Die Bahn soll bis 2030 in Deutschland deutlich pünktlicher, schneller und auch in abgelegenen Gebieten attraktiver werden. Um dieses Ziel zu erreichen, haben Branchenverbände, Gewerkschaften und Bundesregierung einen sogenannten Schienenpakt beschlossen. Binnen zehn Jahren soll die Zahl der Fahrgäste verdoppelt werden und der Anteil des Schienengüterverkehrs auf 25 Prozent steigen. "Die Schiene kann mit diesem Pakt der Verkehrsträger Nummer eins werden", sagte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Er wolle die Eisenbahn zum Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts machen.Verbände, Verkehrsunternehmen und die Politik hatten rund zwei Jahre über den Pakt diskutiert. Zu den nun vereinbarten Zielen gehören:mehr digitale Stellwerkstechnikelektrische Oberleitungen an mehr Streckendie Förderung technischer Innovationen im Bahnbereichder sogenannte Deutschlandtakt.Der Deutschlandtakt ist zentraler Baustein des Paktes: Fernzüge sollen auf den Hauptstrecken alle halbe Stunde verkehren. Zwischen Hamburg und Berlin wird dieser Rhythmus schon im Dezember eingeführt. Außerdem sollen Anschlüsse besser aufeinander abgestimmt werden, um Wartezeiten zu vermindern. So sollen ländliche Regionen besser angebunden werden. Zugfahren soll dadurch so einfach werden, wie es das S-Bahn-Fahren in Ballungsräumen heute ist. Scheuer spricht von "kleiner Revolution"Auf vielen Strecken dürfte es jedoch noch Jahre dauern, bis der Takt umgesetzt werden kann. Verkehrsminister Scheuer sprach dennoch von einer "kleinen Revolution" und verkündete, sich auf EU-Ebene außerdem für einen "Europatakt" einzusetzen.Allein für den Deutschlandtakt ist es jedoch erforderlich, Schienen, Weichen und Signale erheblich auszubauen. Derzeit gebe es zu viel Verkehr auf einer zu knappen Infrastruktur, räumte Bahnchef Richard Lutz ein. Daher sollen nun Knotenpunkte ausgebaut werden. Geplant sind außerdem der Aus- und Neubau sowie die Reaktivierung von Strecken. Priorität haben unter anderem folgende Verbindungen:Würzburg-Nürnberg (Neubaustrecke)Hanau-Würzburg/Fulda-Erfurt (Ausbaustrecke und Neubaustrecke)Hamburg-Hannover und Bremen-Hannover (Ausbaustrecke und Neubaustrecke)der Korridor Mittelrhein. Dazu zählt eine Neubaustrecke zwischen den Ballungsräumen Rhein-Main (Frankfurt und Umgebung) und Rhein-Neckar (Karlsruhe und Umgebung)sowie die großen Knotenpunkte Frankfurt am Main/ Hamburg/Hannover/Köln/Mannheim/München.Viel vom Deutschlandtakt verspricht sich der ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub Deutschland (VCD), einer der Unterzeichner des Pakts. Durch schnellere Verbindungen und abgestimmte Anschlüsse bis in die hintersten Winkel des Landes dürften Fahrgastzahlen für Bus und Bahn steigen. Doch der VCD sieht Hindernisse: "Der Plan ist ambitioniert. Mit dem heutigen Schienennetz lässt er sich noch nicht bewerkstelligen", sagt der VCD-Sprecher für Bahnpolitik, Philipp Kosok. Vom kommenden Jahr an müssten die Haushaltsmittel für den Netzausbau deutlich angehoben werden. Bei den investierten Mitteln lag Deutschland in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich deutlich zurück. So flossen im Jahr 2018 in Deutschland pro Kopf gerade einmal 77 Euro ins Schienennetz, in Italien dagegen 93 Euro. Die Schweiz investierte pro Kopf 365 Euro. Die Eidgenossenschaft ist aber nicht nur bei den Investitionen weit voraus, sondern auch bei einem aufeinander abgestimmten, integralen Taktfahrplan.Dort wurde ein Taktfahrplan bereits 1982 eingeführt, seit 2004 verbindet der Fernverkehr die Städte in einem Halbstundentakt. Um das in Deutschland zu ermöglichen, sollen bis 2030 fast 90 Milliarden Euro ins Schienennetz investiert werden. Der Lobbyverband Allianz pro Schiene bezeichnete den Bundeshaushalt 2021 deshalb als ersten Belastungstest für den Schienenpakt. Dann werde sich zeigen, "ob diese Regierung tatsächlich die Schiene von Steuern und Abgaben entlastet und die Investitionen erhöht oder nur davon redet", so Geschäftsführer Dirk Flege. Für eine echte Verkehrswende müsse die Bundesregierung außerdem die Prioritäten der Verkehrspolitik ändern und die Vorfahrt für den Straßenverkehr beenden. Hier sind die Mittel nach Angaben der Allianz pro Schiene bisher ungleich verteilt. Im Jahr 2018 flossen staatliche Infrastruktur-Investitionen demnach zu 54,7 Prozent in den Straßenverkehr und nur zu 45,3 Prozent ins Schienennetz - Österreich investierte dagegen 67,3 Prozent der Mittel in die Schieneninfrastruktur.nIcon: Der Spiegel