Nissan Leaf Nismo RCnJaime de Diego Oporto/ Nissan Kurze Frage zu Beginn dieses Textes: Kennen sie das meistverkaufte Elektroauto weltweit? Sie tippen jetzt sicher spontan auf ein Modell von Tesla, oder? Falsch. Der globale Bestseller unter den Stromern ist der Nissan Leaf. Nur weiß das kaum jemand. Das ärgert den japanischen Hersteller offenbar so, dass er sich jetzt zu einer drastischen Reaktion entschlossen hat. Sie heißt Leaf Nismo RC. Selten war die Metapher vom Auto, das in den Zaubertrank gefallen ist wie der Gallier Obelix im Comic "Asterix" so passend wie hier: Der normale, käufliche Leaf ist ein biederes, ein bisschen schrulliges Auto. Der Leaf Nismo RC ist ein Monster.Ein gigantischer Flügel spannt sich über das Heck, die Kotflügel sind weit ausgestellt, tief duckt sich der Leaf Nismo RC auf den Asphalt. Nissan-Designer und Renningenieure der eigenen Tuning-Sparte Nismo entwickelten den Rennwagen in monatelanger Handarbeit, vom Serien-Leaf stammen lediglich Batterie und die Motoren. Sechs Autos entstanden, die Kosten gehen in die hunderttausend Euro pro Fahrzeug. Aber lohnt sich dieser Einsatz? Ist ein Rennauto in der heutigen Zeit noch der richtige Ansatz, um Menschen für Autos zu begeistern, die eigentlich nachhaltig sein sollen? Jaime de Diego Oporto/ Nissan Fotostrecke Nissan Leaf Nismo RC Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der FH Pforzheim, Fakultät für Gestaltung, kann das Engagement von Nissan durchaus nachvollziehen. "Der Nismo RC sieht sportlich aus, ist gut designt und spannt clever einen Bogen zum Serienauto. Damit spricht Nissan eine neue Zielgruppe an", sagt er.Tatsächlich müssen Hersteller von Elektroautos (auch "EV" für "Electric Vehicle" genannt) auch Kunden von ihren Produkten begeistern, die sich bisher wenig für alternative Antriebe interessieren. "Die meisten Fahrer kaufen konservativ", sagt Fügener. Das bedeutet aktuell: Sie sind bisweilen noch empfänglicher für bekannte Auto-Ideale. "Nachhaltigkeit allein reicht nicht. Mit weichen Argumenten wie Sportlichkeit oder Motorsport erreicht Nissan Aufmerksamkeit und erreicht mehr Kunden", erklärt Fügener. Erst drehten die Reifen durch - dann die ZuschauerNissan präsentierte seine erste Version des Elektro-Rennwagens folgerichtig 2018 bei einer Nismo-Party auf dem Fuji Speedway. Eine Veranstaltung für Hardcore-Petrolheads, die Nissan-Sportwagen wie den 370Z mit seinem Sechszylinder oder den potenten Nissan GT-R anbeten - am liebsten in getunten Versionen mit 1000 PS. Glaubt man Gareth Evans, Marketing Communications Manager von Nissan Motorsport, waren die Fans angesichts des flüsterleisen Leaf zuerst verhalten. Aber als der Rennfahrer mit durchdrehenden Reifen Donuts auf den Asphalt brannte, sind sie ausgerastet. Vor Freude. E-Autokäufer sind die richtige Zielgruppe für Rennstrecken-Allüren, findet Andreas Radics, geschäftsführender Partner bei Berylls Strategy Advisors: "Kunden mit einer Affinität für Elektroautos sind über Tesla S, Porsche Taycan und auch Exoten wie Pininfarina Battista an elektrische Power-Cars gewöhnt", sagt er. Auch das Interesse an der Formula E, dem elektrischen Ableger der Formel 1, wachse. Aus einem braven Leaf einen Rennwagen zu bauen, sei daher konsequent. "Nissan gönnt sich mit dem Auto einen attraktiven Versuchsträger, der potenzielle Kunden neugierig auf die kommende E-Generation machen soll", erklärt Radics.Hinzu kommt: Das Konzept von Tesla, seine Elektroautos als Must-Have-Gadgets zu positionieren, wird nicht für alle Hersteller funktionieren. "Der Markt für EVs hat sich inzwischen weiterentwickelt. Wir nähern uns mehr und mehr der heterogenen Marktlandschaft an, die wir aus der Welt der Verbrenner kennen", sagt Radics. Auch, weil E-Fahrzeuge zunehmend alltagstauglich werden und das Angebot an Fahrzeugen beständig wächst. Der Leaf stehe dabei für bezahlbare, zuverlässige und emissionsfreie Mobilität ohne Schnörkel. "Er spricht damit ein anderes Käuferklientel an als Tesla oder Porsche, das mehr Wert auf Image, Technologie, Fahrdynamik und Design legt", erklärt er.Nissan weiß, wie man aus biederen Kutschen Auto-Ikonen machtAber warum sollte ausgerechnet bei einem Brot-und-Butter-Elektroauto der Imagetransfer vom Elektrorennwagen gelingen? Ganz einfach: Weil