Bitte lächeln! Radarfalle in Nordrhein-WestfalennS. Ziese/ imago images Da fährt man friedlich seine gut 50 km/h, übersieht einmal das 30er-Schild, zack, schon blitzt es und der Führerschein ist für einen Monat weg. Die reformierte Straßenverkehrsordnung löste bei zahlreichen Autofahrern diese Angst aus. Mehr als 150.000 Menschen unterschrieben eine Petition, der zufolge das Fahrverbot ab einer Geschwindigkeitsübertretung von 21 km/h innerorts und 26 km/h außerorts unschuldige Autofahrer drangsaliere. Vorher betrugen die Werte 31 und 41 km/h. Tatsächlich, die strengere Durchsetzung unveränderter Regeln empfinden viele offenbar als Drangsalierung. Dank eines Formfehlers können alle, die sich derart drangsaliert oder gar in ihrer beruflichen Existenz bedroht fühlten, erst einmal aufatmen: Die neue Bußgeldregelung ist offenbar unwirksam, mehrere Bundesländer wollen bis auf Weiteres zur alten Fahrverbotsregelung zurückkehren.Wer 50 fährt, war nie in GefahrTatsächlich ist diese Entscheidung ein unfassbarer Rückschritt. Denn wer sich ablenken lässt und deshalb 30 km/h zu schnell ist, braucht dringend eine Denkpause. Die neue Straßenverkehrsordnung hätte ihm diese zu Recht verschafft. Selbstverständlich wäre es sinnvoll, Tempo-30-Zonen durch farbige Markierungen besser erkennbar zu machen. Dass der zeitweilige Führerscheinentzug ab 21 km/h über der erlaubten Geschwindigkeit unschuldige Autofahrer bedrohe, war aber schlicht und ergreifend nie der Fall. Tatsächlich waren die bei Übertretungen von 21 km/h innerorts verhängten Fahrverbote für Autofahrer, die sich an die Regeln halten und nur mal ein Tempo-30-Schild übersehen, zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr. Ein Rechenbeispiel: Laut einer Untersuchung des ADAC von 1426 Fahrzeugen aus den Jahren 2006 bis 2015 liegt die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit 4,7 Prozent unter dem auf dem Tacho angezeigten Wert.Wer also mit Tacho-50 das Dreißiger-Schild übersieht, fährt demnach tatsächlich 47,65 km/h, bleibt unter der "drangsalierenden" Fahrverbots-Grenze von 21 km/h. Und von diesem Wert werden nochmals drei Kilometer pro Stunde als Toleranz abgezogen. Wer sich also an Tempo 50 hält, war niemals in seiner Existenz bedroht und musste auch keine Fahrverbote fürchten. Sogar wer Tacho-55 fährt, bleibt nach Abzug der Messtoleranz unter dem Grenzwert von 21 km/h. Lasche Strafen animieren zum zu schnellen FahrenGefährlich wird die Regelung nur für diejenigen, die gewohnheitsmäßig zehn oder 20 km/h zu schnell unterwegs sind. Das Fahrverbot träfe also nie den Falschen oder die Falsche. Damit sagte die neue Regelung dem größten Problem auf deutschen Straßen den Kampf an: dem gewohnheitsmäßigen zu schnellen Fahren. Seien wir ehrlich, hierzulande fährt fast jeder die meiste Zeit zehn km/h mehr als erlaubt, obwohl Abstandstempomat und automatische Verkehrszeichenerkennung das Einhalten von Tempolimits heute so einfach wie nie zuvor machen. Dennoch werden die, die sich an die Begrenzungen halten, nach wie vor schnell zum Verkehrshindernis. Der gewohnheitsmäßige Regelbruch hätte uns allen durch die neue Bußgeldregelung endlich zum Verhängnis werden können. Wer bei erlaubten 50 km/h Tacho-60 fährt und dann das Tempo-30-Schild übersieht, rauscht dem ADAC-Wert zufolge nach Abzug der Toleranz mit 54,18 km/h in die Radarfalle und müsste den Führerschein für einen Monat abgeben - und das zu Recht. Tempo 50 heißt nun mal Tempo 50, nicht 50 plus x. Der Straßenverkehr wäre mit dieser Regelung also für uns alle sicherer.Trotzdem kann man den Autofahrern dieses Verhalten - und auch die vielen Beschwerden - nur bedingt vorwerfen, es wurde ihnen schlicht vom alten Bußgeldkatalog anerzogen. Es drohten keine Fahrverbote, sondern - wenn überhaupt - lumpige Bußgelder. Und selbst wenn man die 30er-Zone übersah und dort mit Tacho-60 geblitzt wurde, musste man kein Fahrverbot befürchten. Das drohte - Wiederholungstäter ausgenommen - erst ab 31 km/h über der erlaubten Grenze. Das führt zu einer gefährlichen Banalität zu schnellen Fahrens, gerade im Stadtverkehr, wo jeder km/h weniger entscheidend sein kann. Im Fall des bei Tacho-60 übersehenen Tempo-30-Schildes kommt erschwerend hinzu, dass sich der Bremsweg bei doppelter Geschwindigkeit vervierfacht. Für einen Fußgänger oder ein die Fahrbahn überquerendes Kind kann das tödlich enden. Solche Unfälle zu vermeiden und den Straßenverkehr sicherer zu machen, sollte das oberste Ziel sein.Um Menschen zum Einhalten von Tempolimits zu bringen, sind harte Sanktionen leider das beste Mittel, das zeigt ein Blick in die Schweiz. Die dortigen Strafen bringen fast jeden 20 km/h zu schnell fahrenden Autofahrer dazu, jedes Tempolimit bereits am Schild exakt einzuhalten. Ansonsten drohen hohe Bußgelder und Fahrverbote, bei 21 km/h zu viel ebenfalls ein Monat Fahrverbot - mindestens.Das Beispiel Schweiz zeigt auch, warum Auto- und Motorradfahrer solche Maßnahmen nicht als "Drangsalierung" empfinden sollten. Es geht nicht darum, Menschen zu bevormunden oder gar auszunehmen. Die strengen Regeln sind dort Teil eines auf den Namen "Via Sicura", sichere Straße, getauften Programms, das die Zahl der Toten und Verletzten im Straßenverkehr senken soll. Zur Jahrtausendwende starben jährlich noch knapp 600 Menschen, im vergangenen Jahr waren es 187. Für so viele verschonte Leben sollte es nicht zu viel verlangt sein, ein Tempolimit exakt einzuhalten. Und wenn das nur mit härteren Strafen möglich ist, sollten wir diese akzeptieren.nIcon: Der Spiegel