Gelände-Rodeo auf Japanisch © Motor1.com Hersteller Suzuki LJ 80 (1978-1982) Heutzutage werden wir überschwemmt mit Geländewagen oder solchen, die sich dafür halten. Ende der 1970er-Jahre war das noch ganz anders: SUV herrschte nach fünf Herrengedecken im Wirtshaus und Geländewagen waren an einer Hand abzählbar: Der spätere Land Rover Defender, der Toyota Land Cruiser, der Range Rover plus der Lada Niva sowie Jeep, dazu VW Iltis und der Mercedes G als Entwicklungen fürs Militär. Sie alle dachten nicht im Traum an heutigen Latte-Macchiato-Lifestyle, sondern riefen: „Draußen nur Kännchen!“ Solche Autos fuhr nur, wer in den Bergen wohnte, gerne jagte oder den Einmarsch in eine kommunistisch unterwanderte Bananenrepublik plante. Bis Suzuki auf der IAA 1979 den LJ 80 vorstellte. Ursprünglich wollten die Japaner den LJ 80 unter den Namen Eljot oder Jipsy anbieten. Aber in beiden Fällen gab es schon Rechteinhaber. Disney etwa hatte zeitgleich eine Kinofigur namens Elliot am Start. Weitere Klassiker im Fahrbericht:Zeitreise: Unterwegs im Audi 100 (1968-1976)Zeitreise: Unterwegs im BMW 3.0 CSi (E9)Angesichts des putzigen, nur 3,20 Meter langen Wägelchens mochte man kaum glauben, dass auch er eigentlich für den Wehrdienst geschaffen worden war. Die australische Armee orderte ihn. Klar, dieses bisschen Auto konnte man scharenweise an Fallschirmen aus Transportflugzeugen kippen. © Motor1.com Deutschland Suzuki LJ 80 (1978-1982) Den Grundstein dafür legte Suzuki bereits 1970 mit dem LJ 10, der sich an den Kei-Car-Richtlinien orientierte und einen Zweizylinder-Zweitakter unter der Haube hatte. Das mochte man neun Jahre später der zunehmend vergnügungssüchtigen europäischen Kundschaft nicht zumuten. Vor die umklappbare Frontscheibe des LJ 80 wurde ein Vierzylinder-Viertakter mit knapp 800 Kubik Hubraum gepflanzt. Bereits unmittelbar nach dem Anlassen glaubt man, jede einzelne der 41 Pferdestärken bei der Arbeit zu hören. Quasi als Belohnung, dass man sich in den 1,40 Meter schmalen LJ 80 hineingezwängt hat. Immerhin: Das Armaturenbrett trägt seinen Namen zu Recht, wer von den vorhandenen Anzeigen abgelenkt wird, dürfte auch schon von seiner Armbanduhr überfordert sein. © Motor1.com Deutschland Suzuki LJ 80 (1978-1982) Soweit wäre alles im Lot, würde sich nicht ein Mitteltunnel mit unzähligen Hebeln zwischen Fahrer und Beifahrer drängeln. Ein Hebel schaltet bei Bedarf die Vorderachse hinzu, ein zweiter Schaltknüppel ist für die gesonderte Geländeübersetzung zuständig. Nicht nur in dieser Hinsicht erinnert der LJ 80 an den Toyota Land Cruiser. Auch der Leiterrahmen mit aufgeschraubter Karosserie aus Stahlblech zitiert die gute alte Allrad-Schule. Wobei sich mir der Eindruck aufdrängt, dass die Tiefziehpressen nicht übermäßig viel Kraft aufwenden mussten, um die dünnen Türen herzustellen. Ich hingegen umso mehr: Der lange Schalthebel wandert auf ellenlangen Wegen durch das Viergang-Getriebe, Gänge müssen fast mit Gewalt eingelegt werden. Die Kupplung kommt so spät wie ein Student im ersten Semester. Hoppelig setzt sich der LJ 80 in Bewegung, alle 60 Newtonmeter werfen sich ins Zeug, wenn ich auf dem Gas stehe. Ab 70 km/h bin ich voll damit beschäftigt, den mikromanischen LJ auf Kurs zu halten. Lenkspiel? Riesig. Rückmeldung von der Straße? Nur über die Starrachse mit Blattfedern. Der Chronistenpflicht halber: 44 Sekunden soll der LJ 80 auf Tempo 100 benötigen, die Spitze beträgt 107 km/h. Ausprobiert habe ich beides nicht ... © Motor1.com Deutschland Suzuki LJ 80 (1978-1982) Der Wind zerrt so sehr am Verdeck, dass ich Angst habe, bald an der frischen Luft zu sitzen. Völlig grundlos, denn schon im Stand erfordert die Demontage der Mütze eine Mischung aus McGyver, Ikea-Mitarbeiter und Campingfan. Es gab übrigens auch einen Pick-up und eine Version mit festem Dach (siehe Bild), bei uns aber nur das Cabrio. Neupreis 1980: 12.500 DM. © Motor1.com Deutschland Suzuki LJ 80 (1978-1982) Angesichts des mordsmäßigen Lärms bei Landstraßentempo wähne ich den LJ 80 kurz vor dem Abheben. Aus heutiger Sicht ist das Fahrverhalten beinahe kriminell. Aber es ist äußerst spaßig, sich auf dieses Auto-Rodeo einzulassen, bei dem du dich immer schneller fühlst, als du eigentlich bist. Spätestens abseits des Asphalts zeigt der Suzuki, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Der Radstand von lediglich 1,93 Meter macht ihn zur Bergziege, Komfortwünsche könnt ihr sowieso in der Pfeife rauchen. Wobei Holz vielleicht ein gutes Material für den LJ 80 gewesen wäre: Der Rost hat fast alle der kleinen Kraxler aufgefressen. Das Konzept lebt aber bis heute fort. 1982 folgte ihm der SJ respektive Samurai, aus dem der aktuell erhältliche Jimny hervorging. Quasi der Defender des kleinen Mannes.