Sie sehen aus wie Baustellen, die neuen Radwege in Berlin. Lediglich die gelben Markierungen am Boden weisen darauf hin: dies ist ein sogenannter Pop-up-Radweg. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein neu geschaffener, bis zu zwei Meter breiter temporärer Fahrradweg, der meist dort entsteht, wo sonst Autos parken oder fahren. Entstanden sind diese Radspuren aus der Not heraus: Sie sollen Radlern während der geltenden Corona-Pandemie den geforderten Mindestabstand gewähren - und sorgen nebenbei für mehr Sicherheit.   Auf dem vielbefahrenden Kottbusser Damm hat der Umbau zwei Tage gedauert. Zuvor gab es hier gar keinen Radweg. Lisa Feitsch, Sprecherin ADFC Berlin"Wir sind sehr erfreut, dass es hier jetzt einen Fahrradweg gibt.  Jeder, der mit dem Fahrrad schon einmal in der Stadt hier in dem Teil unterwegs war, der weiß Kottbusser Damm, das war eine absolute Alptraumstrecke." Konkret sah der Alptraum der Radfahrer am Kotti so aus: Fahren mitten auf der Straße, Zweite-Reihe-Parkern ausweichen oder gar den Weg mit Fußgängern teilen. Heute sichern Baustellenbaken den Rad- vor dem Autoverkehr.  Lisa Feitsch, Sprecherin ADFC Berlin"Die Pop-up-Radwege, wie Sie jetzt bestehen, sind natürlich noch nicht an allen Stellen perfekt. Vieles ist eben in der Ausgestaltung temporär. Das bedeutet: An gewissen Stellen braucht es auch noch finale Poller. Braucht es noch besseren Schutz vor dem KFZ-Verkehr. Vor allem ist es wichtig, dass Maßnahmen wie eben die neuen Radwege nicht an den Bezirksgrenzen enden, sondern dass es flächendeckend in der ganzen Stadt ein Netz an sicheren Radwegen gibt." Noch ist Berlin davon allerdings weit entfernt. Bislang gibt es in der Hauptstadt mehr als zehn Pop-up-Radwege. Die meisten davon in Friedrichshain-Kreuzberg. In den Bezirken Mitte, Pankow und Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es jeweils eine dieser vorübergehenden Spuren. Seit Anfang März sind in Berlin rund 22 Kilometer neue Radwege entstanden. Und es sollen weitere Strecken hinzukommen: etwa in Mitte, Neukölln, Tempelhof-Schöneberg und Treptow-Köpenick. Andere europäische Städte wie London oder Kopenhagen sind da schon deutlich weiter und radikaler. In Brüssel etwa wurde vor wenigen Tagen die komplette Innenstadt zur verkehrsberuhigten Zone erklärt - zunächst ebenfalls als Maßnahme, um Fußgängern und Fahrradfahrern in Zeiten von Corona mehr Abstand zu ermöglichen.  In Berlin hingegen rühmt sich der Verkehrssenat mit der Errichtung von Pop-up-Radwegen. Der Ausbau des Radverkehrsnetzes wurde allerdings bereits im Sommer 2018 mit dem Mobilitätsgesetz verabschiedet. Um die Verkehrswende voran zu treiben, wurden seit 2016 aus 3,5 Experten-Stellen mehr als 70. Passiert ist seitdem trotzdem wenig. Jetzt hingegen scheint es plötzlich im Eiltempo voran zu gehen. Ganz ungelegen kommt Corona dem Senat offenbar nicht.  Regine Günther, Berliner Senatorin Verkehr, Bündnis90/Die Grünen "Bei Corona ist das Motto Abstand halten und das gilt natürlich für alle. Und insofern haben wir schon die dringende Notwendigkeit gesehen, auch den Radfahrern jetzt schnell mehr Raum zu geben. Deshalb haben wir uns entschlossen, schon bestehende Planungen deutlich vorzuziehen.”  Reporterin: "Berliner wundern sich, warum es jetzt so schnell geht." "Wir haben natürlich auch in den letzten drei Jahren viel verändert. Wir haben die gesetzliche Grundlage verändert. Wir haben jetzt noch Zeit gebraucht, um die Regelwerke anzupassen. Wir haben personell in den Verwaltungen aufgestockt, und wir haben die Beziehungen zwischen den Ämtern, zwischen Hauptverwaltung und Bezirksamt neu strukturiert. Und insofern konnten wir jetzt auch schneller sein. Auch weil wir auf bestehenden Planungen aufsetzen."  Bis 2030 sollen 100 Kilometer Radschnellwege in Berlin existieren und so viele Autopendler zum Umsteigen verführen. Durch Corona könnte der Verkehrssenat nun aufholen, was in der letzten Jahren versäumt hat. Denn in der Krise zeigt sich: die Verhaltensmuster ändern sich. Eine spontane Umfrage der Technischen Universität Berlin und dem Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung Potsdam, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt, zeigt zudem, wie sich die Pandemie auf das Mobilitätsverhalten der Berliner auswirkt. Dazu wurden 1.661 Menschen befragt, ob sie jetzt anders unterwegs sind. Die Befragten gaben an, das Fahrrad deutlich häufiger zu nutzen, seit die Corona-Maßnahmen eingeführt wurden. Auch das Zu-Fuß-Gehen nimmt zu. Das Auto wird nur geringfügig mehr genutzt. Großer Verlierer hingegen ist der Öffentliche Nahverkehr." Die Autofahrerlobby kritisiert die Maßnahmen des Senats trotzdem als undurchdacht.  