Unfallchirurg im Interview Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat plädiert neuerdings für ein Tempolimit von 130 km/h. Ein Unfallchirurg erklärt, warum das sinnvoll ist - und warum wir nicht nur über Todeszahlen sprechen sollten. Ein Interview von Emil Nefzger 30.05.2020, 17.16 Uhr Deutsche Autobahn: Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat fordert ein Tempolimit von 130 km/hnCHROMORANGE / Martin Schroeder/ imago images/CHROMORANGE SPIEGEL: Herr Spering, Sie sind Unfallchirurg und haben am Beschluss des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR), sich für ein Tempolimit einzusetzen, mitgearbeitet. Mit welchem Gefühl steigen Sie ins Auto oder gar aufs Motorrad? Christopher Spering: Ein Motorrad ist für mich ausgeschlossen, ins Auto steige ich sehr bewusst. Menschen machen Fehler, das versuche ich einzukalkulieren und nicht auf meinem Recht zu beharren. Man muss anderen einräumen, Fehler zu machen. Nur so kommt man sicher ans Ziel - und das ist das wichtigste. F. S. Kimmel/ DGOUnChristopher Spering, Jahrgang 1982, ist Oberarzt an der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie an der Universitätsmedizin Göttingen. Er leitet die Arbeitsgemeinschaft Prävention der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie und den Vorstandsausschuss Verkehrsmedizin beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat und hat dort Regeln für mehr Sicherheit auf Autobahnen mitgestaltet. SPIEGEL: Der DVR hat sich nach einem langen Prozess für ein Tempolimit ausgesprochen, wie beurteilen Sie als Unfallchirurg diese Entscheidung?Spering: Die Geschwindigkeit ist bei Unfällen entscheidend für die Schwere der Verletzungen, das Votum war für mich deshalb ein wichtiger Schritt. Wer in einem modernen Fahrzeug mit 30 km/h gegen ein Hindernis fährt, kommt heutzutage meist mit Prellungen und Verstauchungen davon, bei der vierfachen Geschwindigkeit kommt es oft zu Bauchverletzungen durch die Sicherheitsgurte, die den Körper zurückhalten müssen. Auch Verletzungen der Halswirbelsäule bis hin zu Knochenbrüchen sind möglich, gleichzeitig kann die Verformung des Pkw zu Verletzungen des Beckens, des Brustkorbs und des Kopfes führen. SPIEGEL: Was passiert bei noch höheren Geschwindigkeiten?Spering: Bei einem Unfall mit beispielsweise 160 statt 130 km/h muss die Karosserie viel Energie abfangen. Dabei kommt es oft zu einer so starken Verkleinerung des Fahrgastraumes, dass der Großteil der Energie auf den Körper übertragen wird. Innerhalb dieser 30 km/h kann deshalb die Grenze zwischen Leben und Tod verlaufen. Menschen, die solche Unfälle erleiden, schaffen es oft gar nicht mehr in die Traumazentren oder bis auf den OP-Tisch, weil sie an ihren Verletzungen vor Ort sterben. Solche schweren Unfälle können durch ein Tempolimit zurückgehen. SPIEGEL: Trotzdem ist die Zahl an Verkehrstoten auf deutschen Autobahnen vergleichsweise gering. Wäre es nicht wichtiger, die Sicherheit zuerst auf Landstraßen zu erhöhen?Spering: Auf Autobahnen haben wir jährlich mehr als 5000 Schwerverletzte. Man sollte deshalb nicht die Verkehrssicherheit auf Landstraßen und Autobahnen gegeneinander aufwiegen. Wir ergreifen schließlich auch harte Sicherheitsmaßnahmen im Flug- und Eisenbahnverkehr, obwohl dort pro Kilometer kaum Menschen sterben. Wenn es um die Sicherheit geht, darf man nicht das eine tun und das andere lassen. Der DVR fordert deshalb nicht nur ein Tempolimit, sondern ein ganzes Maßnahmenpaket, um Autobahnen sicherer zu machen. Für Landstraßen wurde so ein Paket bereits verabschiedet. SPIEGEL: Die geringere Anzahl der Toten lässt sich aber nicht von der Hand weisen.Spering: Das ist richtig, sie hängt aber von vielen Einflussfaktoren ab und ist alleine keine gute Messgröße. Wir haben in Deutschland ein sehr dichtes Netz von Traumazentren, ein ärztlich besetztes Rettungswesen und über 100 Hubschrauberstandorte. Europaweit hat kein anderes Land