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Fahrbericht Flowcamper: Minimalisbus

2019-08-18

Ein kleines Musikfestival im Osten von Deutschland ist das perfekte Testumfeld für ein vergleichsweise ungewöhnliches Wohnmobil: den Flowcamper. Kaum auf das Gelände gerollt, zieht der zweifarbig gestaltete Campingbus die Blicke vieler Gäste auf sich. Etliche wollen dann mal reingucken. Die meisten von ihnen fragen nach dem Blick in den Innenraum das gleiche: "Kann man den so kaufen?" Man kann. Der Flowcamper ist das Produkt eines kleinen Herstellers aus Hagen in Nordrhein-Westfalen, er nennt sich Vanufaktur. Dass der Flowcamper so viel Aufsehen erregt, liegt daran, dass der Hersteller ihn zielsicher in einer bisher vergleichsweise unerschlossenen Nische positioniert hat. Auf der einen Seite gibt es einen klaren Trend zu immer üppiger ausgestatteten Mobilen. Nasszelle, Induktionsherd und Infotainment-System sind bei vielen Campern heute schon Standard. Nach oben gibt es in Sachen auswählbarer Annehmlichkeiten keine Grenzen, so manches Wohnmobil gleicht einem Palast auf Rädern. Viel Holz im Innenraum Das andere Ende des Spektrums trifft man eher auf Festivals: Ehemalige Kastenwagen, die von ihren Besitzern mal mehr, mal weniger liebevoll mit individuellen Lösungen zum fahrenden Unterschlupf umfunktioniert wurden. Der Flowcamper besetzt nun den Platz in der Mitte: Die Einrichtung mutet durch ihre schlichte Machart und den hohen Anteil von Naturholzflächen wie ein Eigenentwurf an, der Bus hat den Charme eines selbstausgebauten Bullis. Gleichzeitig besticht er aber durch individuelle, praktische Einbaulösungen, die die Expertise eines erprobten Herstellers verraten. Bestes Beispiel ist die Küche: Statt einer großzügigen Zeile gibt es im Flowcamper ein einfaches hölzernes Küchenelement, das aus drei Würfeln besteht. Darin untergebracht ist alles, was man in einer Camping-Kochgelegenheit erwartet: ein Spülbecken mit 12 Liter Frisch- und Abwassertank, ein dahinter versteckter, ausziehbarer Einflammengasherd, eine elektrische Kühlbox und eine große Schublade für Proviant, sowie eine Besteckschublade. Links neben dem Küchenblock ist sogar noch Platz für eine kleine mobile Campingtoilette. Wem die Mini-Küche für seine kulinarischen Arbeiten nicht ausreicht, kann sich im Heck des Fahrzeugs ausbreiten. Dort gibt es, geschickt hinter einem einrollbaren Gepäckhalter versteckt, ein simples, aber geniales Konstrukt: zwei ausziehbare, 1,10 Meter lange Holzkisten, die gleich mehrere Funktionen erfüllen. Zieht man sie zum Heck hin aus, entfaltet sich darunter jeweils ein Standfuß. So aufgestellt werden die optionalen Boxen zu einer Küchenanrichte, auf denen sich problemlos eine Mahlzeit zubereiten lässt. Einfache, verschiebbare Holzdeckel erweitern die Arbeitsfläche, und funktionieren zeitgleich als Deckel für die Kisten, um an den Reiseproviant oder andere Utensilien zu gelangen. An der Stirnseite kann man zusätzlich ein faltbares Spülbecken anbringen. Über den beiden Kisten ist weiterer Stauraum vorhanden, links daneben ist Platz für eine weitere Kühlbox oder Gepäck. Transportable Dusche Wo in anderen Campernnüchtern und modern gestaltete Möbel verbaut werden, ist der Innenraum des Flowcampers größtenteils mit Holz verkleidet. Auch der Boden kann wahlweise aus Holz gefertigt oder die Seitenwände auf Bestellung mit robustem Filz überzogen werden.Sämtliche der aus Fichtenholz gefertigten Oberflächen sind geölt und abwischbar. Hartnäckige Flecken kann man dadurch vorsichtig mit ein wenig Schleifpapier entfernen, ohne Spuren zu hinterlassen. "Automobiler Minimalismus" nennt Martin Hemp das Prinzip, das hinter dem Flowcamper steckt. Er ist Chef der Vanufaktur und Entwickler des Campers. "Das Auto