Neue Studie zu Aggression im Straßenverkehr Das Problem ist männlich Drängeln, Rasen, Pöbeln: Dem SPIEGEL liegen neue Zahlen der Unfallforscher zu Aggressionen im Straßenverkehr vor. Die Ergebnisse lassen für die Zukunft Schlimmes befürchten - vor allem von Besserverdienern. 30.09.2020, 15.35 Uhr Kampfplatz Straße: Etwa 12 Prozent aller Befragten gaben in einer Untersuchung an, dass Drängeln "einfach zu ihrem Fahrstil" gehöre Foto: Silke Enkelmann / EyeEm / Getty Images Montagnachmittag, während der Rushhour: Ein 45-jähriger Golf-Fahrer betätigt an einer Kreuzung in Wickrath seine Hupe - und begeht damit einen verhängnisvollen Fehler. Er will einen Audi-Fahrer auf den grünen Ampel-Pfeil aufmerksam machen und ihn zur Weiterfahrt animieren. Der Angehupte ist dafür jedoch wenig dankbar, steigt stattdessen aus und verpasst dem Golf-Fahrer laut zuständiger Polizei Mönchengladbach mehrere Faustschläge. Weiter südlich fällt zur gleichen Zeit ein 37-jähriger SUV-Fahrer auf, der nach Angaben der Polizei Offenburg auf der Bundesstraße 3 andere Autofahrer durch Drängeln und überhöhte Geschwindigkeit in tödliche Gefahr bringt. Es gelingt, den 37-Jährigen ausfindig zu machen; dieser zeigt sich völlig uneinsichtig und muss sich nun auch wegen Beamtenbeleidigung verantworten.Die zwei Ereignisse vom 29. September sind nur eine kleine Auswahl der Aggressionen, die tagtäglich auf deutschen Straßen für Angst und Schrecken sorgen. Die meisten Fälle von Raserei, dichtem Auffahren und anderem potenziell tödlichen Verhalten werden gar nicht erst gemeldet oder gar zur Anzeige gebracht; sie fließen somit auch in keine Statistik ein. Objektive Zahlen dazu, wie aggressiv es auf den deutschen Straßen zugeht, gibt es daher nicht, schon gar nicht, wenn es um Radfahrer oder Fußgänger geht, deren Fehlverhalten allerdings meist nicht ganz so gefährlich für andere ist. Um die Wissenslücken zu stopfen, wurden in der Vergangenheit etliche Studien erstellt, meist unter Autofahrern. Mehr zum Thema Die neueste Untersuchung dieser Art stammt von der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Ihre Ergebnisse werden am Donnerstag in Berlin präsentiert und liegen dem SPIEGEL in Auszügen vorab vor. Die Bilanz ist laut UDV-Leiter Siegfried Brockmann ernüchternd: Gegenüber einer vergleichbaren Studie von 2016 gebe es "geringfügige Veränderungen, die auf einen Anstieg hindeuten".Fast die Hälfte der Befragten fahren zu schnell, wenn sie sich ärgernFür die Untersuchung befragten die UDV-Forscher 1856 Menschen, die regelmäßig am Steuer eines Pkw sitzen. Dabei gaben fast die Hälfte der Teilnehmer an, zumindest gelegentlich viel schneller zu fahren, wenn sie sich ärgern. Etwa 30 Prozent der Befragten drängeln, wenn vor ihnen einer bummelt, 16 Prozent betätigen die Lichthupe, um sich auf der Autobahn freie Fahrt zu erkämpfen. Eine deutliche Veränderung stellte die UDV bei Fragen zur Aggressionsschwelle der Probanden fest: Während 2016 29 Prozent der Studienteilnehmer angaben, dass sie sich "sofort abreagieren müssen", wenn sie sich über andere Autofahrer ärgern, waren es diesmal 45 Prozent. Darüber, wie sie das tun, kann nur spekuliert werden: Einige begnügen sich vielleicht mit lauter Musik aus der Anlage ihres Autos, andere dürften den Stinkefinger zeigen. Brockmann befürchtet, dass viele Fahrer auch durch den Tritt aufs Gaspedal für Entlastung sorgen. Auf jeden Fall lässt der Anstieg mit Blick auf die Zukunft Schlimmes erahnen. Offenbar gibt es immer mehr Menschen, die beim Autofahrern zu ähnlich aufbrausendem Verhalten neigen wie beim Twittern. Drängeln gehört zum FahrstilSorgen bereitet dem Unfallforscher auch, dass etwa 12 Prozent aller Befragten angaben, dass Drängeln "einfach zu ihrem Fahrstil" gehöre. Coronabedingt war es in den Frühlingsmonaten etwas leerer auf den deutschen Straßen; insofern kann es sein, dass 2020 weniger Unfälle durch zu dichtes Auffahren verursacht werden. In den vergangenen Jahren waren laut Brockmann etwa 16 Prozent aller Unfälle Folge von "ungenügendem Sicherheitsabstand"; etwa 300 Menschen seien dabei pro Jahr ums Leben gekommen. In Rheinland-Pfalz führte die Polizei vergangenes Jahr sogar 30 Prozent aller Unfälle auf zu dichtes Auffahren zurück. Dabei fällt es vergleichsweise schwer, diejenigen aufzuspüren, denen Abstand egal ist. Die Polizei arbeitet mancherorts schon mit Drohnen, doch die meisten Drängler kommen mit ihrem potenziell tödlichen Fehlverhalten durch. Gelingt ausnahmsweise ein Fahndungserfolg, drohen im äußersten Fall ein Bußgeld in Höhe von 400 Euro und drei Monate Fahrverbot.In der Studie von 2016 ermittelten die UDV-Forscher auch, welche Verkehrsteilnehmer besonders zur Aggressivität am Lenkrad neigen. Ergebnis: Das Problem ist in erster Linie männlich. Überrepräsentiert waren zudem auch Menschen mit höherem Einkommen, die mit schweren Limousinen, SUV und Sportwagen die Straßen unsicherer machten.nIcon: Der Spiegel