ein so umfangreiches Rettungssystem und Kliniknetzwerk. Unser Gesundheitssystem trägt maßgeblich dazu bei, höhere Todesraten zu verhindern, nicht nur die vermeintliche Sicherheit der Autobahnen.Sich allein auf die Todeszahlen zu fokussieren, reicht deshalb nicht aus. Menschen sollen Unfälle auf Autobahnen nicht nur überleben, sondern anschließend wieder ein lebenswertes Leben führen. Und das hängt stark von der Schwere des Unfalls ab und die wiederum von der gefahrenen Geschwindigkeit. Ein Tempolimit ist aus medizinischer Sicht angebracht.SPIEGEL: Wäre ein vorübergehendes Tempolimit dann auch bei steigenden Corona-Infektionen eine Option, um die Krankenhäuser zu entlasten?Spering: Aktuell ist die Lage im deutschen Gesundheitssystem gut. Wenn es zu einer größeren Infektionswelle kommt, wäre ein vorübergehendes Tempolimit denkbar. Damit könnte man dazu beitragen, die Patientenzahlen kurzfristig zu reduzieren und verhindern, dass Krankenhäuser ans Limit kommen.SPIEGEL: Wenn die Argumente für ein Tempolimit so klar sind, warum hat es dann so lange gedauert, bis der DVR sich zu diesem Beschluss durchringen konnte?Spering: Im DVR sitzen viele Organisationen mit unterschiedlichen Expertisen, die alle gute Argumente vortragen. Hier kommen von Unfallforschern über Fahrzeugkonstrukteure bis hin zu Ärzten verschiedene Fachrichtungen zusammen. Das führt zu langen und intensiven Diskussionen, aus meiner unfallchirurgischen Perspektive kann ich dabei aber nicht alle Ansichten nachvollziehen. SPIEGEL: Inwiefern?Spering: Ein oft gegen ein Tempolimit angeführtes Argument ist das Selbstbestimmungsrecht. Dieses Recht endet aber dort, wo ich anderen potenziell schade. Bei 250 km/h kann man nicht so gut reagieren wie bei 130 und gefährdet andere, völlig unschuldige Menschen. Mit dem Argument der Verantwortung für andere kommt man bei Gegnern eines Tempolimits aber nicht weit. Da kommt sofort die Frage nach einer wissenschaftlich erwiesenen, sicheren Geschwindigkeit. Und die ist leider schwierig zu beantworten.SPIEGEL: Weniger Geschwindigkeit gleich weniger schwere Unfälle, das ist simple Physik. Wo soll hier der Schwachpunkt sein?Spering: Geringere Geschwindigkeiten können Leben retten, es gibt aber keine Studie, die präzise sagen kann, welche Geschwindigkeit die sicherste ist. Es ist wissenschaftlich beinahe unmöglich, Geschwindigkeit ohne ihre gesamten Wechselwirkungen isoliert zu betrachten. Man kann also nur Bestandteile der Wirksamkeit eines Tempolimits nachweisen. Zum Beispiel, dass es auf mehreren hundert Kilometern Autobahn in Deutschland zusammen mit Lkw-Überholverboten zu signifikant geringeren Todeszahlen geführt hat. Doch auch das reicht den Gegnern nicht aus, dabei ist jeder Tote einer zu viel.SPIEGEL: Trotzdem gab es am Ende eine Mehrheit für ein Tempolimit: 10 Ja-Stimmen, 11 Enthaltungen, vier Gegenstimmen. Wie ist das gelungen?Spering: Indem man Gegenargumente zulässt, die Fakten diskutiert und am Ende zu einer Lösung kommt, die für eine Mehrheit tragbar ist. Das DVR-Präsidium hat das hervorragend moderiert, das Ergebnis ist eindeutig: Ein Tempolimit ist richtig und notwendig.SPIEGEL: Wenn Medizin und Ethik schon in Fachdiskussionen kaum als Argumente ausreichen, was kann die breite Masse eingefleischter Tempolimit-Gegner überzeugen?Spering: Das entspanntere Fahren auf den Autobahnen kann Tempolimit-Gegner überzeugen. Die Deutschen werden ein Tempolimit von 130 km/h genießen, wenn sie es schaffen, sich darauf einzulassen. Man braucht nur minimal länger, kommt aber viel entspannter an und erkennt: Fünf Minuten Zeitgewinn sind das Risiko hoher Geschwindigkeiten nicht wert. Ein Tempolimit senkt aber nicht nur die Zahl der Verkehrstoten und Unfälle, sondern sorgt auch für einen harmonischeren Verkehrsfluss. Das verhindert viele Beinaheunfälle und reduziert Stress. Tempo 130 ist der ideale Kompromiss zwischen Sicherheit und zügigem Vorankommen.nIcon: Der Spiegel