Wo ist noch Platz? Über Lichter soll die Auslastung der U-Bahn-Wagen angezeigt werden. Foto: Nils Jünke/ Johannes Müller/ KH-Berlin In der Coronakrise tönen mahnende Worte aus den Lautsprechern an Bahnsteigen. "Bitte tragen Sie Ihre Maske. Bitte halten Sie Abstand." Obwohl das schon seit Monaten so geht, halten sich manche nicht an die Regeln. Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen wollen Bußgelder in Höhe von bis zu 150 Euro für Maskenverweigerer einführen. Masken gewinnen auch deshalb an Bedeutung, weil es nach dem Lockdown wieder voller in den S- und U-Bahnen unserer Städte wird. Abstand halten ist da leichter gesagt als getan. Vor allem, weil es an den Stationen meist chaotisch zugeht: Menschen hasten kreuz und quer durch die Gänge und über die Plattformen wahllos in die Waggons hinein. Während es in einigen Wagen schon eng wird, ist es in anderen luftig leer.Neuen Schwung erhalten deshalb Forschungen zu Systemen zur Fahrgastlenkung im ÖPNV, die teils schon vor der Pandemie liefen. Lieber denn je würden Betreibergesellschaften genau wissen, wie sich ihre Fahrgäste bewegen, um das Angebot daran anzupassen. Dabei geht es nun vor allem um das Thema Echtzeitmessung. Eine Forschergruppe in Berlin und auch die Deutsche Bahn in Stuttgart arbeiten gerade an technischen Lösungen, die in der Coronakrise einen zusätzlichen Nutzen bieten soll: mehr Distanz zwischen Fahrgästen herzustellen. Projekt 1: Kameras, die Fahrgäste zählenDie DB Regio hat sich in Stuttgart mit dem Start-up Brighter AI zusammengetan, um Passagiere über die Videokameras in den S-Bahn-Zügen zu zählen. So könne am Bahnsteig angezeigt werden, wie stark Züge in einzelnen Waggons ausgelastet seien, erklärt ein Sprecher der S-Bahn Stuttgart. Das habe auch Vorteile für die Abfertigung der Züge: "Wenn sich Fahrgäste aufgrund der Platzkapazitäten im Zug und auf den Bahnsteigen besser verteilen, lassen sich auch Haltezeiten zum Ein- und Aussteigen verkürzen", so der Sprecher.Für das Pilotprojekt wird eine Software genutzt, die Gesichter durch künstlich erzeugte Nachbildungen ersetzen soll. Die persönliche Identität sei dabei geschützt, keine Videodaten verlassen die Geräte und ein Personenbezug soll ausgeschlossen sein. So werde gegen keine Verordnung verstoßen. Ein Datum für die Aufnahme eines Testbetriebs mit einem Versuchsfahrzeug ist derzeit noch nicht absehbar. Projekt 2: Glühwürmchen, die in leere Waggons leitenEinen ähnlichen Ansatz verfolgt das Projekt "Firefly", das als Semesterprojekt zwischen Interaction-Design-Studierenden der Weißensee Kunsthochschule Berlin und Informatik-Studierenden der FU Berlin entstand. "Zu einer Zeit, als Corona noch ein Bier war", so Johannes Müller, einer der beteiligten Studierenden. Das Team entwickelte ein vernetztes Lichtsystem, das die Wagenkapazität und freie Plätze bereits vor der Einfahrt auf dem Bahnsteig anzeigt, sodass sich Wartende entsprechend verteilen können. Kleine Lichter, die Fireflies, also Glühwürmchen, markieren vor Einfahrt des Zuges die optimalen Einstiegsstellen. Das System ermittelt dabei, wie viel Platz in den einzelnen Zugteilen übrig ist. "Im Winter werden wieder mehr Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollen", erklärt Müller. Schon ab Herbst fahren weniger Menschen Fahrrad. "Umso wichtiger wird es sein, zu dieser Zeit Passagiere möglichst gleichmäßig und eigenmotiviert zur Einhaltung des größtmöglichen 'Personal Health Space' in den Bahnen zu verteilen." Zusammen mit dem Berliner Experimentiernetzwerk CityLAB ist er derzeit auf der Suche nach Partnern, um einen Prototyp zu bauen und im laufenden Verkehrsbetrieb zu testen. Auch Handydaten könnten genutzt werdenDie Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) machen sich ebenfalls Gedanken, wie Fahrgäste besser gelenkt werden können. Die Überlegungen reichen von automatischen Fahrgastzählsystemen (die allerdings eher ungenau seien) über Gewichtsmessungen und dem Rückschluss auf die Personenzahl im Waggon bis hin zur Nutzung von Handydaten, was jedoch datenschutzrechtlich heikel wäre. "Bei diesem Wunsch steht Corona auch gar nicht im Vordergrund", so eine Sprecherin der BVG. Die Fahrgastdaten gäben Aufschluss über Ausnutzung von Strecken und das Umsteigeverhalten. Mit diesem Wissen könne der Betrieb dann optimiert werden.Ob sich mehr Abstand als Virenschutz am Ende auch durchsetzen lässt, scheint allerdings ungewiss. "Wenn es um Corona geht", so die Sprecherin weiter, "muss man bedenken, dass wir in normalen Zeiten täglich 1,5 Millionen Menschen transportieren." Sollten die Fahrgastzahlen wieder auf gewohntes Maß steigen und es muss gleichzeitig Abstand gewahrt werden zwischen Fahrgästen, "dann müsste man unser Angebot verdoppeln, per Knopfdruck". Abstandsregeln im ÖPNV: vergebene Liebesmüh?Auch Mobilitätsforscher Andreas Knie sieht in den Bemühungen im ÖPNV "vergebene Liebesmüh": "Der öffentliche Verkehr und der urbane Raum sind durch Dichte gekennzeichnet", so der Wissenschaftler. Es werde kaum möglich sein, viel Distanz zu erzwingen. Die Fahrgastzahlen werden sich seiner Meinung nach dennoch erholen: "Die Menschen werden sich daran gewöhnen, sich wieder nahe zu kommen." Ein Mund-Nasen-Schutz könne dabei auch "als soziale Übung" helfen.Knie, tätig am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), überprüft mit seinem Team in einer Umfrage das Mobilitätsverhalten der Menschen während der Corona-Pandemie. Eine interessante Erkenntnis: Je mehr Menschen wieder den ÖPNV nutzen, desto sicherer fühlen sich die einzelnen Nutzer. Erklärbar sei das durch einen einfachen Effekt: das Gefühl von Normalität.Effektiv mehr Platz im ÖPNV lässt sich demnach nach einem recht konservativen Prinzip herstellen: mehr Wagen, mehr Strecken und eine dichtere Taktung des Angebots. Kombiniert mit ständiger Reinigung der Anlagen. Alles Dinge, die auch ohne die Corona-Pandemie von denen gefordert werden, die den ÖPNV als Hoffnungsträger für die Verkehrswende sehen.nIcon: Der Spiegel