Zufahrt nur mit weniger als 95 Dezibel Standgeräusch: Für laute Motorräder gelten in Teilen Tirols Fahrverbote - wie hier in der Gemeinde Grän Foto: Nils-Viktor Sorge/ DER SPIEGEL Seit einem Monat macht Tirol Ernst. Während der deutsche Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) Forderungen des Bundesrats nach allgemeinen Fahrverboten für Motorräder an Sonn- und Feiertagen in manchen Regionen zurückweist, hat das österreichische Bundesland zum 10. Juni Fakten geschaffen. Seitdem sind beliebte Bergstraßen im Bezirk Reutte (Region Außerfern) für laute Maschinen gesperrt, nämlich solche, die laut Zulassung ein Standgeräusch von über 95 Dezibel aufweisen (Nahfeldpegel). Bei Verstößen droht ein Bußgeld von bis zu 220 Euro. Zuvor hatte eine Studie ergeben, dass hochtouriges Fahren beim Beschleunigen und Bremsen besonders störend ist. Als Gegenmaßnahme befürworteten die meisten Anwohner in Tirol Fahrverbote für laute Motorräder, die nun bis Ende Oktober gelten. Generelle Wochenendfahrverbote, wie sie der deutsche Bundesrat forderte, wurden für das Gebiet, das an das bayerische Allgäu und das bayerische Oberland grenzt, abgelehnt.Zahlreiche aktuelle Modelle vom Fahrverbot betroffenAktuell sind rund sieben Prozent der in Österreich zugelassenen Maschinen von der Sperrung betroffen. Auch für zahlreiche Hersteller ist die Regelung ein Einschnitt. Recherchen der Zeitschrift "Motorrad" zufolge liegen allein zehn aktuelle Modelle des Herstellers Ducati über dem Limit von 95 Dezibel. Die Motorradfahrer scheinen sich an das Verbot zu halten. Bei Kontrollen Ende Juni überprüfte die Polizei nach Angaben des Landes Tirol 1140 Motorräder, lediglich bei 15 Fahrzeugen lag das Standgeräusch über den erlaubten 95 Dezibel. Zehn davon kamen aus Deutschland, vier aus der Schweiz, nur eines aus Österreich."Es ist spürbar leiser geworden, die Grenze bei 95 Dezibel hat sich in kurzer Zeit bewährt", sagt Markus Eberle, Bürgermeister der Gemeinde Tannheim, die an einer der betroffenen Strecken liegt. Manche Besucher kämen nun zwar nicht mehr, bei der Bevölkerung und den übrigen Gästen komme die Maßnahme jedoch gut an, so Eberle. Motorradverbands-Funktionär hat Verständnis für TirolAls pragmatischen Ansatz lobt Holger Siegel, Vorsitzender der Vereinigten Arbeitskreise gegen Motorradlärm (VAGM), die Tiroler Regelung: "Die Regelung sperrt Motorräder aus, die auf legalem Wege sehr laut sind. Vor allem leistungsstarke Serienmodelle reißen die 95-Dezibel-Grenze. Ein lautes Standgeräusch weist oft auf ein insgesamt lautes Motorrad hin." Außerdem könne die Regelung Anwohner entlasten und ermögliche gleichzeitig den meisten Fahrern Motorradtouren. "Der Tiroler Weg ist also ein guter Kompromiss", folgert Siegel.Anders sieht es der Vorsitzende des Bundesverbands der Motorradfahrer (BVDM), Michael Lenzen: "Die Tiroler Regelung schließt Motorradfahrer, die ein nach allen Bestimmungen legales Verkehrsmittel gekauft haben, pauschal von der Benutzung bestimmter Straßen aus. Das halte ich für falsch." Die Anwohner hätten ein Recht auf Lärmschutz, genau wie es den Motorradfahrern zustehe, sich im Rahmen der Straßenverkehrsordnung zu bewegen, so Lenzen. Doch auch der BVDM-Vorsitzende räumt ein, dass Motorräder im Realbetrieb zu laut seien, denn "die derzeitigen Messverfahren bieten einfach zu viele Schlupflöcher", so Lenzen. Bis die jeweiligen internationalen Regelungen geändert würden, dauere es aber zu lange. "Dass Tirol nun selbst handeln will, ist deshalb verständlich." Allgäu und Südtirol würden Regel gern übernehmenSchon werden Stimmen laut, die eine ähnliche Lösung für betroffene Gebiete in Deutschland fordern. "Im Oberallgäu wünschen sich viele Anwohner einen