Sandra Hass, Sprecherin ADAC Berlin-Brandenburg"Die Gleichung des Senats weniger Autos, weniger Platz für Autos gleich weniger Autos. Das kann unserer Ansicht nach nicht aufgehen. Denn wenn man mal schaut auf vor Corona-Zeiten, dann hatten wir da schon eine große Parkplatznot. Wir waren auch Stauhauptstadt Nummer eins in Deutschland. Und trotzdem sind die PKW -Zulassungszahlen weiter angestiegen. Das zeigt ganz eindeutig, dass Berlinerinnen, Berliner und Brandenburger Pendler nach wie vor auf ihr Auto angewiesen sind. Und diesen Bedarf darf man in der politischen Debatte eben nicht ignorieren Und es macht natürlich auch keinen Sinn, so ein Pilotprojekt in Corona-Zeiten zu starten, wo das Verkehrsaufkommen ja gar nicht den realen Bedingungen entspricht."  Regine Günther, Berliner Senatorin Verkehr,Bündnis90/Die Grünen "Der ADAC kritisiert vor allem, dass der Platz von Autofahrern weggenommen wird. Da muss ich sagen: Ja, das ist richtig, und dazu stehen wir auch. Das soll auch so sein. Weil in den letzten 75 Jahren wurden Städte gebaut für Autos. Wir glauben, dass wir das ändern müssten. Dass jetzt hier nicht wieder abzubauen. Wäre ja auch widersinnig, sondern dann zu sagen: Von einer temporären Anordnung wird es eine dauerhafte Anordnung. Und es wird dann auch so befestigt, dass nicht kontinuierlich draufgepackt wird. Das heißt, es wird protected da, wo es möglich ist, und wird geschützt durch Poller. Und das ist schon die Zielsetzung, die wir verfolgen.” Dass die Planung und Errichtung von Pop-up-Radwegen nicht überall funktioniert, wird besonders in Charlottenburg-Wilmersdorf deutlich. Kilometer lang parken nach wie vor Autos auf dem neu errichteten Radweg.  VOXPOP "Ich kann gar nicht einordnen, was das sein soll, da parken ja die ganzen Fahrzeuge. Ich kann das ja gar nicht benutzen, also insofern ist das relativ witzlos."  "Ich fahre hier häufiger die Strecke und ich bin es auch schon vorher gefahren bevor es diese Streifen gegeben hat. Also insofern, fühlt es sich für mich nicht wesentlich sicherer an als vorher."  "Wenn sie frei sind, dann ist es gut. Aber die meiste Strecke hier ist zugeparkt. Und dann haben sie auch noch eine zweite Parkspur eingeführt. Im Moment ist es einfach undurchsichtig – aber auch für die Autofahrer." Das Gefühl auf der Straße deckt sich ebenfalls mit der Umfrage der TU Berlin. Die Befragten konnten darin selbst formulieren, welche Vor- und Nachteile Pop-up-Radwege für sie haben. Zusammengefasst zeigt sich, viele der Befragten fühlen sich etwas sicherer und freuen sich über den gewonnenen Platz. Als Nachteil wird unter anderem gesehen, dass die Radwege von Autos zugeparkt werden und die Autofahrer aggressiv reagieren. Sollte der Senat an seinen Plänen festhalten, könnten solche Radwege wie hier in Mitte zum festen Stadtbild gehören. Ob diese oder auch Pop-up-Radwege letztlich mehr Menschen dazu bewegen aufs Rad umzusteigen bleibt abzuwarten.  Sophia Becker, Mobilitätsforscherin TU Berlin "Ich glaube, wir stehen jetzt wirklich an einem Scheideweg in Bezug auf die Verkehrswende. Corona alleine bringt auf jeden Fall nicht die Verkehrswende, weil wir ja auch sehen, dass wir gerade zu wenig Mobilität haben. Es könnte sein, dass wir einen richtigen Rebound Effekt in Bezug auf das Auto sehen. Dass der Autoverkehr wieder stärker steigt. Es könnte aber auch sein, dass wir den jetzigen Trend fortsetzen, dass der Radverkehr und der Fußverkehr steigt. Trotzdem liegt natürlich jetzt die Chance in dieser großen Veränderung, dass wir am Ende klimafreundlicher und umweltschonender unterwegs sind und uns damit auch keine neuen Risiken einhandeln." In Berlin wird sichtbar: Corona verändert, wie wir uns fortbewegen. Noch ist offen, wie nachhaltig solche schnell umgesetzten Verkehrsmaßnahmen sind - und wer am Ende als Gewinner oder Verlierer aus der Pandemie hervorgeht.