Das Auto als kleines Stück Freiheit: Ein Dokumentarfilm stellt die Autos des Sozialismus vor, wie zum Beispiel diesen Saporoschez der Oldtimer-Liebhaberin Kristina Traktirova Foto: Kristina Traktirova Ein Staatsoberhaupt, das etwas Sinnvolles zur Rolle des Autos im Sozialismus sagen kann - auf Ronald Reagan würde da kaum jemand kommen. Trotzdem ist jener US-Präsident, der die Sowjetunion als "Reich des Bösen" schmähte, in der Arte-Dokumentation "Autos im Sozialismus: Freiheit auf vier Rädern" zu sehen, gewissermaßen als Experte für den Autokauf im Ostblock. Reagan erzählt in einer Szene einen Witz, der in der UdSSR kursierte: Darin will ein Bürger ein Auto kaufen. Er geht zur Behörde, bezahlt den Wagen und soll in zehn Jahren zur Auslieferung seines Autos wiederkommen. "Vormittags oder nachmittags?" möchte der Käufer wissen. Was das bei zehn Jahren für einen Unterschied mache, fragt der Mann hinter dem Schalter. "Nun ja, vormittags kommt der Klempner". Die Filmemacher Georgi Bogdanov und Boris Missirkov erinnern so mit einem Augenzwinkern daran, dass Menschen in den Staaten des sogenannten Ostblocks auf vieles warten mussten, vor allem aber auf ein eigenes Auto. Das Warten lohnte sich jedoch, denn das Auto war - genau wie auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs - nicht nur Gebrauchsgegenstand, sondern auch ein kleines Stück Freiheit. Mit der Rolle des Pkw im Ostblock befasst sich die Arte-Dokumentation "Autos im Sozialismus: Freiheit auf vier Rädern". Wenig Fakten, viel Liebe zum AutoIn dem Film kommen allerdings nicht die allgegenwärtigen deutschen Fernsehhistoriker zu Wort und rattern Fakten über die Autoindustrie des Sozialismus herunter. Man erfährt zwar, dass die Sowjetunion, obwohl sie eigentlich ein automobiler Nachzügler war, im Ostblock nicht nur bei Militär und Weltanschauung dominierte, sondern auch mehr Pkw baute als ihre Bruderländer.Ansonsten ist der Film erstaunlich arm an Fakten. Es gibt nur wenige Einzelheiten über die Autoproduktion und -industrie in der DDR, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion. Dafür erfährt das Publikum umso mehr über die Autos und ihre Liebhaberinnen und Liebhaber, die sie teils auch heute noch hegen und pflegen. Starthilfe mit dem VorschlaghammerIm Mittelpunkt stehen dabei eher die vergessenen, und in Westeuropa beinahe unbekannten Autos des Sozialismus. Statt des allgegenwärtigen Lada - der natürlich auch in diesem Film seinen Platz findet - konzentriert sich der Film vor allem auf die Modelle von Wartburg und Moskwitsch sowie den stark an den Fiat 600 erinnernde Saporoschez SAS-965. Ein Wagen, der im westlichen Ausland vor allem durch einen Kurzauftritt in einem James-Bond-Streifen bekannt wurde, bei dem ein CIA-Kontaktmann Bonds seinen SAS-965 mit einem beherzten Vorschlaghammer-Hieb startet.Die Regisseure Georgi Bogdanov und Boris Missikov setzen die vergleichsweise unbekannten Wagen geschickt in Szene. Auf die TV-Vorstellung des neuen Saporoschez aus dem Jahr 1966 folgt ein Sprung ins Jahr 2019, zum metallic-blauen SAS-965 des Liebhabers Petar Klissarov. Der wird, auf der Ladefläche eines Abschleppwagens stehend, ausgerechnet von einem Chevrolet Camaro überholt. Durch diesen Sprung zwischen zeitgenössischen Aufnahmen der Autos hinein in aktuelle Szenen der Protagonisten und ihrer Lieblinge kommt der Film wie ein durchchoreografiertes Autoballett daher. Und schafft es so, dem Zuschauer die Gefühlswelt rund um die Autos des Sozialismus nahezubringen. Ein Auto für die ärmsten der Bevölkerung"Dieser kleine Saporoschez war für die Ärmsten der Bevölkerung gedacht", so Klissarov, "und zu Zeiten des Kommunismus gab es viele davon." Die hinten angeschlagenen Türen dieses kleinen Wagens waren also gewissermaßen das am einfachsten erreichbare Tor zur kleinen Freiheit, die ein Auto den Menschen bot. Doch nicht nur deshalb sticht Klissarovs blau-metallic lackiertes Exemplar im Film hervor. Foto: Boris Missirkov/ Georgi Bogdanov Skoda, Sapo und Moskwitsch: Ein kleines Stück Freiheit auf vier Rädern Sein auf Perfektion getrimmtes Exemplar, für das mehrere andere Saporoschez als Ersatzteilspender herhalten mussten, hat mit einem einfachen Fahrzeug für die Massen kaum etwas gemein. "Nur die Ventile, ohne Felgen, ohne Reifen, kosten 12.000 Dollar", erklärt Klissarov im Film. So wurden die Chromteile des Wagens einzeln verpackt und in Kanada verchromt. Sein blauer Saporoschez mit weißer Innenausstattung wird dadurch zur Antithese des Kleinwagens für die ärmsten und steht nur abgedeckt am Straßenrand."Geld", sagt Klissarov, der zu seinem Wagen passende, weiße Prada-Schuhe trägt, "ist nicht alles. Es gibt einfach Dinge, die man richtig machen muss". Sein zum ultimativen Ostblock-Kleinwagen aufgemöbelter Saporoschez zeigt, wie wichtig die Autos des Sozialismus vielen Menschen sind. Der Wagen macht jedoch auch ein Problem sichtbar: Er ist zwar ein Stück Zeitgeschichte - aber eines, das zunehmend vergessen wird, auch in Klissarovs Heimat Bulgarien. Junge Leute könnten meist gar nicht sagen, was das für ein Wagen sei, klagt der Liebhaber. Vielleicht ein Mini-Cooper oder ein Fiat. "Es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass es ein Saporoschez, ein sozialistisches Auto sein könnte." Mit Geschichten wie der des blauen Kleinwagens schafft es die Dokumentation, dem Zuschauer das Leben mit den Autos nahezubringen, ohne die Schattenseiten der Wagen oder des dahinterstehenden Systems zu verschweigen. So spannt sie einen weiten Bogen vom Ziel, den Westen zu übertreffen, über die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings hin zur massenhaften Flucht aus der DDR in den Westen und dem Ende des Ostblocks, als Tausende mit ihren Wartburgs und Trabis über die Grenze fuhren. Das macht sie zu einem sehenswerten Auto-Film, auch wenn man dabei - zumindest aus technischer Sicht - wenig über die Fahrzeuge lernt."Autos im Sozialismus: Freiheit auf vier Rädern" ist am 7. August um 23.20 Uhr auf Arte zu sehen, online ist der Dokumentarfilm bereits ab dem 5. August verfügbar.nIcon: Der Spiegel