pfiff dem Fahrer noch wilder um die Ohren als heute. Die Neuauflage ist ein moderner Cruiser. Die Federung wurde entspannter abgestimmt, die Gänge wechseln lässig. Auch gut: Zum ersten Mal sitzen größere Menschen halbwegs bequem, ein Sozius hat ebenfalls Platz. Das Fahren im Morgan macht Spaß – auch, ohne dass der BMW-Motor ins Sportprogramm wechselt, was die Geräuschkulisse nah an die Grenze zur Peinlichkeit bringt. Es genügt, ein wenig beherzter aufs Pedal treten. Der Fahrer sitzt sehr tief im Auto und 258 PS Leistung und 400 Nm Drehmoment bewegen lediglich 1009 Kilo Trockengewicht. Außer einem ABS gibt es nichts, was dem Fahrer ins Handwerk pfuscht.Mit einem Zittern im kurzen Heck beschleunigt der Plus Four in 4,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h und fliegt über die Nebenstraßen. Die Lenkung präzise, der Aufbau bocksteif, die Karosserie schmal – so trifft sich auch auf schmalsten Sträßchen die Ideallinie gut, zumal die Blickachse ungehindert über die frei stehenden Scheinwerfer geht. Bei Vollgas sind 240 km/h drin, das reicht völlig. Das sind 50 km/h mehr als bisher, zudem fühlt es sich in einem Morgan schneller an, weil das Auto so klein ist.Im Vergleich mit wuchtigen Supersportwagen punktet der Morgan Plus Four in mehrfacher Hinsicht: Er ist seltener als die meisten Flitzer, weniger aggressiv und deshalb sympathischer und sehr viel billiger.Das muss man wissen: Der Morgan Plus Four wird von Hand gebaut in Malvern Link und ist mit Technik aus BMW Z4 und Toyota Supra gespickt. In Deutschland vertreiben ihn drei Händler. Als Richtpreis gibt ihnen die Zentrale 74.600 Euro vor. Anders als sonst üblich bei derart exklusiven Autos sind Optionen und Preise beschränkt: Auch mit noch so vielen Kreuzchen auf dem Bestellzettel wird eine sechsstellige Kaufsumme kaum erreicht.Zwar sieht der Plus Four auf den ersten Blick aus wie jeder andere Morgan und wird auch in einem ähnlichen Verfahren gebaut. Doch sei das Auto eine Neuentwicklung, sagen die Briten. Genau wie der große Bruder Plus Six nutzt er eine Aluminiumplattform, auf der der Holzrahmen befestigt ist. 97 Prozent der Teile seien neu. Obwohl der Wagen schneller und stärker ist als bisher, zahlt sich die neue Technik beim Verbrauch aus: Der sinkt um 30 Prozent auf sieben Liter. Immer noch ziemlich viel für ein solches Leichtgewicht, aber sehr wenig für einen Roadster, der rennt wie ein Supersportwagen. Das werden wir nicht vergessen: Den Moment, an dem sich der Himmel zuzieht. Während man beim technischen Erblasser BMW Z4 per Knopfdruck nach kaum 20 Sekunden ein Dach überm Kopf hat, muss im Morgan das Verdeck noch von Hand aufgespannt werden. Danach werden die Scheiben in die Türen gesteckt und mit einem Splint festgeschraubt. Da ist der neue Morgan ganz der alte. Und wenn einem der Regen in den Kragen läuft, ist auch das alte Gefühl vom Motoristen wieder da, der gegen Temperatur und Technik kämpft.nIcon: Der Spiegel Hersteller:MorganTyp:Plus FourKarosserie:RoadsterMotor:Vierzylinder-Turbo-BenzindirekteinspritzerGetriebe:8-Gang-AutomatikAntrieb:HeckantriebHubraum:1998 ccmLeistung:258 PS / 190 kWDrehmoment:400 NmVon 0 auf 100:4,8 sHöchstgeschw.:240 km/hVerbrauch:7,0 l/100 kmCO2-Ausstoß:159 g/kmMaße:3830 / 1650 / 1250Gewicht:1009 kgPreis:95.000 Euro