Foto: Darin Schnabel/ Courtesy of RM Sotheby's Rent a Racer: Der Shelby GT 350 H Unterm Hammer: Ein Shelby GT350, Baujahr 1966, in der nur tausend Mal gebauten "H"-Variante des Autovermieters Hertz.Warum mitbieten? Kauf bloß keinen ehemaligen Mietwagen, die wurden immer nur getreten! Dieser Rat, den viele Gebrauchtwagenkäufer ungefragt bekommen, ergibt zumindest im ersten Moment Sinn: Schließlich kennen die Fahrer diese Autos in der Regel kaum - und haben auch kein besonderes Interesse, sorgsam mit ihnen umzugehen. Der Wagen muss ja nur die dreizehn Tage Pauschalreise unbeschadet überstehen und ohne Lackkratzer am Schalter zurückgegeben werden. Also kann man reinen Gewissens die Kupplung lange schleifen lassen, den Motor kalt in hohe Drehzahlbereiche jagen und knirschende Gangwechsel schulterzuckend hinnehmen. Die 400 Kilometer Pendelverkehr zwischen Flughafen, Strand und Hotel hält die Kiste schon. Diesen Rat sollte man bei diesem Wagen vergessen. Denn dieser Wagen ist nicht irgendein Miet-Mustang, den Urlauber auf der Suche nach dem Lebensgefühl Kaliforniens durch Feierabendverkehr von Los Angeles gequält haben. Dieses schwarz-goldene Exemplar ist einer der spektakulärsten Mietwagen, die je an einem normalen Verleihschalter im Angebot waren. So leistete der Shelby GT350 H 310 PS, ein Porsche 911 im Jahr 1966 standardmäßig derer nur 130. Dass die Schlüssel der sportlichsten, vom Ex-Rennfahrer Carroll Shelby getunten Variante des Ford Mustang überhaupt über US-Mietwagentresen gingen, verdankten Autofans einer fixen Marketingidee. Bis dahin sollte - neben klassischer Werbung - vor allem Erfolg auf der Rennstrecke Kunden von den Modellen überzeugen, Motto: "Win on Sunday, sell on Monday". Der 1964 auf den Markt gebrachte Ford Mustang war zwar ein Kassenschlager, zu einem wirklich sportlichen Image fehlten ihm jedoch Erfolge im Motorsport. 1965 wandte sich Ford deshalb an die Firma des ehemaligen Le-Mans-Siegers Carroll Shelby, um das neue Modell zum vollwertigen Sportwagen zu machen. Shelby war skeptisch, bezeichnete den Mustang gar als "Sekretärinnen-Fahrzeug", legte letztendlich aber doch Hand an. Mit mehr Leistung, besseren Bremsen und einem verstärkten Chassis siegte der nun als GT350 bekannte Mustang auch auf den Rennstrecken Nordamerikas. Für Shelby American, die Firma des Ex-Rennfahrers aus Texas, brach damit eine neue Ära als Mustang-Tuner an.Und die begann auch mit einem neuen Werbekniff. Nun sollte sonntags nicht mehr nur gewonnen werden, aus Kundensicht sollte es fortan heißen "drive on Sunday, buy on Monday": sonntags Probefahren, montags kaufen. Im September 1965 einigten sich Shelby und die Autovermietung Hertz darauf, den GT350 in einer Sonderedition über deren neuen "Sports Car Club" anzubieten. Dafür gingen rund tausend Exemplare an die Autovermietung und Clubmitglieder, die älter als 25 Jahre waren, konnten den Wagen für 17 US-Dollar pro Tag und 17 Cent pro Meile mieten - gerechnet in heutiger Kaufkraft wären das ungefähr 140 US-Dollar pro Tag und 1,40 US-Dollar pro Meile. Das "Rent a Racer" getaufte Programm bot beiden Seiten Vorteile: Shelby bekam potenzielle Käufer in seine Autos, ohne dass die Firma selbst Probefahrten anbieten muss, Hertz versprach sich neue Kunden, die sich nicht mit einem Standardmietwagen zufriedengeben wollten, nämlich "Geschäftsreisende, die sich einen Tempowechsel im Straßenverkehr wünschen, Sportwagenbesitzer fern der Heimat und Urlauber, die einen Sportwagen fahren wollen", wie eine Broschüre des Autovermieters aufzählte.Doch auch unter den tausend Hertz-Shelbys ist dieses Exemplar besonders. Es war eines der ersten 150, die ausgeliefert wurden - und ist eines von nur 85 mit manueller Viergangschaltung, alle übrigen Exemplare bekamen Automatikgetriebe. Denn es könne schließlich nicht jeder ein Schaltgetriebe fahren, argumentierte die Autovermietung Hertz. Anfang 1966 wurde dieser Wagen an eine Hertz-Station in Washington D.C. ausgeliefert - und offenbarte das Problem, an dem das gesamte Programm schließlich scheitern sollte.Denn der Shelby hatte bis zum 11. April desselben Jahres nur zehn Meilen zurückgelegt, fiel aber durch die in der Hauptstadt nötige Sicherheitsinspektion. So mussten Zylinder und Backen der hinteren Bremse getauscht werden. Die wenigen zurückgelegten Meilen waren offenbar besonders intensiv - und wurden wohl bei Beschleunigungsrennen zurückgelegt, bei denen die Hinterreifen zuvor meist mit einem Burnout aufgewärmt werden. Dabei überwindet der Motor die Kraft der hinteren Bremsen, während die vorderen Bremsen den Wagen auf der Stelle halten.Solche für normale Mietwagen untypischen Belastungstests waren mit einem GT350 H eher Regel als Ausnahme. Immerhin schaffte der Wagen die Viertelmeile, Standardmaß US-amerikanischer Beschleunigungsrennen, in damals zügigen 15,2 Sekunden und konnte auch auf Rundkursen überzeugen. Diese Qualität wurde den Miet-Shelbys letztendlich zum Verhängnis. Denn während sie zwar als Imageträger funktionierten, waren die Wartungskosten enorm hoch. So flog der GT350 H schließlich aus dem Programm, und die Fahrzeuge wurden verkauft. Beim Fahrzeug, das nun versteigert wird, wurde nach der Quälerei als Hertz-Wagen immerhin der Motor ausgetauscht. Das Auktionshaus RM Sotheby's beschreibt das Auto als "gut instand gehalten".Zuschlag! Der GT350 H stammt aus der "Elkhart Collection" und sollte ursprünglich im Frühjahr versteigert werden. Das Auktionshaus hat die Versteigerung wegen der Coronakrise aber auf den 23. und 24. Oktober verlegt. Es erwartet einen Preis von rund 250.000 US-Dollar.nIcon: Der Spiegel