Es herrschte ein geradezu babylonisches Sprachgewirr. "Polorad", "Jugend-Geländerad", "Spielfahrrad", "Moto-Cross-Fahrrad", "Luxus-Super-Sportrad" - unter solchen Namen wurden in Deutschland Ende der Sechzigerjahre merkwürdige Fahrräder angeboten, die in den USA zu dieser Zeit als "High-Riser" boomten. Hierzulande nahm der Trend erst ab 1970 so richtig Fahrt auf. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil die chromverzierten Fahrräder mit den hohen Lenkern, langen Sätteln und knalligen Farben endlich einen coolen Namen bekommen hatten: Bonanzarad.nDie akribisch recherchierte Geschichte dieses Fahrradkults, der in den späten Fünfzigerjahren im kalifornischen San Diego begann, gibt es jetzt erstmals in Buchform: "Die Bonanzarad-Bibel" (Delius Klasing Verlag, 176 Seiten, 29,90 Euro) heißt das Werk von Autor Jörg Maltzan, Grafiker Martin Langhorst und Fotograf Alexander Ziegler. Darin erfährt man, dass Peter Mole vom Fahrradteile-Händler John T. Bill & Company neugierig wurde, als er Anfang 1962 von Lieferengpässen für die zuvor kaum gefragten "Riserbars" (Hochlenker), "Goosenecks" (Lenkervorbauten) und "Polo Seats" (Bananensättel) hörte.Um sich selbst ein Bild davon zu machen, warum Fahrradfreaks in Südkalifornien offenbar nicht genug von diesen Teilen bekommen konnten, reiste er nach San Diego. Dort staunte er über die fantasievoll gepimpten Fahrräder. Zurück am Schreibtisch telefonierte er umgehend mit dem Fahrradhersteller Huffman Company in Ohio. Resultat: Im Januar 1963 kam das "Huffy Penguin Bike" auf den Markt, mit Hochlenker und Bananensattel, zum Preis von 53 Dollar. Es war der Beginn eines beispiellosen Booms: In den Sechzigerjahren verdoppelten sich die Zahl der pro Jahr verkauften Fahrräder in den USA von anfangs 4 auf zuletzt 8 Millionen. Wesentlicher Grund dafür waren die neuen "High-Riser". "Die Form ist mehr als ungewöhnlich"Zum ersten Mal war ein Fahrrad mehr als ein schlichtes Fortbewegungsmittel. Die neuen Modelle wurden mit Spiegeln, Wimpeln, Schaltkonsolen, Lenkgrifffransen, Auspuffattrappen und extra kleinen Vorderrädern nach dem Vorbild von Chopper-Motorrädern aufgemotzt. Sie waren Modestatement, Stilikonen, Statussymbole. Zumindest auf dem Schulhof und vor der Eisdiele.Und in Europa? Als 1964 auf der Internationalen Fahrrad- und Motorradausstellung in Köln der Fahrradhersteller Kynast erstmals ein solches Bike vorstellte, wussten niemand so recht, was das sollte. Ein Reporter des "Bersenbrücker Kreisblatts", der Zeitung aus der Heimatregion der Firma Kynast aus Quakenbrück, beschrieb den Fahrrad-Sonderling so: "Die gesamte Form ist mehr als ungewöhnlich." Warum Pornoschaltung? Warum Bonanza?Eine korrekte Beobachtung - und der Schlüssel zum Erfolg. Denn auch hierzulande fuhren ab Ende der Sechzigerjahre vor allem Jungs auf die Fahrräder mit Geweihlenker, Trommelbremsen, "Bananensattel", "Sissybar" und "Pornoschaltung" ab. Es sind die unverzichtbaren Merkmale eines Bonanzarads, wobei die Sissybar genannte Lehne je nach Typ und Geschmack in Länge und Form variierte; und Pornoschaltung war der Spitzname der Schaltkonsole (meist einer Dreigang-Nabenschaltung), die auf dem Oberrohr des Rahmens und damit unmittelbar vor dem Unterleib des Fahrers positioniert war. Zudem verfügten die deutschen Modelle - ein stilbildendes Extra - über separate Lenkstangen aus zwei Rohren, während die US-Typen fast immer mit Hochlenkern aus einem Rohr bestückt waren. Über