Lärmgrenzwert", erklärt der Sachgebietsleiter Verkehrswesen des angrenzenden Landkreises Oberallgäu, Felix Fleischhauer. "Durch die Corona-Einschränkungen war es zudem lange Zeit sehr ruhig, das hat den Wunsch noch mal verstärkt." In der Region liegt der Jochpass, eine besonders beliebte Motorradstrecke.Zwar habe man durch Schwerpunktkontrollen den Lärm bereits reduziert. So prüft auf den beliebten Strecken des Allgäus beispielsweise eine auf Motorräder spezialisierte Kontrollgruppe der Polizei auch die Lautstärke der Maschinen. Viele Maschinen sind etwa durch Zubehörauspuffe unzulässig. Diese Kontrollen haben sich Fleischhauer zufolge bei den extremeren Fahrern herumgesprochen und so Lärm reduziert. Und sie zeigen, dass die Mehrheit der Biker ordentlich fahre. "Die wollen wir auch nicht pauschal ausschließen, müssen aber auch die Anwohner schützen. Das Tiroler Modell würde das natürlich vereinfachen", so Fleischhauer.Interessiert zeigen sich auch italienische Politiker. "Viele verwechseln unsere kurvenreichen Passstraßen mit Rennstrecken, deswegen halten wir die Tiroler Fahrverbote für einen Schritt in die richtige Richtung", erklärt der Südtiroler Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider.Der Tannheimer Bürgermeister Markus Eberle rät den Nachbarn zum 95-Dezibel-Modell: "Ich würde ihnen die Regelung in jedem Fall empfehlen, um die Anwohner zu entlasten."Verkehrsminister Scheuer blockiertDie 95-Dezibel-Grenze könnte betroffenen Regionen also helfen - aber wäre sie in Deutschland umsetzbar? Das Bundesverkehrsministerium erklärte auf Anfrage, die zuständigen Straßenverkehrsbehörden könnten die konkrete Lage vor Ort am besten einschätzen und verwies auf die Zuständigkeit der Länder, die bereits heute bestimmte Straßen oder Strecken für Motorräder aus Lärmschutzgründen sperren dürfen - dafür ist jedoch ein sogenannter Mittelungspegel entscheidend.Diese Regelung kritisiert Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). "Es macht doch keinen Sinn, wenn man zur Beurteilung des Motorradlärms den Durchschnittswert des ganzen Jahres zugrunde legen muss", so Hermann. Die Wintermonate und schlechtes Wetter verzerrten die Werte.Hermanns Ministerium, ein Wortführer beim Versuch der Länder, strengere Lärmschutzregelungen für Motorräder durchzusetzen, hält die Tiroler Regelung grundsätzlich für geeignet, um besonders laute Motorräder zu sanktionieren. Sie hat dem Ministerium zufolge jedoch auch Grenzen. So sei der Zusammenhang zwischen Standgeräusch und Fahrgeräusch nicht zwingend gegeben - und rechtlich sei eine Umsetzung in Deutschland derzeit nicht möglich. Ein Fahrverbot wegen eines bestimmten, in den Fahrzeugpapieren vermerkten Geräuschpegels muss nach Ansicht des baden-württembergischen Verkehrsministeriums per Bundesgesetz ermöglicht werden. Das fehlt dem Ministerium zufolge jedoch - daher habe nach Ansicht des Stuttgarter Ministeriums derzeit kein Bundesland die Möglichkeit, ein derartiges Fahrverbot zu erlassen.Der Landkreis Oberallgäu teilt diese Sichtweise. "Wir haben momentan nicht die rechtlichen Mittel, eine Regelung wie in Tirol zu erlassen", erklärt Sachgebietsleiter Fleischhauer. Er würde es begrüßen, vom Bund mehr Möglichkeiten zu bekommen, um Motorradlärm stellenweise einzuschränken, so Fleischhauer. "Wenn der Gesetzgeber uns mehr Möglichkeiten gibt, wäre ein Modell wie das in Tirol auch bei uns prinzipiell vorstellbar."Das dürfte indes vorerst an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) scheitern. Sein Ministerium verwies auf Anfrage lediglich auf eine Aussage Scheuers gegenüber der "Passauer Neuen Presse", er wolle "keine weiteren Verbote und Verschärfungen für Motorradfahrer".nIcon: Der Spiegel