verbindet den Wunsch nach der Freiheit des Campers mit dem minimalistischen Lebensgedanken", so Hemp. Alcantara, Cerankochfeld oder elektrisches Hubdach gebe es für den Flowcamper nicht. Die wenigen Annehmlichkeiten, die die Vanufaktur für den Flowcamper bietet, sind auch maximal reduziert und durchdacht. Zum Beispiel die batteriebetriebene, transportable Dusche, auf die Hemp besonders stolz ist. Ein kleiner Akku versorgt eine Pumpe rund 50 Minuten mit Strom, die dann Wasser aus einem Kanister in den Duschkopf pumpt. Der Akku kann, wenn er leer ist, anschließend am 12-Volt-Anschluss wieder aufgeladen werden. Zur Nachtruhe bettet man sich auf der 1,60 mal 1,87 Meter großen dreiteiligen Liegefläche im Heck des Autos. Die lässt sich in Sekunden aufbauen, indem man das Sitzpolster entriegelt, nach vorne zieht und zwei darunter befindliche Metallfüße aufstellt. Ein besonderer Clou: Das Kopfteil im Heck lässt sich schräg aufstellen, so dass ein großes Sofa entsteht. Optional gibt es ein Aufstelldach mit einer 1,10 mal 1,85 Meter großen Liegefläche. Unkonventionell und praktisch Praktisch sind auch die sogenannten "Airlineschienen", die normalerweise zum Verzurren von Paketen in Kurierfahrzeugen genutzt werden. Im Flowcamper wiederum lassen sich daran praktisch alle möglichen Utensilien variabel befestigen: vom Küchenrollenhalter, über LED-Spot, bis hin zum Duschkopf im Heck des Campers. Die Schienen sind optional und lassen sich im gesamten Innenraum installieren. Dass der Flowcamper nicht von der Stange ist, zeigen auch viele andere Detaillösungen. Zusätzliche Ablagetaschen unterm Schlafdach, der drinnen wie draußen nutzbare Schwenktisch, die zusätzliche Heckgardine, mit der man auch bei geöffneter Heckklappe noch Sichtschutz hat, ein variabel positionierbares LED-Lichtsystem, oder die mit beschreibbarem Tafellack lackierten Möbelfronten. Großserienhersteller könnten diese Details so nicht umsetzen. Zumindest nicht, ohne dass dabei der Preis des Campers in astronomische Höhen schießen würde - zu groß wäre der Aufwand für Hersteller wie VW, Ford und Co. In seiner Einfachheit ist der Flowcamper eine gelungene Reminiszenz an den Ur-Bulli VW T1. Ein Beispiel, was damit gemeint ist: damit die Standfüße der Heckboxen auf unebenem Gelände ausgeglichen werden können, liefert Flowcamper ein paar Ausgleichshölzer mit. Die sind genau das, was die Bezeichnung vermuten lässt: rechteckig zugesägte, hölzerne Klötzchen. "Oft sind die einfachen Lösungen noch die besten", sagt Hemp. Die Blöcke seien nicht so anfällig für Schäden, wie beispielsweise ein System mit Telekop-Stützen. Preise ab 40.400 Euro In der Basisausstattung kostet der Flowcamper 40.400 Euro. Wer das optionale Schlafdach (6000 Euro), die Zweifarbfolierung (2500 Euro) und ein paar weitere Extras wie zusätzliche mobile Solaranlage, hölzerne Seitenverkleidung im Innenraum oder die beschriebenen Stauboxen im Heck ordert, landet im Bereich um die 50.000 Euro. Andere Campingbusse fangen in diesem Preissegment erst an. Und was macht das Leben im Flowcamper anders, als in anderen Campern? Während andere Hersteller in schwülstigen Marketing-Phrasen die Individualität ihrer Fahrzeuge anpreisen, bietet der Flowcamper sie mit seinen zahlreichen Detaillösungen einfach. Vor allem aber macht der Minimal-Bus Lust auf Verzicht. Wer glaubt, ein vollausgestattetes Reisemobil mache das Leben auf dem Campingplatz angenehmer, kann sich vom Flowcamper eines Besseren belehren lassen. Unaufgeregt führt er zurück zum Wesentlichen: den Urlaub in der Natur.

Quelle: https://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/flowcamper-im-test-billiger-bulli-fuer-einsteiger-in-retro-optik-a-1274423.html#ref=rss

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