Es ist so etwas wie ein deutsches Ritual: Zieht der Frühling und damit die neue Motorradsaison herauf, ertönen die Klagen über den angeblichen Terror, mit dem Motorradfahrer die Bewohner ländlicher Gegenden überziehen. Jetzt hat dieses Ritual eine neue Eskalationsstufe erreicht: Der Bundesrat hat sich vergangene Woche mit einem teils abstrusen Beschluss an die Bundesregierung gewandt, die nun bei der EU-Kommission drastische Schritte gegen Motorradlärm erwirken soll.n"Die berechtigten Interessen der Anwohner und die der Motorrad Fahrenden gilt es, in einen fairen Ausgleich zu bringen", heißt es in dem Beschluss. Das ist gleich doppelt geschwindelt: Weder ist erkennbar, dass der Bundesrat die Interessen der Motorradfahrer als berechtigt ansieht, noch, dass er sich um einen fairen Ausgleich bemüht. Stattdessen übernimmt er vollständig die Forderungen der Anti-Motorrad-Lobby, die sich nicht zu schade ist, auch mit irreführenden Informationen zu operieren.So will der Bundesrat "Motorsteuerungen" verbieten lassen, "die individuell vom Fahrer einstellbare Soundkulissen ermöglichen". Solche Vorrichtungen gibt es an modernen Motorrädern schlicht nicht. Vom Besitzer wäre so etwas nur mit großem Aufwand nachträglich zu installieren, wenn überhaupt - und es wäre schon nach aktuellem Recht illegal. Der Beschluss des Bundesrats gipfelt in der Forderung nach einem Lärm-Grenzwert von 80 Dezibel, und zwar in allen Fahrzuständen. "Unrealistisch" findet das der Industrieverband Motorrad (IVM). Die Zeitschrift "Motorrad" bringt es genauer auf den Punkt: Ein solcher Grenzwert wäre das Ende des Verbrennungsmotors auf zwei Rädern. "Hat Deutschland den Verstand verloren?"Dessen Ende wird zwar ohnehin kommen, aber der Bundesrat will dabei offenbar nachhelfen. Schon vorher soll es die Möglichkeit geben, weitreichende Motorrad-Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen einzurichten. "Hat Deutschland den Verstand verloren?", fragt etwa die Schweizer Motorradpresse.Ganz unberechtigt ist die Frage nicht. Und das nicht nur wegen des schieren Umfangs dieser Bevormundungs- und Verbotsfantasie. Sondern auch wegen der offenkundigen Diskriminierung, die hier versucht wird und von der fraglich wäre, ob sie rechtlich Bestand hätte.Dabei ist nicht einmal klar, wie groß das Problem ist. Rund 30 Prozent der Motorradfahrer fallen durch "massive Lärmentwicklung" auf, behaupten etwa die Vereinigten Arbeitskreise gegen Motorradlärm (VAGM) auf ihrer Website und berufen sich dabei auf das Umweltbundesamt und eine Studie des Motorradherstellerverbands ACEM. Das UBA aber teilt auf Nachfrage mit: "Es liegen keine Daten vor, wie viele Motorräder außergewöhnlich laut im Straßenverkehr betrieben werden." In der ACEM-Studie ist zwar davon die Rede, dass an 35 Prozent aller Motorräder in Europa illegale Abgasanlagen verbaut sind. Allerdings basiert die Studie auf Quellen, die mindestens 17 Jahre alt sind und damit bestenfalls aus Zeiten der Euro-1-Norm stammen. Seitdem wurden die Lärmvorschriften für Motorräder deutlich verschärft. Dennoch kam die ACEM-Studie schon damals zu dem Ergebnis, dass sogar leistungsstarke Sportmotorräder oberhalb von 80 km/h in der Regel leiser sind als Pkw, sofern es sich nicht gerade um Kleinwagen handelt.Lärmende Idioten gibt es nicht nur auf zwei RädernNatürlich gibt es unter Motorradfahrern, zu denen auch der Autor dieser Zeilen gehört, lärmende Idioten. Dass sie aber von allen anderen Biker dank eines Korpsgeist gedeckt würden, wie die VAGM behaupten, ist schlicht Unfug. Vielmehr sinkt in der