Mit dem Wohnmobil ins Gelände. Hier ein Modell der Marke Hymer, das auch mit Allradantrieb und Geländeuntersetzung bestellt werden kann. Foto: Hymer Das Bimobil "EX 368" weckt Fernweh. Und es sieht aus, als käme man damit überallhin: Mit Allradantrieb, grobstolligen Reifen, Solaranlage und, für den Notfall, einer Seilwinde. Auch der ähnlich aufgerüstete "Cargo Camper Mountain" des österreichischen Ausbauers Cargoclips fällt auf Messen gleich ins Auge, selbst der Innenraum ist rustikal ausgestattet und bietet Outdoorlösungen wie Mountainbike-Aufhängungen und Ladungssicherung für Rumpelstrecken. Über einen Ansaugschnorchel für den Motor verfügt das Modell "Terock" der Offroadschmiede Terracamper - man kann mit dem Campingmobil also durch kleine Flüsse fahren. Auf dem Caravan Salon in Düsseldorf war sein Lack gar mit Schlammspritzern dekoriert. So wurde auch dem letzten Messebesucher klar: Die Straße endet, aber die Reise geht weiter. Foto: Hymer Mit dem Camper ins Gelände Dieser Trend hat einen Namen: CUV. Das Kürzel steht für Caravaning Utility Vehicle, analog zu SUV (Sport Utility Vehicle) bei Pkw. Zwar gibt es Expeditionsmobile schon fast seit Erfindung des Autos. Inzwischen aber sind die Offroadfahrzeuge besonders gefragt - nicht zuletzt, weil mehr jüngere, abenteuerlustige Menschen mit Wohnmobilen unterwegs sind. Auch große Reisemobilhersteller setzen deshalb öfter auf Offroadmerkmale und Abenteuerlook. Hymer, einer der größten Wohnmobilhersteller Europas, bietet für zahlreiche Modelle Assistenzsysteme fürs Gelände oder Getriebeuntersetzung an. Konkurrent Knaus brachte mit dem "Van TI Plus" im vergangenen Jahr erstmals ein Fahrzeug auf den Markt, das ab Werk mit Allradantrieb bestellbar ist.Unterwegs im CUVAuf Nachfrage bei den Herstellern heißt es fast gleichlautend, parallel zum Campingboom sei auch die Nachfrage nach offroadtauglichen Fahrzeugen stark angestiegen. Man gehe davon aus, dass dieser Trend in den kommenden Jahren bestehen bleibe, heißt es bei Hymer. Die Hersteller haben ihr Portfolio auch deshalb um Abenteurerkomponenten erweitert, weil Mehrausstattung immer auch Mehrpreis heißt. Auch bei der "Abenteuer & Allrad" im fränkischen Bad Kissingen, laut eigenen Angaben die größte Offroadmesse der Welt, ist der Geländetrend bei den Campingfahrzeugen zu beobachten. Zu den ersten Treffen vor zwanzig Jahren kamen etwa 10.000 Besucher. Zuletzt waren es mehr als 50.000.Der Boom im BoomSafari-Jeeps oder ausgebaute Unimogs werden dort seit jeher ausgestellt. Doch dass Kastenwagen und Campervans von fast allen Herstellern auch für den Offroadtrip gerüstet werden, ist neu. Diese kleineren Fahrzeuge machen 40 Prozent der 70.000 Reisemobil-Neuzulassungen aus und sind für den Umbau prädestiniert. Dagegen bedeutete Camping vor einigen Jahrzehnten noch vor allem Wohnwagen. Hinzu kommt heute: Mehr Menschen probieren Wintercamping aus, wie der Automobilclub ADAC beobachtet hat. Im vergangenen Jahr wuchs diese Urlaubsform hierzulande um 26 Prozent. Auf verschneiten Stellplätzen kann ein Allradantrieb sehr hilfreich sein.Zeiten des Rundumsorglos-Pakets sind vorbeiWoher aber kommt diese eskapistische Sehnsucht? "Die Menschen wollen weg vom Fertigprodukt", sagt Horst Opaschowski. Seit den Sechzigerjahren forscht