Früher gab es vor allem zwei Fahrradtypen: Damenräder und Herrenräder – das eine mit, das andere ohne Stange. Die alte Geschlechtertrennung ist längst überholt, Frauenfahrräder gibt es trotzdem noch. Tiefer Einstieg, breiter Sattel, geschwungener Lenker und ein Speichenschutz. Das sind die wesentlichen Merkmale des traditionellen Damenrads. Doch Experten sind sich einig: Nach Damen- und Herrenrädern muss heute gar nicht mehr unterschieden werden. "Zwar gibt es das klassische Damenrad mit diesem tiefen Durchstieg immer noch, aber insgesamt sind die Geschlechtergrenzen bei Fahrrädern fließend", sagt David Koßmann vom Pressedienst Fahrrad (pd-f). Vor allem bei Sporträdern seien die Grenzen anhand der Formen kaum erkennbar. Daneben aber würden viele Männer genauso gerne ein Fahrrad mit bequemem Einstieg wählen, wie auch Frauen ein sportliches Rad mit Stange. Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hält die traditionelle Aufteilung für mehr oder weniger überholt. "Diese Unterscheidung gründet oft in der Annahme, dass es einen grundsätzlich anderen Körperbau der Geschlechter gibt", sagt René Filippek vom ADFC. Grundlage hierfür seien aber in der Regel Durchschnittswerte, die über den einzelnen Menschen wenig aussagten. Es gebe auch Männer mit vergleichsweise kurzen Extremitäten und große Frauen mit proportional langen Armen und Beinen. Letztendlich müsse ein Fahrrad schlicht zum Radelnden passen, so Sebastian Böhm vom Fachmagazin "Aktiv Radfahren". "Entscheidend sind hierfür die Größe, die Proportionen, das Gewicht und der Anwendungsbereich." Diese Daten würden den Radtyp bestimmen – ob nun mit oder ohne Oberrohr. Woher kommt die Geschlechtertrennung beim Radeln? Zurück geht das typische Damenrad auf eine Zeit, in der die Geschlechtertrennung hierzulande noch viel deutlicher ausgebildet war. "Der tiefe Einstieg erlaubte Frauen die Radnutzung, als die gesellschaftlichen Konventionen für Frauen lange Kleider und Röcke vorsahen und das Aufsteigen über ein Querrohr als unschicklich galt", sagt Filippek. Inzwischen aber habe sich diese Bauform emanzipiert und biete Vorteile für jeden. Etwa wenn ein montierter Kindersitz den Platz versperrt, um das Bein über die Querstange und Sattel zu heben. Daneben bietet das Rad ohne Querstange auch als Einkaufsrad viele Vorteile. "Wer in der Stadt unterwegs ist und oft auf- und absteigen muss, weiß den tiefen Durchstieg sehr zu schätzen, speziell, wenn hinten die Einkäufe im Korb liegen", sagt Böhm. Und besonders bei E-Bikes, die gerne auch von älteren Radlern genutzt werden, macht die Damenrad-Bauart einen Großteil der Modelle aus. "So gesehen ist das alte Damenrad auch ein bisschen so etwas wie das neue Seniorenrad." Aber gibt es nicht geschlechtsspezifische Unterschiede? Aus technischer Sicht macht es ohnehin keinen Unterschied, ob ein Fahrrad eine Querstange, einen hohen oder einen tiefen Durchstieg hat. "Fahrdynamisch ist es heute irrelevant, nach welcher Bauart ein Fahrrad konzipiert ist, solange es auf die Belastungen hin optimiert wurde", sagt Gunnar Fehlau vom pd-f. "Die grundlegende Rahmengröße sowie Gabel, Sattel, Lenker und Griffe müssen auf die persönlichen Präferenzen eingestellt sein, darum geht es", ergänzt Koßmann. Ein genauerer Blick auf die Komponenten zeigt, dass es tatsächlich keine geschlechterspezifischen Bauteile mehr gibt, auch nicht den Sattel. "Zwar werden nach wie vor Damen- und Herrensättel vermarktet, objektiv aber ist diese Unterscheidung kaum zu halten, denn letztlich kommt es auf den Abstand der Sitzknochen und die Sitzposition an", sagt Filippek. Dass trotzdem noch reine Frauenfahrräder gebaut werden, sieht Radexperte Böhm im Markt begründet. "Es gibt nach wie vor Kunden, die explizit nach Damenrädern verlangen und es gibt auch weiterhin einige Firmen, die diese Nachfrage bedienen." Das Beste ist, meint Fehlau, gänzlich unvoreingenommen in den Fahrradladen zu gehen: "Man sollte nicht mit der Geschlechterbrille ein Fahrrad kaufen, sondern den Bedarf in den Vordergrund stellen."