Nissan das vor 40 Jahren schon einmal geglückt ist. Damals wurde aus der braven Familienlimousine Skyline mit der gleichen Formel über die Jahre ein Auto frisiert, das bei Auto-Fans auf der ganzen Welt Begehrlichkeiten weckt und in seiner heutigen Form als Sportwagen GT-R eine feste Größe im PS-Zirkus ist – und auf die ganze Marke abstrahlt. "Bei Nissan existiert bereits eine Blaupause, die die Marschrichtung für einen sportlichen Leaf oder ein davon abgeleitetes Modell, vorgibt", erklärt Radics.Dabei hat der Nismo Leaf RC, den Nissan in einer zweiten Auflage nun nochmal deutlich angeschärft hat, mit dem Serienfahrzeug wenig gemein. Das zeigt schon eine kurze Fahrt. Die Fahrertür öffnet sich leicht. Eng ist es im Nismo RC, der Pilot ist festgezurrt in seinem Vier-Punkt-Gurt und liegt mehr als er sitzt. Auf einer Schalttafel auf dem Mitteltunnel lässt sich die Stromzufuhr aktivieren, Signale im Lenkrad blinken auf und bestätigen, dass nun Strom zu den E-Maschinen fließt. Hinter dem kleinen Rennlenkrad lassen sich verschiedene Fahrmodi und das Getriebe einstellen. Der Nismo ist bissig abgestimmt, reagiert sofort auf Gaspedal oder Lenkbefehl und liegt bretthart auf dem Asphalt - die Feder-Dämpfer-Einheit kommt aus dem Motorsport. Zwei Lüfter sorgen auf der Piste für einen ausgeglichenen Temperaturhaushalt der E-Motoren, Flüssigkeit kühlt die 62-kWh-Batterie des Nissan Leaf. Vier unterschiedliche Elektronikeinstellungen regeln die Leistung. Von einer gleichmäßigen Verteilung von 120 kW an der Vorderachse und 120 kW an der Hinterachse bis zu einer 100:120-, 80:100- und 60:100-kW-Regelung reicht die Einstellung.Hier offenbaren sich die Vorteile des Elektroantriebes gepaart mit elektronischer Steuerung: Bei Verbrennungsmotoren lassen sich zwar etliche Parameter auch längst elektronisch verstellen, aber eine solche Varianz bieten sie nicht. Auf der Teststrecke in Spanien gehen die Renningenieure auf Nummer sicher und begrenzen die Leistung auf 100 kW hinten und 60 kW vorne. 160 kW/217 PS für einen Rennwagen klingen nach nicht viel – bei nasser Fahrbahn reicht die Leistung aber locker aus, um über den Asphalt zu rutschen. "Der Leaf Nismo RC ist ein fahrendes Versuchslabor"nGareth Evans, Marketingleiter Nissan Motorsport Zudem dringt bei der Fahrt ein infernalisches hochfrequentes Singen durch Helm. Je höher die E-Antriebe drehen, desto schneller wird der Nismo, desto lauter singen die geradverzahnten Räder des Getriebes. Trotz Ohrstöpsel wird es schon nach kurzer Zeit unerträglich laut. Bei voller Leistung verspricht Nissan eine Beschleunigung von 3,4 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 220 km/h. Bis zu 35 Minuten kann der 1,2 Tonnen schwere Renner unter Vollgas mit einer Batterieladung fahren."Der Leaf Nismo RC ist ein fahrendes Versuchslabor, ein Demo-Auto, das die Elektromobilität der Serie mit dem Rennsport verknüpft", begründet Gareth Evans das Projekt. Es ist eine in der Automobilbranche durchaus übliche Strategie, Rennsportengagements mit einem Technologietransfer in die Serie zu erklären. Wobei der Technologietransfer in diesem Falle andersherum fließt – vom Serienauto in die Rennsemmel. Schließlich kommen zwei der wesentlichen Komponenten, die Motoren und der Akku, aus dem Serienfahrzeug.Für Evans ist genau das spannend – und soll die Möglichkeiten aufzeigen, die die Technologie bietet: "Für uns ist der Nismo mehr als eine Spielerei. Wir wollen zeigen, dass die Großserientechnik in einem Rennwagen durchaus Sinn ergibt", sagt Evans.Wie gut der Nismo Leaf RC als Image-Instrument funktioniert, muss sich zeigen. Denn seine Auftritte werden begrenzt sein, die alte Marketing Maxime "Win on Sunday, sell on Monday" (frei übersetzt: Gewinne am Wochenende mit Deinen Autos Rennen und am Montag strömen die Menschen in Dein Autohaus) zumindest wird für ihn nicht funktionieren: Eine  Rennserie fehlt ebenso wie ein Planungen für ein entsprechendes Reglement.nIcon: Der Spiegel Technische Daten zum Nissan Leaf Nismo RC Motor/Antrieb 2 x Elektromotoren EM57 mit je 120 kW/ 163 PS,Gesamtleistung 240 kW/326 PS, 640 NmBatterie62 kWhFahrleistungen 3,4 s auf 100 km/h, 220 km/h SpitzeVerbrauch   n.b.Maße    L 4,54 / B 1,94 / H 1,21 mKofferraum  nicht vorhandenLeergewicht  1.220 kgPreis    n.b.