der Zukunftswissenschaftler zu Freizeit und Tourismus. "Die Perfektion bis ins letzte Detail wie bei einem All-Inclusive-Cluburlaub ist nicht mehr gefragt. Heute geht das 'Ich' auf Reisen, man ist Herr seiner Zeit, folgt keinem Fahrplan." Der Offroadurlaub sei das letzte Nischenerlebnis für Abenteurer, die den Urlaub als Kontrast zum Alltag sehen. "Und höchstwahrscheinlich auch viel Illusion und Inszenierung", sagt Opaschowski. Die Illusion der unberührten Natur, die Inszenierung als Abenteurer mit dem dazu passenden, rustikalen Fahrzeugdesign. "Die Sehnsucht steckt im Menschen und ist aus ihm auch nicht herauszukriegen"nHorst Opaschowski, Zukunftsforscher Zudem beobachtet Opaschowski ein Umdenken, das er als Anzeichen von Postmaterialismus deutet. "Die Menschen fragen sich: Wie will ich leben?" Und würden dann erkennen, dass sie gar nicht so viel bräuchten. Der Offroadtrend passt dazu. Dennoch führt ein solches Umdenken auch dazu, dass Fahrzeuge mit Allradantrieb - die generell etwas mehr Sprit verbrauchen - bisweilen durch entlegenste Gegenden fahren - und so auch diese Refugien verschmutzen. Das mag zwar weniger umweltschädlich sein als eine Flugreise, steht aber im Widerspruch zur oft betonten Naturverbundenheit von Campern. "Ein derart widersprüchliches Verhalten wird seit Jahrzehnten gepflegt, und zwar in allen möglichen Bereichen", sagt Opaschowski. "Das ist ein Spannungsverhältnis, das bestehen bleiben wird. Die Sehnsucht steckt im Menschen und ist aus ihm auch nicht herauszukriegen."Wo wollen die Offroad-Camper alle hin?"Das Erleben und Entdecken der Natur abseits der bekannten Pfade ist ein starkes Motiv für viele Camper", sagt Daniel Onggowinarso, Geschäftsführer des Caravaning Industrie Verbandes (CIVD). In Europa allerdings ist es gar nicht so einfach, das auszuleben. Allerdings: "Das Angebot an Stellplätzen abseits von Campingplätzen nimmt seit Jahren zu", sagt Onggowinarso. "Immer mehr Bauern, Winzer und ähnlichen Betriebe bieten Parzellen an, die bewusst nur wenige Fahrzeuge aufnehmen und wenig Infrastruktur haben."Hinzu kämen die skandinavischen Länder, in denen das "Jedermannsrecht" gilt. Dort ist es unter Auflagen auch abseits von Campingplätzen erlaubt, zumindest eine Nacht lang zu stehen. Und Straßen, bei denen man mit einem normalen Wohnmobil normalerweise kehrtmacht, gibt es natürlich auch mitten in Europa.Auch Onggowinarso weiß, dass nur ein kleiner Teil der Camper tatsächlich die wirklich abenteuerlichen Passagen wählt. So seien es nicht nur die Fahreigenschaften, die den Offroadtrend befeuern. "Auch die Optik passt zum Zeitgeist." Ähnlich wie bei den SUV, den Familienautos im Geländewagenlook, geht es auch bei den CUV mehr um die optische Ausstrahlung und weniger um die technischen Fähigkeiten. Riffelbleche am Unterboden, Benzinkanister am Heck, wuchtige Trittleitern aufs Dach - derlei Merkmale signalisieren schon von Weitem, dass hier scheinbar ein hart gesottener Weltenbummler unterwegs ist. "Camper wollen nicht unbedingt alles machen – aber alles machen können", sagt Onggowinarso.Und selbst wenn die Offroadqualitäten des Campingbusses nur selten genutzt werden – vielleicht zweigt ja irgendwann einmal doch eine verlockende Schotterpiste vom geplanten Weg ab.nIcon: Der Spiegel