Szene die Toleranz gegenüber Krachmachern seit Jahren, was sich auch in der Fachpresse widerspiegelt. Dort werden Motorradhersteller inzwischen sogar für laute Serien-Schalldämpfer scharf kritisiert, wie zuletzt Ducati für das neue Streetfighter-Modell. Der Bundesrat wäre daher gut beraten, mehr Vertrauen in die Motorrad fahrenden Bürger zu zeigen. Vor allem aber sollte er bei Gesetzesvorschlägen den Grundsatz der Gleichbehandlung nicht vergessen. Denn lärmende Idioten gibt es nicht nur unter Motorrad-, sondern auch unter Autofahrern - und dort vermutlich in noch weit größerer Zahl. In Deutschland zugelassene Pkw legen nach Zahlen des Kraftfahrbundesamts rund 65-mal so viele Kilometer zurück wie Motorräder. Sie sind außerdem auch nachts, bei schlechtem Wetter und das ganze Jahr über unterwegs, und das nicht wie Motorräder bevorzugt in dünn besiedelten ländlichen Gebieten, sondern in Städten, wo die Menschen dicht an dicht leben.Welche Lärmbelastung von Autos ausgeht, weiß jeder, der an einer vielbefahrenen Innenstadt-Hauptstraße gewohnt hat. Wenn man im Sommer wie im Winter mehrmals pro Nacht von Posern aus dem Schlaf gerissen wird, die mit ihren Protzkarossen die dreispurige Bundesstraße für Rennen nutzen oder mit durchdrehenden Reifen die Tankstelle gegenüber verlassen.Kollektivstrafen gibt es nur für MotorradfahrerDie Autofahrer unter den Motorradlärm-Gegnern werden sich nun fragen: Was habe ich mit diesen Spinnern zu tun? Richtig, nichts. Das ist genauso viel, wie die allermeisten Motorradfahrer mit den Spinnern in ihren Reihen zu tun haben. Dennoch werden Fahr- und Streckenverbote für Motorradfahrer mit dem Unwesen einiger schwarzer Schafe gerechtfertigt. Für Autofahrer gilt das nicht – trotz des um sich greifenden Poser-Problems und Autorennen, bei denen immer wieder auch Unbeteiligte ums Leben kommen.Manche wähnen sich dennoch automatisch im Recht, weil sie der Mehrheit angehören. "Was sind vier Millionen Motorradfahrer bei 76 Millionen der Restbevölkerung, bei der sich eine Mehrheit durch den Lärm belästigt sieht", schrieb ein SPIEGEL-Leser unter den Bericht über die Bundesratsinitiative. Dann aber könnte man auch fragen: Was sind rund eine Million Besitzer von SUVs gegen die restlichen 79 Millionen? Diese überdimensionierten und übermotorisierten Pseudo-Geländewagen braucht so gut wie niemand. Also: verbieten!Was sind drei Millionen Deutsche, die vergangenes Jahr eine Fahrt auf einem Kreuzfahrtschiff unternommen haben – jenen schwimmenden Umweltsauereien, die schöne Buchten verschandeln und Bewohner von Städten wie Venedig in den Wahnsinn treiben? Klar, daran hängen auch Arbeitsplätze. Aber so etwas interessiert Motorradlärm-Gegner auch nicht. Also weg damit!Und Urlaubsreisen per Flugzeug? Eine noch größere Umwelt- und Klimasauerei als Kreuzfahrten, außerdem verbunden mit massiver Lärmbelästigung von Stadtbewohnern, die das Pech haben, in der Nähe eines Airports zu wohnen. Auch das also gehört: verboten.Zum Glück wird all das nie geschehen, auch weil dann wohl viele Motorradlärm-Gegner auf die Barrikaden gingen, die gerne große Autos fahren oder mit dem Flugzeug in ferne Länder schweben.Sicher, die Gesetzeslage in Sachen Verkehrslärm ist verbesserungsfähig. Und ja, Lärm macht krank. Je stärker man ihn reduzieren kann, desto besser. Wenn man glaubt, den Bürgern dazu mit Verboten statt Vertrauen begegnen zu müssen, kann man auch radikale Maßnahmen ergreifen. Die sollten dann aber die Interessen aller berücksichtigen - und nicht nur die von Ausflugsziel-Anwohnern.nIcon: Der Spiegel