Bei schönem Wetter schwärmen Deutschlands Motorradfahrer auf landschaftlich reizvollen, kurvigen Strecken aus. Deren Hobby und der daraus resultierende Lärm wird für Anwohner jedoch oft zur Belastung - nicht nur in den Alpen, im Harz, der Eifel oder im Erzgebirge. Nach dem Willen des Bundesrats sollen Motorräder künftig deshalb weniger Lärm verursachen.nDie Länderkammer will einen Maximalwert von 80 Dezibel (db/A) durchsetzen, das entspricht in etwa der Lautstärke eines vorbeifahrenden Lkw. Auch Sounddesign, über das Fahrer die Geräuschkulisse einstellen können, soll verboten werden. Zudem wollen die Länder Motorrad-Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen an besonders belasteten Strecken ermöglichen. Die Entschließung des Bundesrats geht nun an die Bundesregierung. Die entscheidet, ob und wann sie die Anregung umsetzen will. Feste Fristen gibt es hierfür nicht.Auch ein Motorradverband unterstützt feste LärmgrenzenDie unter Druck geratenen Motorradhersteller kritisieren den Bundesratsbeschluss erwartungsgemäß. "Die Forderung nach 80 Dezibel in allen Fahrzuständen ist unrealistisch", sagt der Sprecher des Industrieverbands Motorrad (IVM), Achim Marten. Es sei nicht definiert, bei welcher Geschwindigkeit, wo und wie gemessen werde, so Marten. "Wer mit einem regelkonformen, normalen Motorrad mit 100 km/h an einer Messstelle vorbeifährt, ist immer lauter als 80 Dezibel." Die Fronten scheinen klar: Länder, Kommunen und Anwohner auf der einen Seite, Motorradfahrer und Industrie auf der anderen. Tatsächlich ist die Lage komplizierter. Nicht alle Motorradfahrer sind gegen einen Grenzwert. "Wir fordern schon länger eine feste Lärmobergrenze, die in allen Fahrsituationen gilt", sagt Michael Lenzen, Vorsitzender des Bundesverbands der Motorradfahrer.Derzeitige Regelungen haben viele LückenEr befürwortet zwar einen festen Grenzwert, stört sich aber ebenfalls an den 80 Dezibel. Der Bundesrat habe nicht definiert, ob die 80 Dezibel als Stand- oder Fahrgeräusch gedacht seien - und auch nicht, wie ein Messverfahren überhaupt aussehen solle, so Lenzen. "So eine pauschale, nicht mit Fachleuten abgestimmte Forderung bringt nichts." Glaubt man dagegen den Befürwortern der 80 Dezibel, ist gerade die Abstimmung der Grenzwerte mit Fachleuten schuld an unnötig lauten Motorrädern. "Offiziell wird der Grenzwert immer weiter heruntergeschraubt, auf der Straße werden die Motorräder aber immer lauter", sagt Holger Siegel, selbst Motorradfahrer und Vorsitzender der Vereinigten Arbeitskreise gegen Motorradlärm (VAGM).94 Dezibel statt 77Tatsächlich liegt der Grenzwert derzeit bei 77 db/A, also unter der geforderten Grenze. Gemessen werde beim Vorbeifahren, einmal mit und einmal ohne Beschleunigung, erklärt Industriesprecher Marten. Damit liegt er eigentlich heute bereits unter den geforderten 80 Dezibel. Diese Beschränkung lässt sich Holger Siegel zufolge jedoch einfach umgehen - und das hat offenbar Tradition. So dürfe eine Ducati Panigale, die nach dem bis 2016 gültigen Euro-3-Standard zugelassen wurde und unter Bestandsschutz fällt, maximal 80 Dezibel laut sein. Allerdings muss sie diesen Wert nur bei 36,6 km/h im dritten Gang einhalten, wendet Siegel ein. "Im Stand bei halber Nenndrehzahl darf sie dagegen 107 Dezibel laut sein, bei Vollgas ist sie noch deutlich lauter", so Siegel. Damit ist sie dann ungefähr so laut wie ein Presslufthammer - und bei 110 db/A wird bereits die Schmerzgrenze erreicht.Auch bei der aktuellen Euro-4-Norm