die exakte Herkunft des Namens Bonanzarad wiederum lässt sich nur spekulieren. Fest steht jedenfalls, dass er erstmals 1970 im Katalog des Versandhauses Neckermann auftauchte. Radprofi und Weltmeister Rudi Altig - Spitzname "Die rollende Apotheke" - warb für das neuartige Jugendbike (Preis 199 Mark) mit dem Spruch: "Der Straßenkreuzer unter den Sporträdern.""Fahrradtechnische Fehlkonstruktion"Ein euphorisches Urteil, das allenfalls auf die Optik der Bonanzaräder zutraf. "Fahrradtechnisch war das eine Fehlkonstruktion", sagt Buchautor Jörg Maltzan. Er fuhr als Junge ein Bonanzabike, doch das wurde ihm alsbald gestohlen. Vor einigen Jahren stieß Maltzahn, der bei sich selbst eine "Fahrrad-Macke" diagnostiziert, wieder auf das Thema "Bonanzarad". Er besorgte sich ein Wrack vom Schrottplatz, möbelte es wieder auf und hat mittlerweile eine kleine Sammlung der ehemaligen Kulträder in der Garage. "Das Fahrgefühl ist schon extrem lässig, aber man ist auf einem Bonanzarad weder schnell, noch mag man es über längere Strecken fahren. Und wegen der speziellen Sitzposition ist der Schwerpunkt viel zu weit hinten."Für Wheelies, also das kurzfristige Fahren nur auf dem Hinterrad, ist das ideal. Für unkontrollierte Stürze allerdings auch. Der Begeisterung für diese Art von Fahrrädern jedoch tat das damals, in den Siebzigerjahren, zunächst keinen Abbruch. Die Absatzzahlen explodierten, 1971 lag das Umsatzplus bei Kinder- und Jugendfahrrädern schon bei 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Immer mehr Fahrradhersteller bauten jetzt Bonanzaräder, immer neue Kreationen wurden entwickelt. Sogar in der DDR fertigte die Firma Bächtiger aus Dessau ab 1972 ein solches Rad. Mitte der Siebzigerjahre verpuffte der Bonanzarad-Hype allerdings schon wieder. Sicherheitsbedenken, eine abflauende Konjunktur und neue Fahrradtrends (BMX, Mountainbikes), die abermals aus den USA kamen, brachten die Bonanzarad-Blase zum Platzen.Die Tour de France auf einem BonanzaradSelbstverständlich gibt es nach wie vor eine Fanszene, es gibt immer wieder mal Revival-Versuche und darüber hinaus sind die oft orangefarbenen Bikes (RAL 2003, "Pastellorange") ein beliebtes Accessoir bei Siebzigerjahre-Parties. Beispiele für poppig bunte Blüten, die der Bonanza-Boom noch heute treibt, finden sich im Buch zuhauf. So sprach Autor Maltzan mit Thorsten Schreiter. Der errang 1997 bei der ersten und bislang einzigen Weltmeisterschaft im Bonanzarad-Fahren - ein Vierkampf in den Disziplinen Kunstradfahren, Downhill, Slalom, Rennen - im niederrheinischen Moers den WM-Titel. Als Trophäe gab es ein goldfarbenes Plastikpferd. "Vom eigentlich vorgesehenen Geldpreis sprach nach meinem Sieg keiner mehr", berichtet Schreiter.Noch irrer ist Geschichte des Engländers Dave Sims, der 2015 die Tour de France - jeweils zwei Tage vor den Profis - mit einem Bonanzarad bewältigte. Wegen einer vorübergehenden Achillessehnenreizung konnte er zwar lediglich 18 der insgesamt 21 Etappen fahren. Doch immerhin rund 2600 Kilometer schaffte er und bewältigte auch Monster-Anstiege wie die Serpentinen nach L'Alpe d'Huez oder die Etappe auf den Tourmalet. Und das ist auf einem Bonanzarad eine fast noch größere Leistung als im Sattel eines normalen Rennrads.Jörg Maltzan, Martin Langhorst, Alexander Ziegler: "Die Bonanzarad-Bibel. Von Bananensattel & Sissbar bis Pornoschaltung", Delius Klasing, 177 Seiten, 166 Fotos und Abbildungen, 29.90 Euro.nIcon: Der Spiegel