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Mit Elektroautos kann es man es sozusagen lautlos krachen lassen. Denn während Verbrenner sich allenfalls zu Leistung trimmen lassen, indem man sie in jahrelanger Feinarbeit darauf konditioniert, schütteln Stromer die Power nur so aus dem Ärmel. Klar, die Akkugröße muss stimmen wegen des Stromflusses, und auch Kühlperformance ist ein Thema, sonst degradiert die Maschine rasch wieder – und nach wenigen Minuten der vollen Last muss sie herunterregeln. All das schreckt die Autohersteller nicht, monstermäßige Leistungswerte in die Datenblätter zu schreiben – auch den EQS gibt es mit 761 PS. Doch bleiben wir auf dem Boden der Realität, und als Flottenbetreiber mit wachem Controling im Hintergrund dürfte man gehalten sein, jedweden Luxus maßvoll einzusetzen. Das bedeutet in Zahlen: Mercedes-Benz EQS 450+ mit 333 PS und Hinterradantrieb genügt. Ein einziger Elektromotor bedeutet denn auch weniger Energieverbrauch. Ist doch gut, schließlich erfüllt das batterieelektrische Fahrzeug auch einen ökologischen Auftrag, und der bedeutet verhaltenen Umgang mit Ressourcen.

Nichtsdestotrotz ist der Basis-EQS kein labberiger Tofu-Burger, sondern schon eher ein saftig-krosser Bio-Beefburger, der nicht den Hauch von Verzicht einfordert. Okay, bei der Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h geht Mercedes jetzt nicht aufs Ganze, aber der Weg dahin kann ein Grinsen nicht verhindern. Nach 6,2 Sekunden steht Landstraßentempo, und ähnlich nachdrücklich beschleunigt der lautlos fahrende Topliner bis zur abgeregelten Höchstgeschwindigkeit weiter. Die Mundwinkel zeigen also lange nach oben. Aber nicht nur wegen der Performance. Denn in erster Linie muss ein EQS ja leise und komfortabel sein, handelt es sich ja um das elektrische Pendant zur S-Klasse. Demnach rollt kein einziges EQS-Exemplar ohne die Luftfederung Airmatic vom Händlerhof mit betont komfortabler Abstimmung. Man spürt die Ausrichtung vor allem beim Überfahren harter Unebenheiten – als ultimativer Test für das Ansprechen der Dämpfung eignen sich nur halbherzig abgesenkte Bordsteine. Und selbst die entschärft das XXL-Elektroschiff ziemlich gründlich, muss man sagen. 

Dass der überkomfortable Kilometerfresser flüssigen Kraftstoff verschmäht, ruft bei vielen Beobachtern Stirnrunzeln hervor. Strecke mit einem batterieelektrischen Auto, kann das funktionieren? Zunächst führt der Mercedes 107 kWh Strom mit sich, was im aktuellen Ranking ziemlich viel ist. Dann bürgen 200 kW Ladeleistung für zügiges Befüllen der großen Batterie. Allerdings muss der Akku für optimales Laden gut temperiert sein, das ist klar. Daher sollte man darauf achten, nicht unmittelbar nach dem Losfahren zu laden, wenn eine längere Strecke auf dem Plan steht und man über Nacht nicht laden kann, sondern lieber noch am Vorabend vor der Ankunft. Genial ist auch, dass das Navigationssystem eine für das Lademanagement optimale Route berechnet, bei der sogar berücksichtigt wird, ob die Ladestation gerade frei ist oder nicht. Was das hiesige Schnellladenetzwerk angeht – das ist schon recht dicht, wächst allerdings mit jedem Tag weiter. Langstrecke und Elektroauto schließen sich definitiv nicht aus, allerdings ist der Planungsaufwand im Vergleich zum Verbrenner noch etwas größer.

Und das Reisen mit dem EQS ist ein vergnügliches Unterfangen. Sanftmütige Fauteuils begeistern, das Platzangebot im Fond ist überbordend, zumal der Stromer quasi gar nicht erst mit „normal“ langem Radstand auf die Straße kommt, wofür auch die Bezeichnung „V297“ spricht. Entsprechend kann man sich hinten räkeln und die Beine ausstrecken. Man sollte indes nicht am Fondsitz-Paket zu netto 3.320 Euro sparen, denn dann lassen sich die Lehnen auch noch elektrisch verstellen. Dieses Feature erhöht den Komfort, weil sich die Lehnenneigung dann an die individuelle Rückenhaltung anpassen lässt. Ansonsten kann man sich durchkneten lassen, während man auf den flexiblen Luftbälgen elektromotorisch-lautlos durch die Gegend schwebt. Oder aber das fröhlich-bunte Ambientelicht bewundern und als Beifahrer auch nach Herzenslust verstellen, bis sich der richtige Farbton passend zum Seelenzustand findet. Und angesichts insgesamt 64 Tönen wird sicherlich einer dabei sein. Doch ausschweifende Farbwelten sind nicht die einzige Überraschung, die der EQS bereithält.

Dazu müssen wir noch einen kurzen Exkurs in die Hardware starten. Denn bei solchen Abmessungen wird sich so mancher Leser fragen, ob der Luxusliner überhaupt noch wendig ist. Allerdings rollt jede Ausführung des Topstromers mit 4,5 Grad Lenkwinkel an den Start, den man gegen 1.300 Euro auf zehn Grad erweitern kann. Empfehlung gefällig? Unbedingt kaufen! Denn damit wird der große Mercedes wirklich unglaublich handlich und witscht durch die Parkhäuser wie eine Kompaktklasse. Übrigens verfügt jeder EQS serienmäßig über das so genannte ParkPaket, damit ihn auch User in enge Parklücken bugsiert bekommen, die mit dem Längsparken nicht so vertraut sind. Dabei visualisiert der Mercedes das Vorgehen auf dem gestochen scharfen Screen. Hervorzuheben ist bei den Stuttgartern auch die exzellente Sprachbedienung, die wirklich erstaunlich gut arbeitet. Selbst wenn man beispielsweise das Navigationsziel schlunzig dahinnuschelt, schnappt das System die Straße in der Regel noch auf. Dickes Lob an dieser Stelle! 

Kommen wir zum Preiskapitel, was ganz nach dem Motto gestaltet ist, „wer viel geleistet hat, darf dem Kunden auch viel berechnen“. Die Mercedes-Ingenieure haben allerdings definitiv geliefert, also möchte der Hersteller gerne mindestens 90.190 Euro netto für den EQS 450+. Förderung bei der Anschaffung gibt es in diesen Sphären nicht mehr, aber für Gewerbekunden lohnt sich, dass als Berechnungsgrundlage zur Ermittlung der Dienstwagensteuer lediglich die Hälfte des Bruttolistenpreises gilt. Wer sich mit dem Gedanken trägt, einen Vierfuffzig zu bestellen, dürfte auch mit der Grundausstattung ziemlich zufrieden sein. Sämtliche Assistenz und Infotainment sind serienmäßig. Darüber hinaus gibt es die elektrische Heckklappe und elektrisch verstellbare wie beheizte Sitze. Aber es ist natürlich gute Mercedes-Tradition, dass man sich bei der Individualisierung austoben kann. Wie wäre es damit, den EQS per Smartphone von außen in eine Parklücke zu manövrieren? Klingt spacig, ist aber gegen 1.550 Euro netto Aufpreis sogar möglich. Wer auf optische Verfeinerung steht, kann viele Tausend Euro alleine in Dekor, Felgen und Sitze investieren.