sei dieses Schlupfloch nicht geschlossen worden. Messungen der Fachzeitschrift "Motorrad" bestätigen Siegels Vorwurf: Zwei Schwestermodelle in Euro-4- und Euro-3-Ausführung waren trotz der unterschiedlich strengen Normen, nach denen sie zugelassen wurden, bei der Beschleunigung bis an den Drehzahlbegrenzer mit 94 db/A gleich laut.Leise im Test, laut auf der StraßeDas liege an den Klappenauspuffen, die in fast allen modernen Maschinen verbaut seien, erklärt Siegel. Die sollen durch gezielte Eingriffe in den Abgasstrom eigentlich den Verlauf des Drehmoments verbessern - helfen gleichzeitig aber dabei, trotz immer höherer Spitzenleistungen die Lautstärkegrenzen in den Tests einzuhalten."Das ist die Mutter aller Abschalteinrichtungen", klagt Siegel und verweist auf den VW-Abgasskandal und die Betrugssoftware in diversen Diesel-Pkw. Dabei erkannte die Motorsteuerung des Wagens einen Abgastest und schaltete in einen Modus, in dem die Abgaswerte eingehalten wurden - auf der Straße lagen die Emissionen dagegen um ein Vielfaches höher.Motorradfahrerverband gegen KlappenauspuffeAuch den Verband der Motorradfahrer stören die Klappenauspuffe. "Die Motorräder sind so ausgelegt, dass der Klappenauspuff beim Lautstärketest geschlossen bleibt", erklärt der Vorsitzende Michael Lenzen. "Bei Vollgas geht die Klappe auf die Maschinen werden extrem laut, das muss nicht sein." Auch er befürwortet eine Regelung, die dieses Vorgehen unterbindet.Für Lärmkritiker Siegel zeigen die Klappenauspuffe das grundlegende Problem: So hätten die Hersteller zu viel Einfluss auf die Gestaltung der Vorschriften: "Bisher gibt die Industrie Empfehlungen ab, die dann in Grenzwerte gegossen werden. Eine Norm hat sich aber nicht danach zu richten, was technisch möglich ist, sondern was aus gesundheitlicher Sicht angebracht ist." Der Gesetzgeber solle deshalb eingreifen und Grenzwerte vorschreiben, die die Hersteller dann einhalten müssen.Fahrverbote als KollektivstrafeDeutlich größeres Konfliktpotenzial geht aber von den vom Bundesrat geforderten beschränkten Motorrad-Fahrverboten an Sonn- und Feiertagen aus. Der Verband der Motorradfahrer sieht sie als Diskriminierung - und verweist auf andere, laute Verkehrsteilnehmer: "Wer nicht über Sportwagen und Quads redet, gleichzeitig aber Motorradfahrer an Wochenenden und Feiertagen auf bestimmten Strecken aussperren will, diskriminiert vier Millionen Menschen", so Verbandsvorsitzender Lenzen.Auch der ADAC bezeichnet Kollektivstrafen für alle Motorradfahrer als nicht angemessen - und sie würden dem Autoclub zufolge lediglich dazu führen, dass die Biker auf andere Strecken ausweichen. Der ADAC und der Motorradfahrer-Verband fordern stattdessen Lärmdisplays, die Motorradfahrer auf einen unnötig lauten Fahrstil hinweisen sowie verstärkte Polizeikontrollen. "Bevor man neue Gesetze erlässt, sollten die vorhandenen Möglichkeiten erst einmal ausgeschöpft werden", so Lenzen. Zwar sei der Ärger der Anwohner absolut nachvollziehbar, erklärt der Verbandsvorsitzende, "wir sollten dieses Problem aber gemeinsam lösen, ohne anständige Motorradfahrer pauschal auszusperren".Lärmkritiker Siegel will diese Argumentation nicht gelten lassen. "Der Lärm macht den eigenen Garten für viele Menschen unbenutzbar und schadet der Gesundheit", so Siegel. Motorradfahrer auf bestimmten Strecken auszusperren hält er deshalb nicht für diskriminierend. "Die Freiheit der Motorradfahrer endet dort, wo sie den Anwohnern schaden."nIcon: Der Spiegel